Zeitung Heute : Bürgermeister ohne Stadt

Er hat seine Wahlversprechen gehalten. Dann hat die Welt ihm zugehört. Doch in New Orleans gilt Ray Nagins Wort trotzdem wenig

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Am Mittwoch hat der Bürgermeister erneut die komplette Evakuierung seiner Stadt angeordnet. War es das vierte oder das fünfte Mal in zehn Tagen? Clarence Ray Nagin wird es selbst kaum mehr wissen. Er hat so viele Anordnungen, Interviews, Pressekonferenzen in diesen zehn Tagen gegeben. So vieles Grundstürzende ist geschehen – zehn Tage nur, aber sie haben sich wie eine Ewigkeit gedehnt. Seine gewohnte Welt ist in dieser Zeit buchstäblich untergegangen.

Vor zehn Tagen war der Gedanke noch revolutionär. Eine Zwangsräumung hatte es in der mehrhundertjährigen Geschichte von New Orleans noch nie gegeben. Nagin galt als entscheidungsstark, diesmal hatte er gezögert. Am Samstag, als der Hurrikan sich näherte, konnte er sich zunächst nur dazu durchringen, den 500000 Bürgern die „freiwillige“ Flucht aus New Orleans zu empfehlen – aus Sorge, Hotels und Restaurants würden sonst Schadenersatzforderungen an die Stadt stellen. Erst am Sonntag folgte die Anweisung zur Zwangsevakuierung. Wird er sich das vorwerfen müssen? Hätten mehr Menschen, vor allem aus den unter Meeresspiegel liegenden schwarzen Armenvierteln, gerettet werden können?

Oder hätte das nur die nächste Panne früher offenbart? 20 Prozent, rund 100000 Menschen, haben den Befehl missachtet, sind in ihren Häusern geblieben, bis die steigende Flut sie heraustrieb. Es kam keine Polizei, die sie mit Gewalt abholte. Die Verwaltung hätte eh nicht gewusst, wie viele Bürger die Stadt in Privatwagen verlassen können und für wie viele sie Transportmittel bereitstellen muss. Nicht mal in Washington, das kommt jetzt heraus, können die Behörden das sagen – in der Hauptstadt eines Landes, das sich angeblich seit vier Jahren, seit dem Terrorangriff auf New York, darauf vorbereitet, jede Großstadt schnellstmöglich zu räumen.

Das ist das Paradoxe: Ray Nagin ist in diesen Tagen weltberühmt geworden, wird von Fernsehsendern rund um den Erdball, auch deutschen, um Interviews gebeten. Aber seine Bitten und Anordnungen werden nur begrenzt befolgt. Gewicht hat sein Wort eigentlich nur, wenn es um die Meinungsbildung geht: was schief gelaufen ist, was passieren müsste, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Der Glatzkopf mit der hellbraunen Hautfarbe, er ist kreolischer Abstammung, gehört definitiv zu den Guten. Jedenfalls in der Medienwahrnehmung. Viele Schwarze, die ihn 2002 gewählt haben, schimpfen jetzt auf ihn. Keinen Fuß habe er in all den Tagen ihres Leidens in den Superdome gesetzt. Dagegen hilft es auch wenig, dass er selbst ein Flutopfer ist, sein Haus versank, seine Frau und die drei Kinder fliehen mussten. Oder dass er in seiner Stadt blieb, statt mit den Behörden 40 Meilen nach Norden auszuweichen, in Louisianas Hauptstadt Baton Rouge. Ein Zimmer im Hyatt-Hotel nahe dem Stadion ist, selbst wenn es weder Strom für die Klimaanlage noch fließendes Wasser gibt, etwas anderes als das tagelange Chaos im Superdome mit Schießereien und Vergewaltigungen.

Doch diese Mäkeleien dringen kaum über New Orleans hinaus. Amerika ist fasziniert von dem Mann, der im Fernsehen weint um die Toten seiner Stadt. Der in einfacher Sprache die Wut über das lange Warten auf Hilfe der Bundesregierung formuliert. „Ich brauche Truppen, Mann. Ich habe genug von den verdammten Pressekonferenzen, wo alles Mögliche versprochen wird. Kriegt endlich euren Arsch hoch und tut etwas!“ Das kommt an, viele Amerikaner haben traditionelle Ressentiments gegen zentrale Behörden, die angeblich nur Geld kosten und unfähig sind.

