Bürgerstiftung Berlin : Zehn Jahre Engagement für Kinder

Wie alles anfing – und was man sich für die Zukunft wünscht.

Jörg Kastl
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Unermüdlich im Einsatz. Maren Heinzerling rief die Initiative „Zauberhafte Physik“ ins Leben, bei der Kinder mit spannenden...

Am 16. April 1998 rüttelte ein Professor aus Hannover einen Kreis Berliner Bürger auf: Unter dem Motto „Anstiften zum Stiften“ erzählte der Jugend-Kriminalist Christian Pfeiffer begeistert und begeisternd von Bürgerstiftungen in den USA. Die ersten waren ab 1914 entstanden, heute gibt es über 700 mit einem stetig wachsenden Stiftungskapital von zig Milliarden Dollar. Sie wachsen aus den Wurzeln der Zivilgesellschaft von unten nach oben – und nicht wie die Mammutstiftungen großer Unternehmen von oben nach unten. Christian Pfeiffer hatte in Hannover daraufhin die erste deutsche Bürgerstiftung gegründet. Er wollte Nachbarn, Kollegen und Freunde anstiften, im Ehrenamt freie Zeit zu opfern, soziale Missstände auszuräumen oder Geld zu spenden.

Sein Funke zündete zu rechter Zeit. Denn damals beunruhigten unschöne Zwischenfälle unsere Gesellschaft. Hasserfüllte Horden hatten Fremde tot geprügelt, jüdische Friedhöfe waren besudelt, Asylantenheime angesteckt worden. In Berlin drohte ein Fünftel der Jugendlichen aus Langeweile oder Bindungslosigkeit in Gewalt, Drogen oder Alkohol zu versacken. Da halfen keine „Lichterketten“ oder andere wohlmeinende Gesten, da halfen nur Taten.

Unter dem Antrieb Christian Freiherr von Hammersteins fanden sich Gleichgesinnte in einem Verein zusammen, um auch in Berlin eine Bürgerstiftung zu gründen. Als erstes Vorhaben unterstützten sie mit bescheidenen Spenden eine eindrucksvolle Initiative hoch motivierter Lehrerinnen an der Jean- Piaget-Schule in Marzahn-Hellersdorf. Sie hatte die wachsende Zahl von Schülern, die dem Unterricht fernblieben, erschreckt und zum Handeln getrieben. So fassten sie sieben- und achtjährige Schulverweigerer in einer Gruppe zusammen. Morgens bekamen die Kinder erst einmal ein Frühstück – für sie oft ungewohnt, denn ein Fünftel der Berliner Grundschüler werden mit leerem Magen in die Schule geschickt. Dann folgte – abseits des Regelunterrichts – eine gezielte schulische und menschliche Betreuung. So gelang es, etwa 70 Prozent der Schulverweigerer wieder in den ordentlichen Unterricht zurückzuführen. Mit einem Schulabschluss waren sie gegen den sozialen Absturz gesichert. Das Projekt erwies sich als so erfolgreich, dass der Senat es auf breiter Basis übernahm.

Plötzlich trat – als ein guter Geist – ein bescheidener Berliner Bürger auf den Verein zu und bot einen beträchtlichen Teil seines Vermögens auf, um das gesetzlich erforderliche Stiftungskapital für die angestrebte Bürgerstiftung zu schaffen und deren künftige Arbeit zu fördern. Der Stifter, Wolfgang Tuchscherer, hatte das Gebot des Grundgesetzes „Eigentum verpflichtet“ ernst genommen! Dank seiner hochherzigen Tat konnte die Bürgerstiftung Berlin im Sommer 1999 ins Leben gerufen werden.

Was ist eigentlich eine Bürgerstiftung? Sie ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts, deren Gemeinnützigkeit in Berlin vom Finanzsenator geprüft und von einer unabhängigen, ständig wachsenden Gruppe von Menschen getragen wird. Die Bürgerstiftung Berlin beschränkt ihren Einsatz auf unsere Stadt, sie weiß also, wo dieser der Schuh drückt. Im Gegensatz zu Vereinen oder Spendenparlamenten ist sie auf Dauer angelegt. Ihr Erfolg hängt davon ab, dass das Stiftungskapital wächst und ihre Arbeit von Spenden unabhängiger wird. Jeder kann hierzu beitragen. Vermögende Stifter können durch größere Zustiftungen ihren Namen und ihre wohltätigen Träume verewigen, ohne sich eine eigene Organisation aufzubürden. Im nächsten Jahrzehnt werden mehr als tausend Millionen Euro an Vermögen vererbt werden – von immer mehr Alleinstehenden und Kinderlosen, die zu 70 Prozent kein Vermächtnis hinterlassen. Die Vermögen verfallen dann dem Staat in einem immer tieferen Loch.

