Bürgernetzwerk Bildung : Lesen verbindet

Das Bürgernetzwerk Bildung hat mit den „Lesepaten“ die Schulen für ehrenamtliche Helfer geöffnet – mit riesigem Erfolg.

Seit drei Jahren geht Andreas Weiß wieder in die Schule. Das Bürgernetzwerk Bildung, dem der Erlös des Wirtschaftsballs zugute kommt, hat den 54-Jährigen aus Potsdam als „Lesepaten“ an die Fichtelgebirge-Grundschule in Kreuzberg vermittelt. Jeden Dienstag kommt er um 8 Uhr und unterstützt zuerst Erst- dann Viertklässler beim Umgang mit Text. „Die Kinder fragen mir Löcher in den Bauch oder ich ihnen“, erzählt Weiß.

Über 2000 Lesepaten und, großteils, Lesepatinnen betreut das Bürgernetzwerk Bildung in Berlin. Fast 190 Grund-, Sekundar- und Förderschulen sowie 89 Kitas sind an dem Projekt beteiligt. Die Lesepaten sind das Herzstück des Bürgernetzwerks Bildung. Sybille Volkholz, ehemalige Schulsenatorin und zuvor selbst Lehrerin, hat es mit dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) 2005 ins Leben gerufen. Die Erfahrung in der städtischen Bildungspolitik hätte ihr gezeigt, dass die Politik nicht alle Probleme lösen kann, sagt Volkholz.

Ehrenamtliches Engagement für Bildung zu stärken und Berliner Schulen für außerschulische Partnern zu öffnen, sind Hauptanliegen des Bürgernetzwerks. Es konzentriert sich dabei auf Schulen, in denen mindestens 40 Prozent der Eltern Sozialleistungen bekommen oder der entsprechende Anteil der Kinder Migrationshintergrund hat. Mittlerweile sind in fast allen Bezirken Schulen im Netzwerk vertreten.

Vorschulkindern und Erstklässlern lesen Lesepaten vor, bei älteren Kindern hören sie zu, was ihnen vorgelesen wird. Sie besprechen den Text und klären Begriffe. Manche Lesepaten unterstützen innerhalb der Klasse, andere, wie Andreas Weiß, arbeiten parallel zum Unterricht mit einzelnen Kindern. Das Bürgernetzwerk Bildung bietet den Lesepaten Fortbildungen zur Förderung von Sprach- und Lesekompetenz von Kindern an. Die Grenzen sind aber klar abgesteckt. „Wir sind Laien, wir müssen behutsam sein“, sagt Andreas Weiß. Man könne nur Anregungen geben. In vielen Schulen sind die Lesepaten mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil des Schulbetriebs, sagt Lydia Herz, die die Ehrenamtlichen und Schulen koordiniert. „Wieso außerschulisch? Die gehören zu uns!“, sagt ein Schulleiter über die Lesepaten. Das Projekt verlange auch von den Lesepaten, sich zu öffnen, weil die meisten mit einem modernen Schulalltag konfrontiert sind, der mit ihrer Erfahrung wenig zu tun hat. Oft entdecken sie als Lesepate auch fremde Bezirke. „Parallelgesellschaften haben immer zwei Parallelen“, sagt Sybille Volkholz. „Die eine verläuft durch Nordneukölln, die andere durch Zehlendorf.“

Bessere Startchancen für Jugendliche und die Unterstützung von Schulen sind die Ziele von Stefan Gerdsmeier, VBKI-Präsidiumsmitglied und im Ausschuss für Bildung und Wissenschaft. „Ohne Lesekompetenz ist Ausbildung und Einstellung gar nicht denkbar“, sagt er. Die Berliner Volksbank, bei der Gerdsmeier im Vorstand ist, bekomme jährlich 2000 Bewerbungen für 100 Ausbildungsplätze – darunter viele, die „nicht ausbildungsfähig“ seien. Unternehmen können laut Gerdsmeier selbst einen Beitrag im Bildungsbereich leisten, Klagen über die Nicht-Leistungen von Politik und Behörden gebe es genug. Einige Unternehmen, die im VBKI vertreten sind, stellen etwa Mitarbeiter für ehrenamtliches Engagement während der Arbeitszeit frei. Um eine Kita zu renovieren oder um zwei Stunden pro Woche als Lesepate tätig zu sein. Sybille Volkholz wünscht sich, dass es in Berlin selbstverständlich wird, sich zwei Stunden pro Woche ehrenamtlich zu engagieren. Dazu gehöre auch die „Anerkennungskultur“ für die Ehrenamtlichen. Das Bürgernetzwerk Bildung organisiert, um den Lesepaten zu danken, regelmäßig freien Eintritt für sie in Theater oder Museen. Andreas Weiß bekommt die Belohnung ganz direkt. Noch nie habe er die Grundschule verärgert verlassen. Mit den Kindern gebe es immer positive Erlebnisse. Zum Beispiel wenn ein Schüler, der sich beim Lesen schwer tut, ihm ganz ausführlich über Schwarze Löcher erzählt.

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