Zeitung Heute : Bühne frei für die Brandstifter

Jetzt treten im UN-Tribunal Milosevics Zeugen auf. Als Erster Mihajlo Markovic, der berüchtigte serbische Scharfmacher

Caroline Fetscher[Den Haag]

Bequem lehnt er sich zurück, einen Anflug leisen Triumphs in den aufgedunsenen Zügen. Er blickt sich um. Wieder gehört ihm, Slobodan Milosevic, die Bühne des Tribunals. Misstrauisches Blinzeln und überlegenes Lächeln, ein lässig über den Nachbarsessel hängender Arm, unwirsche Einwürfe, gespielte Gelassenheit – zuletzt war sein Waffenarsenal darauf reduziert worden. Jetzt hat er seine Lieblingswaffe wieder zurück: das Wort. Er richtet es auch gleich an „die so genannten Ankläger“. Eine Provokation. „Mister Milosevic, diese Formulierung ist unangemessen“, greift der Vorsitzende Richter Robinson ein. „Ich traue Ihnen zu, andere Worte zu finden.“ Er findet. Vor allem aber soll in dieser Woche ein anderer für ihn sprechen. Milosevics erster eigener Zeuge der Verteidigung. Nein, nicht Clinton oder Albright oder Chirac oder Genscher, die alle auf seiner Wunschliste mit über 1500 Zeugen stehen, sondern der betagte, kauzig wirkende Philosophieprofessor Mihajlo Markovic aus Belgrad. Es bereitet Milosevic ganz offensichtlich nicht wenig Genuss, dass er nun, nachdem 298 Zeugen der Anklage ausgesagt haben, ein wenig Regie führen darf.

Sein Zeuge spurt: „Milosevic brachte eine neue, frische Sprache in die Politik“, raunzt er den Anklagevertreter an, „das war anders als die alten Kommunisten.“ Er brachte, sagen seriöse Zeithistoriker inzwischen, eine Melange aus Nationalismus und Sozialismus. Dass er ein serbischer Nationalist war, will Milosevic hier widerlegen. Und damit die Anklage, die seine Kriege und Kriegsverbrechen auf den skrupellosen Plan des Aufbaus eines großserbischen Reichs zurückführt.

Noch im Sommer hatte das Haager UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien geurteilt, der Angeklagte sei „zu krank“, um sich weiter allein ohne Rechtsbeistand zu vertreten, wie er das seit Anfang 2000 tat. Zwei Pflichtverteidiger wurden bestellt. Als dann Dutzende der loyalen Zeugen des Angeklagten sich weigerten, wegen der Teilnahme „an einer juristischen Farce“ ihre Koffer für Den Haag zu packen, baten die beiden Strafverteidiger um Entlassung. Unlängst entschied das Gericht: Serbiens Ex-Machthaber darf wieder für sich selbst sprechen.

Das Tribunal wird wohl die letzte Bühne sein in der Laufbahn des Slobodan Milosevic, die ihn vom Parteifunktionär über den Staatspräsidenten Jugoslawiens bis zum Angeklagten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dieses UN-Gericht gebracht hat. Richter Robinson mit seiner stattlichen Robe in Rot und Schwarz scheint mehr sich selbst zu warnen als den Angeklagten, als er die Sitzung mit einem Scherz eröffnet: „Na, heute beginnt für uns hier eine schöne neue Welt“ – Brave New World, eine Anspielung auf Aldous Huxleys berühmten Schreckensroman. Auch hier soll es jetzt um ein Buch gehen und zwar um eins, das wie politisches Dynamit gewirkt hatte und dessen Mitverfasser der 82-jährige Zeuge Markovic war. Jeder in Serbien weiß von dieser Brandschrift, dem „Memorandum“ der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986. Serben in Jugoslawien seien, hieß es da, „bedroht von physischer Vernichtung“, sie seien „körperlich und intellektuell entmannt worden“ – vor allem durch Kosovo-Albaner und durch Josip Broz Titos Verfassung, die allen Republiken gleiche Rechte gegeben, die Serben aber stets benachteiligt habe.

Ein starkes Jugoslawien braucht ein schwaches Serbien – das sei Titos Leitspruch gewesen. Nach seinem Tod witterten serbische Nationalisten Morgenluft. Solche wie Professor Markovic, ein alter Weggefährte des Angeklagten. Doch man sieht jetzt die beiden keine Blicke des Vertrauens austauschen. Einer benutzt hier den anderen. Für Milosevic ist der „Professor“, wie alle – die drei Richter, der Ankläger Geoffrey Nice und der Angeklagte selbst – den Herrn mit dem schweren Kinn und dem weißen Haarkranz anreden, ein ideologischer Komplize. Aber der will vor allem sich und seine Rolle in der Geschichte zurechtrücken. „Serbophobie und Chauvinismus“ der Teilrepubliken Jugoslawiens, all das war real, sagt Markovic im Kreuzverhör. Die Wortwahl im „Memorandum“, das Serbiens Nationalismus anheizte, vollkommen gerechtfertigt. „Man wirft mir hier vor, ich sei ein Diktator oder so etwas gewesen“, sagt Milosevic zu seinem Zeugen. Aber es habe doch dauernd Wahlen gegeben in Serbien. Fast zu viele, bestätigt der Professor. Milosevic will demnächst auch seine Rede auf dem Amselfeld im Kosovo noch einmal vorlesen, bei der er am 28. Juni 1989 „kommende Kriege“ ankündigte. Auch als Video will er die Rede erneut vorführen. Die Richter stellen ihm das in Aussicht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass dieses Video am Anfang des Prozesses schon einmal zu sehen war. Verzückt und selbstvergessen hatte derAngeklagte damals auf den Bildschirm geblickt.

Es gerät so manches in Vergessenheit in diesem Prozess. Angst haben Beobachter vor allem vor dem „Szenario null“. So sähe es aus: Der Angeklagte nutzt fast die gesamten 150 Tage, die ihm für die Verteidigung zugestanden werden. Dann wird er krank und für prozessunfähig erklärt. Das Verfahren wird eingestellt. Man schickt ihn nach Hause. Nach Belgrad zu den Seinen, die dort ohnehin eben im Begriff sind, den Nationalismus wieder neue Kräfte zu verleihen. Das wäre der wahre Schreckensroman – Schlimme alte Welt.

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