Zeitung Heute : Brüten im Dienste der Umwelt

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

Keine Idee war ihnen zu blöd – von der Beerdigung über eine Hochzeit bis zum Selbstmord: Über alles haben sie nachgedacht, um ihre Diplomarbeit zu meistern. Die Aufgabe für die sechs Studenten der Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste: eine Werbekampagne für erdgasbetriebene Autos entwickeln. Auftraggeber: die Gasag.

„Wir haben lange gesucht, bis wir eine Idee hatten, die allen unseren Ansprüchen genügte.“ Wofür sie sich entschieden haben, dürfen die Studenten aber noch nicht verraten. Am 10. April wollen die sechs ihr Werk bei der Gasag präsentieren. Dann wird das Unternehmen entscheiden, ob es die Kampagne übernimmt. Vorher darf kein Außenstehender die Einzelheiten kennen. Auch nicht Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne), der Interesse an dem Vorhaben zeigte.

Rund 500 Erdgasfahrzeuge fahren zurzeit durch die Stadt – künftig sollen es mehr werden. Das ist nicht nur das Ziel der Sechsergruppe, die sich selbst Me-gas nennt, sondern auch der Berliner Politik, die mit Hilfe der Initiative „TUT – Tausend Umwelt-Taxis für Berlin“ deren Zahl in den kommenden Jahren von 21 auf 1000 erhöhen will. Die Fakten sprechen für den neuen Treibstoff: Erdgas kostet mit rund 67 Cent pro Kilogramm nur etwa halb soviel wie Benzin. Außerdem bekommt jeder, der ein neues Erdgasfahrzeug in Betrieb nimmt, von der Gasag einen Tankzuschuss von bis zu 777 Euro. Einzulösen an einer der zwölf Berliner Erdgastankstellen. Die Gasag selbst hat schon ihren gesamten Fuhrpark auf Erdgas umgestellt.

Als erstes haben sich die sechs Werber mit den Fakten beschäftigt. Kaufmotive, Zielgruppe, Nebenzielgruppe, Werbemittel – nach kreativen Küchensitzungen bei Wein und Zigaretten klingen die Wortfetzen, die durch den Arbeitsraum der Studenten fliegen, nicht. Die habe es zwar auch gegeben, doch im Vergleich zur wissenschaftlichen Ausarbeitung der Kampagne sei das Kreative nur ein kleiner Teil. Im August haben die Studenten mit der Planung und Forschung angefangen. Erst seit Februar arbeiten sie an der kreativen Umsetzung. Und auch die ist schwierig genug. „Plattmachen“ heißt das Stichwort, bei dem Daniel Plassmann Alpträume bekommt. Seine Aufgabe ist es, einen knackigen Slogan für die Kampagne zu finden. Wann immer er eine Idee hatte, in der Nacht, unter der Dusche oder beim putzen, sobald er sie seinen Mitstreitern vortrug, gehörte sie der Vergangenheit an.

Auch das Privatleben bleibt nicht verschont. So führt Ulrike Wefers, in der Gruppe verantwortlich für Planung und Text, seit Monaten Grundsatzdiskussionen über Erdgasfahrzeuge mit Freunden und Verwandten. Man rede von nichts anderem, stimmen die restlichen fünf zu. Daniel Plassmann rief bei Kollegen schon Besorgnis hervor, als er einmal das Telefon mit den Worten, „Guten Tag, mein Name ist Erdgasfahrzeuge“ abnahm. Alle außer einer haben aufgehört zu rauchen. „Diesen Stress hält man nur durch, wenn man gesund lebt“, sagt Marion Wiese, die den kreativen Teil übernommen hat. Auch das dürfte Trittin gern hören. Am 30. Mai werden die Studenten ihre Kampagne in der Aula der UdK präsentieren. Es wäre toll, wenn der Minister käme, sind sich die sechs einig. Und wenn die Gasag die Kampagne doch nicht haben will, nimmt sie vielleicht das Umweltministerium.

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