Zeitung Heute : Bücher: Automobilbau in der DDR

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Es gibt immer wieder Bücher, die schrecken den Leser zunächst. Vor allem so richtig unhandliche Wälzer mit rund 800 engbeschriebenen Seiten wirken niemals locker, wenn sie einem schon allein durch ihr beachtliches Gewicht aus der Hand zu rutschen drohen. Hat man sich dann aber erst einmal in die ersten Seiten hineingefressen, dann lassen manche dieser voluminösen Werke den Leser einfach nicht mehr los, bis man im Anhang angelangt ist. Ein derartiges Buch ist Professor Peter Kirchbergs neues Werk über die Automobilindustrie der nach eigenem Bekunden ersten sozialistischen Republik, die es auf deutschem Boden gegeben hat.

Chronologisch berichtet Kirchberg vom Werden der DDR-Vierradindustrie (inklusive der Traktorproduzenten) aus den Überbleibseln, die Krieg und Demontage übrig gelassen hatten. Das war nicht mehr sehr viel. Und dabei waren zum Beispiel Brandenburg und vor allen Dingen große Gebiete Sachsens und schließlich auch Thüringens vor dem großen Krieg, der Europa in Schutt und Asche versinken ließ, Schwerpunkte des deutschen Automobilbaus gewesen. So hieß es fast durchweg, bei Null neu zu beginnen.

Der alltägliche Mangel, der Erfindungsreichtum der Techniker und die Einflussnahme der politischen Klasse auf die Entwicklung der neuen Fahrzeugindustrie werden sachlich, mit kritischer Distanz und geradezu chirurgischer Gründlichkeit beleuchtet - und alls das geschieht, ohne dabei in Trockenheit einzustauben. Ganz im Gegenteil, die kenntnisreichen Passagen über die Bildung der Großkombinate oder die fragwürdige Anpassung von DDR-Fahrzeugen an die in Lizenz gebauten VW-Triebwerke lesen sich so spannend wie ein Wirtschaftskrimi, der noch dazu erstklassig bebildert ist. Fazit: Muss man haben, sofern man sich für Automobilhistorie oder die Geschichte der DDR interessiert.

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