Zeitung Heute : Bülent Ecevit: Der kranke Mann vom Bosporus

Susanne Güsten

Bülent Ecevit wird immer rätselhafter. An einem einzigen Tag schaffte es der türkische Ministerpräsident in dieser Woche, die Begriffe "Parteitag" und "Regierungskoalition" zu verwechseln, den Sohn einer Politikerin als deren "Ehefrau" zu bezeichnen, den Namen einer prominenten Abgeordneten seiner Partei innerhalb weniger Minuten gleich mehrmals zu vergessen und schließlich einen Eintrag in ein Gästebuch falsch zu datieren.

Schon lange wird in Ankara gemunkelt, dass Ecevit, der in diesem Monat 76 Jahre alt wird, an der Parkinson-Krankheit leidet, einer langsam fortschreitenden Erkrankung des Gehirns. Offiziell wird das zwar dementiert, aber die Hinweise mehren sich, dass der Regierungschef in Nöten ist. So ließ das Ministerpräsidentenamt kürzlich das Stehpult vor dem Eingang abbauen, an dem sich Ecevit bisher fast täglich den Fragen der Reporter zu stellen pflegte. Der greise Politiker tut ohne die Hilfe seiner Frau Rahsan mittlerweile kaum einen Schritt mehr und scheint ansonsten völlig auf Vize-Regierungschef Hüsamettin Özkan angewiesen, der ihm das Pillendöschen hinterherträgt. Mit Sorge beobachten die Türken wie auch ausländische Diplomaten in Ankara den Verfall des Mannes, der die Türkei aus ihrer tiefen Krise herausführen will.

Manche sehen in der Geistesverfassung des Ministerpräsidenten sogar die Ursache der Krise. Das Problem der Türkei sei weniger politischer, als vielmehr medizinischer Natur, kommentierte die Oppositionszeitung "Yeni Safak" schon im Februar das Verhalten Ecevits, als dieser nach einem Streit mit dem Staatspräsidenten eine "Staatskrise" ausrief und damit eine beispiellose Kapitalflucht und die Abwertung der Landeswährung auslöste. Das Verhalten des Ministerpräsidenten sei nur mit dessen Gesundheitszustand zu erklären. Neu waren solche Spekulationen schon damals nicht: Kurz nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren hatte Ecevit die Öffentlichkeit bereits verunsichert, weil er ständig Daten vergaß und im Gespräch mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton sogar Iran und Israel verwechselte.

Inzwischen tue Ecevit sich ganz offensichtlich schwer damit, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen oder Leute zu erkennen, meinte jetzt der islamistische Kommentator Fehmi Koru. "Die Probleme, die sich aus Ecevits hohem Alter ergeben, sind eine Belastung für den Staat." Eine ähnliche Ansicht vertritt der liberale Leitartikler Cengiz Candar: "Schon weil er über 75 Jahre alt und seine Gesundheit sichtlich dahin ist, steht Ecevit grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Reformen im Weg."

Zugleich agiert Ecevit unverändert starrsinnig und despotisch. Von der Staatsanwaltschaft musste er darauf hingewiesen werden, dass die von ihm und seiner Frau gegründete und geführte Demokratische Linkspartei (DSP) seit Jahren keinen Parteitag mehr abgehalten hatte und damit eigentlich reif für ein Verbotsverfahren war. Als sich dann beim eilig einberufenen Parteitag am vergangenen Sonntag eine Abgeordnete erdreistete, gegen Bülent Ecevit für den Parteivorsitz zu kandidieren, wurde sie unter Androhung von Prügel aus dem Saal gejagt; die handverlesenen Delegierten bestätigten Ecevit dann gehorsam zum sechsten Mal im Amt.

Von einer "Alterspsychose" sprach jetzt sogar das sonst regierungstreue Massenblatt "Hürriyet" und warf die Frage auf, ob Ecevits "geistiges Gleichgewicht" noch ausreiche, um das Land zu regieren. Die Frage wird inzwischen selbst innerhalb der als Ecevit-Familienbetrieb verspotteten DSP gestellt. Zwei Abgeordnete traten aus Protest in dieser Woche bereits aus, mit weiteren Austritten wird gerechnet. Bülent Ecevit allerdings ist all das offenbar ziemlich gleichgültig. "Diese Austritte interessieren mich nicht", sagte er. Sollten sie aber, denn die Absetzbewegung gefährdet schließlich seine Mehrheit im Parlament.

Aber nicht einmal das scheint den greisen Ministerpräsidenten beeindrucken zu können. Unerschütterlich werde er den Weg Atatürks weitergehen, schrieb er bei einem Besuch im Mausoleum des Staatsgründers in dieser Woche mit krakeliger Kinderschrift ins Gästebuch - und datierte den Eintrag auf den 30. Mai.

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