Zeitung Heute : Büromöbel: Am Anfang war die Idee

Sie haben seit etwa zehn Jahren keine neuen B&uuml

Mario Bellini (geboren 1935) ist Architekt und Designer und leitete von 1986 bis 1991 die italienische Designzeitschrift "Domus" als Chefredakteur. Seit 1975 entwirft er Büromöbel für Vitra - unter anderem die Bürostühle "Persona", "Figura", "Imago", "Onda", "Summa" und "Forma" sowie das Büromöbelprogramm "Metropol". Sein 1963 geborener Sohn Claudio studierte Architektur am Polytechnikum in Mailand und arbeitet seit 1996 im Studio des Vaters. Zusammen mit ihm entwickelte er den neuen Bürostuhl "Ypsilon".

Sie haben seit etwa zehn Jahren keine neuen Büromöbel mehr für Vitra herausgebracht, jetzt kehren Sie mit einem neuen Stuhl zurück, warum?

Mario: Vor fünf Jahren bin ich mit meinem Sohn zu Vitra gegangen und wir haben gesagt, dass wir fühlen, dass jetzt der richtige Moment für einen neuen Stuhl gekommen sei. Das Büro verändert sich seit der Einführung des PC immer schneller, jetzt braucht man auch einen neuen Stuhl. Denn die Bürostühle, die man in ganz Europa sieht, dieser klassische deutsche ergonomische Stuhl, ist in die Jahre gekommen. Wir waren der Meinung, dass wir eine neue, intelligente Antwort geben mussten eingedenk der Tatsache, dass die Zeiten sich ändern. Jetzt haben wir den neuen Stuhl vorgestellt.

Worin besteht das Neue in ihrem Ansatz?

Mario: Der Schreibtisch wird einfacher und leichter. Weil der PC jetzt einen flachen Bildschirm hat oder man nur mit dem Notebook arbeitet. Die Tastatur wird schmaler, vielleicht verschwinden die Kabel. Bald wird man mit dem Computer sprechen können und es wird auch immer weniger Papier benutzt. Es gibt also keine Maschinen mehr auf dem Schreibtisch, keine Schreibmaschine, alles verschwindet. Das lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf den Menschen. Er wird wichtiger, und er ist kein Maschinist mehr, der Maschinen bedient. Jetzt kann man sich auch einmal zurücklehnen, in Ruhestellung gehen, den Stuhl in eine Liegeposition klappen. Dann kann man sich die Tastatur oder das Laptop auf den Schoß legen.

Claudio: Die bisherigen ergonomischen Stühle waren lediglich zum Aufrechtsitzen gedacht. Sie bewegten sich nur in zwei Richtungen. Der Mensch wurde damit zu einer Puppe gemacht.

Mario: Die Rückenlehne von Ypsilon ist sowohl von links nach rechts als auch nach oben und unten und hinten und vorne beweglich - man kann sich also in alle Richtungen bewegen. Der Stuhl folgt den Körperhaltungen des Menschen. Dazu war es nötig, für die Rückenlehne ein ebenso flexibles wie Halt gebendes Material zu finden. Unser Traum war es, eine nicht wahrnehmbare Lehne zu erfinden. Denn wenn man sie nicht spürt, bedeutet das, dass sie perfekt ist.

Wie haben Sie dann eine Lösung gefunden?

Mario: Wir haben fünf Jahre daran gearbeitet und viel experimentiert. Bis wir ein Problem nach dem anderen gelöst hatten.

Wer war wofür zuständig?

Claudio: Ich glaube nicht, dass man das aufteilen kann. Ein Projekt entsteht aus einer Teamarbeit, zusammen mit dem Unternehmen. Man kommt zusammen, diskutiert und entwickelt Ideen. Es ist ein ständiger Austausch. Man kann da schwer den individuellen Anteil herausfiltern, besonders nicht bei mir und meinem Vater. Es war letztendlich eine Arbeit, die sehr stark auf der Idee von einem Stuhl aufbaute. Wir kamen nicht mit einem skizzierten Entwurf, sondern mit einer Idee von dem, was ein Bürostuhl sein sollte - aus dem Blickwinkel des Benutzers.