Hat Ray Nagin das Zeug, zu einer nationalen Führungsfigur zu werden – so wie New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani nach den Anschlägen vom 11. September 2001? Wird er bald schon zu Höherem berufen?

Nagin hat eine große Begabung, im Fernsehen authentisch zu wirken. Ihm hilft auch der Ruf, nicht zum Establishment zu gehören. Aber darf man jedes Detail glauben, das jetzt durch die Medien schwirrt? Er ist am 11. Juni 1956 in New Orleans geboren, angeblich in einem Armenspital. Sein Vater schuftete, wie es heißt, in drei Jobs parallel, um ihm ein Studium zu ermöglichen. 1978 bestand er die Buchhalterprüfung in Tuskegee, einer 1880 für Schwarze gegründeten Hochschule in Alabama. 1994 folgte der Master of Business Administration an der Tulane-Universität in New Orleans. Im Medienkonzern Cox Enterprise machte sich Nagin einen Namen als Sanierer, das defizitäre Kabelfernsehen Cox New Orleans wurde unter ihm als Vizepräsident und Generalmanager zu einem Gewinnbringer. 400000 Dollar war da sein Jahresgehalt, deutlich mehr, als ein Bürgermeister verdient. Ein Gespräch mit seinem Sohn, so wird die Story verbreitet, habe ihn zu dem Wechsel bewogen. Der wollte weg aus der Stadt, in New Orleans mit seiner hohen Kriminalitätsrate habe er keine Perspektive. Ray Nagin sah darin die Aufforderung, selbst die Führung zu übernehmen.

Bis zu seiner Bewerbung um das Amt 2002 galt er als politisch unerfahren. Er war Mitglied der Republikaner, hatte regelmäßig für die Wahlkämpfe von deren Kandidaten gespendet, auch 2000 für George W. Bush. Doch kurz vor seinem Kampf um das Bürgermeisteramt wechselte er die Partei, New Orleans wählt mehrheitlich demokratisch. Nach der ersten Runde im Februar 2002 führte er mit 29 Prozent vor Polizeichef Richard Pennington, Senatorin Paulette Irons und Gemeinderat Troy Carter. Die Stichwahl im Mai gewann er mit 59 Prozent. Den Wahlkampf hat er selbst finanziert.

Seinem Ruf als Sanierer wurde er gerecht. Er brachte Vertraute aus der Wirtschaft mit, ordnete die Verwaltung neu, schuf sich eine eigene Polizeiabteilung für den Kampf gegen die Korruption. Mehr als hundert Angestellte mussten gehen, vor allem in den Versorgungsbetrieben der Stadt und in der Abteilung für Taxikonzessionen, die als besonders „einträglich“ verrufen war. Binnen kurzem ließ er 48000 Schlaglöcher flicken. Aufbau einer schwarzen Mittelschicht war ein weiteres Wahlversprechen. Es gelang ihm, neue Unternehmen anzusiedeln, auch durch die Partnerschaft der Tulane- Universität mit einem Rüstungskonzern. Der Kriminalität wurde er nicht Herr.

Wie Giuliani 2001 in New York versucht er, seinen Bürgern jetzt Mut zu machen. Aber da endet erst mal der Vergleich. In New York waren wenige Straßenblöcke in einer ansonsten intakten Stadt zerstört. 90 Prozent von New Orleans waren überflutet, noch stehen 60 Prozent unter Wasser. Die Stadt ist entblößt von ihren Einwohnern. Immer mehr Geschichten sind zu hören von Krankenschwestern und Ingenieuren, die neue Jobs annehmen, in Houston, Texas oder wohin auch immer sie die Flucht vor dem Hurrikan verschlagen hat.

Wann überhaupt wird New Orleans Heimkehrern eine Perspektive bieten? 80 Tage soll es dauern, alle Viertel trockenzulegen, heißt es jetzt. Dann müssen Straßen und Häuser vom giftigen Schlamm befreit werden. Ray Nagin bleibt ein Bürgermeister ohne Stadt.

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