Zeitung Heute : Bühnenrausch und Bühnenangst

Wie ist das – auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten? Ein Blick ins UNI.T – das Lehrtheater der UdK Berlin.

Sabine Wiley
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Im Flow. Wer auf der Bühne steht, braucht die richtige Mischung aus Konzentration und Entspannung. Im Idealfall läuft dann alles...

Waschmaschinen sind wunderbare Musikinstrumente. Am besten klingen sie, wenn man sie in ein Theater bringt, weit oben an der Decke aufhängt und dann mit viel Getöse auf die Bühne fallen lässt. Wilfried Archut erinnert sich noch sehr gut an dieses Spektakel. „Das war ein Projekt von KlangKunstBühne. Es fing mit einer Büroklammer an, dann wurden die Teilchen immer größer, der Krach auch, und am Schluss fiel dann die Waschmaschine auf die Bühne. Das war auch eine Form von Musik.“

Vor 35 Jahren fing Wilfried Archut als Beleuchtungsmeister an, seit 20 Jahren ist er Technischer Inspektor des UNI.T. In dieser Zeit hat er so manche Künstlervision in die Tat umgesetzt. Ob Trabi oder Pferd – Archut kriegt alles auf die Bühne. „Vor kurzem hatten wir Ziegen da. Tolle Viecher waren das, guckten auch immer dahin, wo was los war“, lacht er, „die waren richtig professionell.“

Das Ausbildungstheater der UdK Berlin wurde 1975 eröffnet. Damals hieß es noch Theater und Probensaal – TPS. 2006 wurde das TPS in UNI.T umbenannt. Inzwischen präsentieren sich die Studiengänge Schauspiel, Gesang/Musiktheater, Musical, Bühnenbild und Kostümbild dort regelmäßig der Öffentlichkeit. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Mit einer Bühnenbreite von bis zu 11, 50 Meter fällt das UNI.T in die Kategorie Mittelbühne. Mit einer so genannten Hubtafel lässt sich eine Schräge herstellen, außerdem verfügt die Bühne über eine kleine Drehscheibe. Der Orchestergraben bietet Platz für ungefähr 60 Musiker. Während der Generalproben verirrt sich schon mal der eine oder andere Studierende hierher. Denn bei Premieren sind die über 300 Zuschauerplätze schnell ausverkauft. „Wenn die Studenten keine Karten mehr kriegen, dann kriechen sie vorher in den Orchestergraben und hören von da aus zu.“

Die technische Ausstattung sei relativ pompös für eine Ausbildungsstätte dieser Größenordnung, meint Archut. Doch für aufwändigere Produktionen muss zusätzliches Equipment angemietet werden. Das ist vor allem bei den sehr dynamischen Musicalaufführungen der Fall. Der Aufwand lohnt sich: „Die Darsteller sind so jung und begeistert. Da kommt ganz viel rüber und das erfasst jeden, der da als Zuschauer im Saal sitzt.“

Wilfried Archut hat während seiner Zeit im UNI.T unzählige Aufführungen miterlebt. Einige „seiner“ Studenten hat er später wiedergesehen. Nicht persönlich, aber im Theater oder im Fernsehen, manchmal auch im Film. An Rainer Hunold erinnert er sich und an Corinna Kirchhoff. Und an Martina Gedeck, die hat auch hier studiert.

So berühmt wie seine Kollegen ist Jean Paul Baeck noch nicht. Aber schließlich hat der Schauspielschüler noch ein bisschen Zeit. Nächstes Jahr wird der 25-Jährige erst einmal seinen Abschluss machen. Das UNI.T kennt er gut. 2006 war er einer von fast 700 Bewerbern, die sich an der UdK Berlin um einen Studienplatz bewarben. Paul überzeugte und bestand. „Das war die größte Bühne, auf der ich bis dahin spielen durfte. Merkwürdigerweise war ich total ruhig. Und als ich gespielt habe, da ging das wie von selbst. Das war ein richtiger Flow.“

Der Zustand, den Paul als Flow beschreibt, hat nichts mit Mystik zu tun. Es geht vielmehr um die richtige Mischung aus Entspannung und Konzentration. Die stellt sich allerdings erst ein, wenn man nicht mehr an seinen Text oder an die Regieanweisungen denken muss. Erst wenn die Vorbereitung stimmt, wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss, wie etwas funktioniert und was richtig ist, stellt sich der Spielfluss ein. „Man weiß, was die Figur zu tun hat und man ist wach für die anderen. Wenn es besonders gut läuft, entsteht ein Rhythmus zwischen den einzelnen Schauspielern. Das ist wie Musik oder wie Tanz.“

Doch wer sich auf die Perfektion versteift, der scheitert daran. Dann wirkt das Spiel bemüht oder aufgesetzt. Aber auch solche Erfahrungen sind wichtig. Für Paul gehört das Scheitern ebenso zum Lernprozess wie die positiven Erfahrungen. Auch deswegen, weil es in Bewegung hält. „Ein zufriedener Schauspieler“, lacht er, „ist sein eigenes Grab.“

Paul ist neugierig. Geschichten und Menschen interessieren ihn. Das Theater ist voll davon. Die Oper aber auch. Diese Erfahrung macht der Schauspieler gerade in „Ein Sommernachtstraum“ von Benjamin Britten. Es ist eine Produktion des Studiengangs Gesang/Musiktheater. Paul spielt den Kobold „Puck“. Die Arbeit mit den Sängern und Musikern ist ungewohnt und faszinierend zugleich. „Für mich ist es schon schwierig, einen Ton zu halten. Und wenn ich sehe, wie die singen und gleichzeitig spielen, dann ist das ganz schön beeindruckend.“

Im UNI.T erproben sich die Nachwuchskünstler an der Wirklichkeit. Von ihren Dozenten werden sie dabei nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch unterstützt. Für die Britten-Produktion greift der musikalische Leiter der Opernabteilung, Errico Fresis, selbst zum Taktstock. Der erfahrene Dirigent weiß, wie wichtig es ist, rechtzeitig Bühnenerfahrung zu sammeln. „Wenn drei Sänger zu einem Vorsingen gehen und gleich gut zu sein scheinen, dann wird der genommen, der die größte Praxis vorweisen kann.“

Während der Proben und Aufführungen zeigt sich, wer sein Können auch außerhalb des Probenraumes umsetzen kann und wer noch daran arbeiten muss. „Auf der großen Bühne muss man ein Publikum erreichen, das 50 Meter entfernt sitzt und das Stück nicht kennt. Plötzlich ist das Orchester da und alles klingt ganz anders. Mit solchen Erfahrungen muss man umzugehen lernen.“

Bühnenkunst erfordert Leidenschaft und Durchhaltevermögen. Das gilt für alle gleichermaßen: Schauspieler, Sänger, Musicaldarsteller, Kostümbildner und Musiker. Bis zur Premiere ist es stets ein langer Weg. Doch wenn der Vorhang aufgeht, gibt es nur noch Lust und Leichtigkeit. Und mit etwas Glück passiert es, dass der Zuschauer erstaunt und berührt nach Hause geht. Das ist ein Wunder, das weder das Fernsehen noch das Internet vollbringen kann.

Während des Rundgangs zeigt der Studiengang Kostümbild das interaktive Theater- und Medienexperiment „BLIND DATE“. UNI.T. Fasanenstraße 1 B, Berlin-Charlottenburg.

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