In unseren Schulen erleben wir immer schmerzlicher den Mangel an stabilem familiärem Zusammenhalt. Viele Kinder fühlen sich alleingelassen. In einigen Bezirken wächst ständig eine „abgenabelte Unterschicht“ – wie es ein Senator nüchtern formulierte. Wir verbreiterten daraufhin unseren Einsatz und bemühten uns, die Kluft zu diesen Heranwachsenden und zu den Migranten im Alltag und in der Schule zu überbrücken.

Im „Problem-Kiez“ Tiergarten brachte „Jimmy“, ein motivierter afro-amerikanischer Street-Worker, streunende Jugendliche, die von Drogen, Gewalt und Prostitution bedroht waren, zum Basketball-Spiel im „Tiergarten International Sport Club“ zusammen. So schaffte er es mit unserer Unterstützung, über 100 Jugendliche unterschiedlichster Nationalität in erfolgreichen Mannschaften zu vereinen, in Liga-Spielen zu bestehen und sie aus ihrem gefährlichen Milieu zu befreien.

An der Thüringen-Oberschule in Marzahn trafen immer mehr russland-deutsche Rückwanderer ein. Sie zu integrieren, war schwer. Eine beherzte, mit einem Deutschen verheiratete Russin, Natalia Tibelius, ermutigte die einander bis dahin fremden Kinder und Jugendlichen, gemeinsam zu kochen. Die mit russischer Sprache und Mentalität vertraute und für die Jugendarbeit geschaffene Frauke Hartmann bildete mit russischen und deutschen Kindern eine Theatergruppe – die Barrieren senkten sich bald.

In jenen Jahren zeigten sich die Schwierigkeiten in den Berliner Schulen mit der wachsenden Zahl von Kindern und Jugendlichen ausländischer Herkunft als immer schmerzlicher: Immer mehr Schüler waren des Deutschen nicht mächtig, erschreckend viele Schulabgänger verfehlten einen Abschluss und damit eine angemessene berufliche Zukunft. Einige Schulleiter baten um Hilfe. Da meldeten sich bei uns Freiwillige, um den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen: beim Rechnen, beim Büffeln von Vokabeln, beim Lesen deutscher Texte. Und wir unterstützten zwei Übungsleiter, die an einer Schule „integrativen Familiensport“ anbieten: Jeden Sonnabend treiben dort gesunde Kinder mit ihren behinderten Klassenkameraden und den Eltern gemeinsam Sport.

Mittlerweile hat sich das Feld unserer Projekte beträchtlich erweitert. Etwa 300 Freiwillige betreuen die alten und neuen Projekte. Vor zwei Jahren würdigte die „Aktive Bürgerschaft“ unsere Arbeit mit folgenden Worten: „Von großem Engagement getragen, beispielhaft konzipiert und äußerst professionell umgesetzt – die Jury war (…) zutiefst beeindruckt.“ Und Bundespräsident a. D. Richard Frhr. v. Weizsäcker, Mitglied unseres Kuratoriums, bescheinigte uns: „Für unser Zusammenleben ist es von ausschlaggebender Bedeutung, dass möglichst viele Bürger sich mit ihrer Erfahrung, ihren Kenntnissen und ihrer Wärme an der Bürgerstiftung beteiligen. Hier erleben wir, dass mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln sehr wohl Großartiges geleistet werden kann.“

Inzwischen ist unser Einsatz beträchtlich gewachsen. Vieles bleibt aber noch zu tun und zu bewegen. Das Stiftungskapital ist immer noch zu niedrig, immer noch hängt unsere Arbeit von den schwankenden Spenden ab. Auch ist die Struktur einer Stiftung, die für alle Berliner tätig sein will, noch nicht repräsentativ: Die freiwilligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter wie ihr Vorstand gehören der Westberliner Bürgerschicht an. Es fehlen Vertreter anderer Schichten, es fehlen Ostberliner, es fehlen Sprecher der Migranten. Doch wir glauben, wir sind auf gutem Wege.

Es lohnt sich! Diese junge Generation ist es doch, die morgen und übermorgen über das Schicksal unserer Gesellschaft mitentscheiden wird. Wir müssen ihr helfen, Selbstvertrauen zu gewinnen und im Leben zu bestehen. Sie braucht die Zuwendung eines jeden von uns in Berlin.

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