BUCHVORSTELLUNGWilfried F. Schoellers große Döblin-Biografie : Ich habe einen Bahnhof in mir

Das Experimentelle bestimmt Alfred Döblins gewaltigen Erzählkosmos, seine „Tatsachenfantasie“. Das schlägt auch auf den Stil seines Biografen Wilfried F. Schoeller durch, der in Ausschnitten erzählt und dadurch die Mitarbeit des Lesers einfordert. „Ich verstehe mich als Anwalt einer neu zu gewinnenden Döblin-Empirie“, sagt Schoeller über sein Projekt, mit dem er „die riesig gewordene Kluft zwischen angehäuftem Deutungswissen der Forschung und weit verbreiteter Unvertrautheit des lesenden Publikums“ überbrücken will. Schon 1994 hatte der langjährige Leiter der Abteilung Aktuelle Kultur im Hessischen Rundfunk dort eine Döblin-Ausstellung unter dem Motto „Ich habe einen Bahnhof in mir, von dem gehen viele Züge aus“ arrangiert.

In acht großen Abschnitten und rund 280 Kleinkapiteln nimmt einen „Döblin. Eine Biografie“ (Hanser) mit auf eine „Schicksalsreise“ durch das besetzte Frankreich in Richtung Portugal und USA. Am 21. Juli 1940 nahm sich der zweitgeborene Sohn Wolfgang, ein Mathematiker, in Housseras in den Vogesen das Leben, als die deutschen Truppen näher rückten. Die nachwirkende Katastrophe seines Sohnes Wolfgang habe mit Döblins eigenem Vaterverlust korrespondiert, schreibt Schoeller. Max Döblin, der Frau und fünf Kinder im Stich ließ, um mit seiner Geliebten nach Amerika aufzubrechen, habe Alfred jedoch den freien Umgang mit der Philosophie vererbt, „die sich niemals zu einem System fügt und als Element des Erzählens changiert“. Das scheinbar autonome Emporschießen der Stoffe und Motive bringt Schoeller mit dem Element des Wassers in Verbindung. Davon berichtet er nun auch im Brecht-Haus. Katrin Hillgruber

Literaturforum im Brecht-Haus, Do 3.11.,

20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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