Wie sind Sie auf die außergewöhnlichen Materialien gestoßen?

Claudio: Die einzige Möglichkeit ist, verschiedene Dinge auszuprobieren. Man kann kein Material einfach vorgeben, weil man noch keine klaren Anforderungen hat. Man muss testen, die Haltbarkeit, die Elastizität.

Mario: Wenn man ein Problem hat, das man lösen möchte, ruft man zwei, drei Produzenten neuer Materialien an und erklärt, was für Eigenschaften man etwa haben möchte. Die Welt ist heute ein Netzwerk von Möglichkeiten. Irgendeiner weiß immer etwas, kennt einen Experten. Am Ende findet man alles. Das Schöne war, dass wir nie mit einem fertigen Entwurf gekommen sind. Alles, was wir hatten, waren jene Vorstellungen, von denen ich am Anfang gesprochen habe.

Sie wollten auch den Stuhl für die neuen Start-ups entwerfen, für all die, die etwas legerer ins Büro kommen und nicht mehr ganz so zugeknöpft arbeiten.

Mario: Es ging um neue Arbeitsformen. Wir kennen das ja selber aus unserem Architekturbüro. Was dann die Entwicklung anbetrifft, haben wir eine Linie verfolgt, die ich pseudo-darwinistisch nenne. Man fängt an mit einer diffusen Idee. Wenn man dann Schritt für Schritt vorankommt, werden einige Ideen immer deutlicher, etwas verfestigt sich. Dann kommt ein Prozess ins Laufen, indem sich das Objekt aus sich selbst heraus entwickelt. Was macht also der Designer zusammen mit dem Kunden? Er sorgt mit Anregungen, Ermutigungen dafür, dass dieser Prozess vorankommt, dass man aus Sackgassen wieder herausfindet. Das ist eine Vorgehensweise, die nicht wie in der Evolution hunderte Millionen von Jahren dauert, sondern fünf Jahre brauchte. Mit der Zeit formt das eigene "Kunstwollen" oder "Produktwollen" dann das Produkt, das man am Ende erhält. Ich wollte das hier machen, wusste es nur nicht.

Am Ende hat "Ypsilon" dann aber nicht nur eine evolutionäre Form, sondern ist mit seiner rückgratartigen Struktur, dem Kopf und den Armen, auch symbolisch aufgeladen.

Mario: Ja schon, aber bitte nicht im medizinischen Sinne. Ich hasse diesen medizinischen, orthopädischen Ansatz der ergonomischen Stuhldesigner. Wir sind als Menschen raffinierter als dass wir wissen, was uns gefällt. Dazu gehört auch das Symbolische, das Expressive, das Repräsentative.

Claudio: Natürlich geht es auch um Ergonomie, um Bequemlichkeit, um Material und wie alles funktioniert. Aber man muss dem auch eine Bedeutung geben, einen ästhetischen Wert.

