Zeitung Heute : Bücherecke: Die Scheinwelt der falschen Pseudonyme

Markus Huber

Ganz am Anfang, noch bevor die Geschichte so richtig los geht, hat der Boulevard-Journalist Marc Pohl einen klugen Gedanken: Er möchte ein Buch schreiben. Er möchte raus aus seiner verkorksten Boulevard-Journalisten-Welt, in der er immer nur flache Stars und Sternchen interviewt, Gossip aus der Scheinprominenz zusammenträgt und immer weiter in die Tablettensucht abgleitet. Ein Buch soll ihn also retten, genauer gesagt ein Krimi, und weil es schon so viele Krimis gibt, muss es etwas Extravagantes sein: Ein Krimi, der sich um das Internet dreht.

Thomas Tuma ist auch Journalist, allerdings arbeitet er am anderen Ende des journalistischen Spektrums. Tuma ist beim "Spiegel" und schreibt dort zumeist selten lustige Mediengeschichten. Und nun hat er auch ein Buch geschrieben. Einen Krimi. Über das Internet.

"Tödlicher Chat" heißt Tumas Erstling, und es ist kein schlechter Krimi. Der "Spiegel"-Mann schickt sein Boulevard-Alter-Ego Pohl auf eine spannende Reise durch die dutzenden Chat-Programme der Republik. Ein verrückter Serien-Killer verabredet sich mit seinen Flammen aus den Netz im ganzen Land zu Blind-Dates und bringt sie dabei um. Pohl steckt plötzlich selbst in seinem Netz-Krimi und rutscht immer tiefer in die Scheinwelt der falschen Pseudonyme, erfundenen Lebensläufe und phantasievollen Wort-Erotomanen - so lange, bis er scheinbar den Überblick verliert.

Auf seiner Recherche hat Tuma offenbar selbst viele Stunden gechattet. Diese Autentizität macht das Buch noch fesselnder - auch wenn man noch nie mit einem Unbekannten im Netz gequasselt hat. Und trotzdem merkt man "Tödlicher Chat" an, dass Thomas Tuma nicht irgendein Buch schreiben wollte, dass ihm das reine Erzählen zu wenig ist. Vor allem im ersten Drittel, bevor die Handlung noch so richtig in Gang kommt, verliert sich der Autor in abseitigen Details - mal spielt er mit der Typografie, dann bezieht er einen Deut zu oft Personen des öffentlichen Lebens, die "rein zufällig hier vorkommen" wie beispielsweise Harald Schmidt. Und dann muss der Autor noch beweisen, dass er enorm viele Songs der Popgeschichte kennt, indem er jedes Kapitel unter das Motto eines Songs stellt. Warum eigentlich? Einen Benjamin von Stuckrad-Barre gibt es doch schon.

Was bleibt, ist ein flotter und stellenweise amüsanter Plott. Mehr erwartet man von einem Krimi auch nicht.

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