Zeitung Heute : Brutale Wirklichkeit

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Von Thomas Roser

Sechs Schüsse und der erste politische Mord ihrer Geschichte haben die Niederlande jäh aus ihrer vermeintlichen Behaglichkeit gerissen. „Unsere Demokratie hat ihre Unschuld verloren“, reagierte der sozialdemokratische Spitzenkandidat Aad Melkert fassungslos auf das Attentat auf seinen populistischen Widersacher Pim Fortuyn: „Die Niederlande sind verändert, das Seil ist gerissen." Mehr als ein Jahrzehnt konnten sich die 16 Millionen Bewohner des Königreichs auf einer der beschaulichsten Wohlstandsinseln wähnen. Das auf dem Konsens zwischen den Sozialpartnern und der Politik basierende „Poldermodell“ hatte dem Land seit Mitte der 90er Jahre konkurrenzlos niedrige Arbeitslosenquoten, satte Wachstumsraten und komfortablen Wohlstand beschert.

Dennoch hatten sich in den letzten Jahren auch die Anzeichen eines wachsenden Unbehagens über den Werteverfall und die Sinnentleerung einer zunehmend individualisierten Gesellschaft gemehrt. Der für Außenstehende angesichts der nach wie vor guten Wirtschaftsdaten kaum nachvollziehbare Aufstieg des flotten Populisten illustrierte die offen schwelende Identitätskrise des Nachbarlands: Die Sinnkrise hat mit der Ermordung von Fortuyn nun einen traurigen Höhepunkt erreicht.

Von anderen kopiert

Den Realitäten ins Auge sehen, pragmatische Lösungsansätze suchen, galt bislang als der Leitdraht des niederländischen Politikestablishments. Tabulose Experimentierfreude war den für ihre Liberalität bekannten Nachbarn bislang keineswegs fremd. Heerscharen von Politdelegationen aus dem Ausland pflegen regelmäßig das Königreich heimzusuchen, um sich über die neuesten Segnungen der niederländischen Drogen-, Euthanasie-, Arbeitsmarkt-, Integrations- oder Verkehrspolitik zu informieren.

Der politische Wagemut in Europas größtem Versuchslaboratorium hat sich in vielen Bereichen ausgezahlt, wird oft in anderen Ländern kopiert. Doch die pragmatischen Bemühungen zur Effektivierung des Zusammenlebens in Europas dicht besiedelstem Staat kennen auch Schattenseiten.

Statt Leitlinien zu setzen, hoppeln niederländische Politiker oft willenlos den gesellschaftlichen Entwicklungen und den Empfehlungen ihres Beamtenapparats hinterher. Man müsse die „ideologischen Federn“ abschütteln, verkündete vor einigen Jahren Premier Wim Kok, dessen große Koalition aus Sozialdemokraten, Rechts- und Linksliberalen zwei Legislaturperioden lang seine Vorgaben effektiv umsetzte. Inhalte blieben dabei oft auf der Strecke. Gegensätze wurden oft eher ausgesessen als thematisiert, Skandale erst lange untersucht und dann mit einem langen Kommissionsbericht folgenlos zu den Akten gelegt. Die zu Verwaltern mutierte Politikerkaste verlor dabei zusehends den Kontakt zu ihrer Wahlklientel. Sechs Jahre nach dem Fall der bosnischen Enklave Srebrenica, den niederländische Blauhelme nicht zu verhindern trachteten, kam auch der symbolische Rücktritt des verschlissenen Kabinetts kurz vor den Wahlen zu spät, um glaubwürdig zu sein.

Die so genannte „sinnlose Gewalt“ im Ausgangsleben, dem in den letzten Jahren selbst in Kleinstädten mehrere Jugendliche völlig grundlos zum Opfer fielen, zeugen genauso vom Zerfall und den gesellschaftlichen Brüchen der einstigen Solidargemeinschaft des Kleinstaates wie die ausufernden Exzesse der berüchtigen Hooligans von Ajax Amsterdam oder Feyenoord Rotterdam: Als diese im Sommer 1999 das Zentrum der Hafenstadt in Schutt und Asche legten, vermochte sich die in Bedrängnis geratene Polizei nur noch mit scharfen Schüssen zu wehren.

Hier fügt sich jetzt zumindest ein Puzzle gut zusammen: Fortuyn hat unter den Hooligans und Anhängern von Feyenoord viele Wähler. Fortuyn selbst wollte das UEFA-Cup-Finale zwischen Rotterdam und Borussia Dortmund auch besuchen, verzichtete dann aber darauf, weil er sich nach eigenen Worten in der Öffentlichkeit bedroht fühlte. Nicht von den Hooligans, sondern von Unbekannten. Deshalb wollte Fortuyn die nächsten zwei Nächte auch „nicht in seinem Rotterdamer Haus verbringen“, berichtete Feyenoord-Manager Jan D. Swart. Normalerweise besucht er regelmäßig Meisterschaftsspiele in De Kuip. Hooligans aus Den Haag beteiligten sich in der Nacht zum Dienstag auch an den Krawallen in der Innenstadt von Den Haag. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. In einigen Geschäftsstraßen schlugen die Hooligans Schaufensterscheiben ein. Ähnliche Ausschreitungen fürchtet auch die Stadtverwaltung von Rotterdam.

Über die Sicherheitslage diskutiert

Beim Feyenoord-Training am Dienstagvormittag erschienen Hunderte von Fans mit Fotos des in Hilversum erschossenen Politikers. Rotterdams Trainer Bert van Marwijk sprach sich für eine Absage aus: „Ich bin geschockt wie die Spieler. Sie können sich nicht auf den Fußball konzentrieren. So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Der Vereinsvorstand hatte am Montagmorgen im Stadion De Kuip wenige Stunden vor dem gewaltsamen Tod des Rotterdamer Politikers eine Stunde lang mit dem Spitzenkandidaten der „Liste Pim Fortuyn“ über die Sicherheitssituation in den Fußball-Stadien diskutiert: „Wir wollten seine Standpunkte zu Sicherheitsthemen kennenlernen.“

Der Journalist und Soziologieprofessor Fortuyn hatte es im Geburtsland von Big Brother leicht, sich mit seinen von vielen Landsleuten als „erfrischend“ empfundenen Hetztiraden gegen Ausländer gegenüber der hölzernen und zunehmend verunsicherten Bürokratenriege der Regierungsparteien als tabuloser Streiter gegen eine aus dem Ruder gelaufene Duldungspolitik zu profilieren. In einem Land, in dem Drogenkuriere erst gefasst und dann wieder freigelassen werden, Schaffner aus Angst vor Übergriffen auf Kontrollen verzichten, Vorortzüge in Problemstadtteilen nicht mehr stoppen, spielte er geschickt auf unterschwellige Vorbehalte gegen die vermeintliche Überfremdung an.

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