Mario: Die ästhetische Gestalt ist aber kein Selbstzweck, sondern Ausdruck dessen, was den Stuhl auszeichnet. So ist es auch zu dem Namen "Ypsilon" gekommen: Wir wollten, dass die Rückenlehne zu allen Seiten flexibel sein sollte wie ein Blatt. Was für eine Bewegung man auch macht: Es sollte nie zu einem Druck auf eine Stelle des Rückens kommen. Solch eine flexible Lehne muss aber auch irgendwie befestigt sein. Also haben wir gesagt, sie soll oben befestigt werden und in der Höhe der Nieren. Wir haben also mit Röhren und Federn gearbeitet bis wir eines Tages auf die Idee kamen: Vielleicht könnte man es einem Baum ähnlich machen. Der wie ein Stamm nach oben läuft und sich dann verzweigt und an dem man alles Notwendige aufhängen kann. Nach vielen Versuchen wurde der Baum zur richtigen technischen Lösung, stellte aber auch eine Synthese im Ausdruck dar. Wurde zu einer starken Ikone, die dem ganzen Design einen Sinn gab. Dazu brauchten wir aber ein anderes Material - eine Geschichte ohne Ende. Wenn man eine Ausdruckssprache gewählt hat, beeinflusst ein Element das andere. Ein Detail muss dem anderen folgen, es ausbalancieren, damit zum Schluss ein kohärenter Ausdruck entsteht. Anfangs wussten wir nicht, welchen Ausdruck wir wählen würden. Hat man aber eine Entscheidung getroffen, designt der Stuhl sich fast von selbst, er formt sich im Prozess heraus.

Angefangen haben Sie aber mit der Untersuchung von Autositzen.

Claudio: Ja, weil es auch dort darum geht, dass jeder Punkt des Rückens gleichmäßig belastet wird. So haben wir uns bei Schrotthändlern alte Autositze angeguckt mit ihren vielen Federn, Sitze von VW, Mercedes und Citroen. Wir wollten einen ähnlichen Effekt erzielen.

Warum gerade Autositze?

Mario: Weil sie seit vielen Jahrzehnten das Ergebnis einer maximalen Automatisierung in der Fertigung sind. Und, weil dies ein Sitz ist, der extremen Belastungen ausgesetzt ist. Mit all den Vibrationen und heftigen Schocks. Wir haben uns davon inspirieren lassen. Suchten wir doch etwas, das als Federung sehr resistent ist und trotzdem überall bequem.

Sie haben dann also im Prozess die Form aus der Funktion entwickelt?

Claudio: Sie meinen "form follows function" - so war es eigentlich nicht.

Mario: Dieselben Funktionen könnten auch eine ganz andere Form ergeben. Sagen wir, es ist eher "form follows process". Der Prozess ist das Kreative, von Ideen geleitete. Es handelt sich auch um eine ausbalancierte Art zu kommunizieren. Die Art, Dinge auszudrücken, ihnen einen Sinn zu geben. Wir bewegen uns in einer ausbalancierten Sprache des Ausdrucks. Daraus entsteht dann eine Form, die Schönheit.

Mario: Der Prozess folgt natürlich dem eigenen Geist.

Claudio: Natürlich, er nimmt den Weg, den man ihm zubilligt. Das ist ein sehr schöner, aber auch sehr teurer Weg. Ein Schreibtischstuhl ist solch eine komplexe Angelegenheit, dass es schlicht nicht vorstellbar ist, dass jemand nur zu Hause ein Paar Striche aufs Papier bringt.

Was werden Sie als Nächstes entwickeln?

Mario: Ich denke, zu dem Stuhl müssen sich jetzt andere Dinge gesellen.

Claudio: Jetzt brauchen wir einen Tisch, der zum Stuhl passt.

Mario: Wenn der Stuhl Ausdruck eines sich verändernden Büros ist, muss sich jetzt auch der Rest des Büros verändern.

Claudio: Der Stuhl eröffnet eine Perspektive, die jetzt weiter verfolgt werden muss.

Im Designgewerbe ist es selten, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt. Wie vertragen Sie sich?

Claudio: Wir haben eine erfolgreiche Formel gefunden, die es uns ermöglicht, zusammen zu arbeiten und unsere Energien zu vereinigen. Das lässt mir auch meine eigenen Freiräume.

Mario: Es gibt keine Situation, in der ich die Arbeit mache und er mir zuarbeitet. Er macht seine Sachen, für die er verantwortlich zeichnet und ich die meinen. Und manchmal arbeiten wir auch zusammen. Weil wir Spaß daran haben, nicht weil wir müssen. Deswegen funktioniert es.

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