BUCHVORSTELLUNGDavid Toop „Sinister Romance“ : Die Stille von Gemälden

Schon als junger Mann kannte er John Bergers berühmten Essay „Sehen“ („Ways of Seeing“), der mit den apodiktischen Worten „Das Sehen kommt vor den Wörtern“ beginnt: „Das Kind schaut und erkennt, bevor es sprechen kann.“ Nicht erst beim Wiederlesen fühlte sich sein britischer Landsmann, der 1949 geborene Musiker, Autor und Kurator David Toop, zum Widerspruch aufgefordert. Denn noch früher setzt die Entwicklung des Hörens im Mutterleib ein. In seinem gerade erschienenen Buch „Sinister Resonance“ (Continuum, London/New York) geht er dieser ursprünglichen Erfahrung nicht nur in ihrer ganzen Unheimlichkeit nach, er untersucht, wie sie sich in Literatur und Malerei zwischen Klang und Stille artikuliert.

„Sinister Resonance“ – der Titel geht auf das gleichnamige Stück des Komponisten Henry Cowell zurück – ist daher anders als das einst von Diedrich Diederichsen übersetzte „Rap Attack“ oder „Haunted Weather“ nicht eigentlich ein Buch über Musik, sondern über die evolutionäre und kulturelle Ausprägung des menschlichen Sinns, der ihr zugrunde liegt. Mit einer Offenheit, die er schon als Mitglied der Avantgarde-Band The Flying Lizards praktizierte, vermittelt Toop zwischen Naturklängen und Stadtgeräuschen, Neuer Musik, Pop und Jazz, sucht Referenzen bei Virginia Woolf, James Joyce, Herman Melville und Samuel Beckett, interpretiert Bilder von Rembrandt und Vermeer und schafft ein anregendes Textgespinst zwischen Theorie und Erzählung – auf der Suche nach Klang „als Metapher für mystische Offenbarung, Unbeständigkeit, verbotene Wünsche, Unordung, Formlosigkeit, das Übernatürliche und Unbewusste.“ Gregor Dotzauer

HAU 1, Fr 1.7., 19.30 Uhr, 5,50 €

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