Zeitung Heute : Bühnenbild live aus dem Laptop

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Wenn man es genau nimmt, ist an einem Ort wie der Dresdner Semper-Oper – immerhin das Haus mit der höchsten Auslastung bundesweit und den meisten Besuchern, die zwischendrin mal für eine Besichtigung hereinschneien – eigentlich alles digitalisiert. Dass Sänger hier noch ihre echten Stimmen vorführen, Musiker Instrumente aus Holz oder Edelmetall bespielen, die Dirigenten schließlich ihre realen Arme schwingen lassen, auf, ab, zur Seite, hier ein Einsatz, dort ein decrescendo – all das grenzt schon fast an ein Wunder. Denn dem Rest des Hauses fehlte ohne Computer sozusagen: alles.

Wie in vielen anderen Theatern, so regelt auch an der Semper-Oper eine Spezialsoftware die Termindisposition für Proben und Aufführungen. Ein einziges Programm sorgt für den reibungslosen Ablauf der 350 Vorstellungen einer Spielzeit. Die hunderte von Licht-, Geräusch- und Bühneneinstellungen, die zu einer Inszenierung gehören und vormals mit der Hand ausgelöst und kontrolliert werden mussten, werden ebenfalls per Computer betreut. Vierzehn Tage vor einer Premiere trifft sich das Team, um jeden Fahrvorgang einzeln zu besprechen und einzustellen: Scheinwerfer, Ausblendezeiten, künstliche Himmel, Kulissenwechsel. Am Abend dann muss der Inspizient als Steuermann nurmehr kleine Hinweise geben, damit die Techniker an ihrem cockpit-ähnlichen Fahrstand die jeweiligen Vorgänge auslösen. Dass an der Semper-Oper auch die Personalabteilung und die Buchhaltung, die Internet-Betreuer, der Ticketverkauf und die Werkstätten auf den Computer angewiesen sind, versteht sich von selbst.

Semper-Opern-speziell ist indessen ein Projekt, das die Brücke zwischen Kunst und Künstlichkeit an besonders ungewohnter Stelle schlägt. Zum einen bittet man auf der Studiobühne zum Dialog der Disziplinen, werden etwa Molekularbiologen während der laufenden Vorstellung von Hindemiths „Lehrstück“ für einen Kommentar auf die Bühne gebeten. Zum anderen kommt mit Phillip Glass’ „In der Strafkolonie“ ein Musiktheaterwerk zur Aufführung, dessen virtuelle Kulisse in Echtzeit entsteht: Die Architektin und Bühnenbildnerin Karin Ocker wird mit Laptop auf der Bühne sitzen und den sichtbaren, virtuellen Quasi-3D-Raum steuern und immer wieder verwandeln.cte

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