Zeitung Heute : Bugatti Royale: Königlich und fast unbezahlbar

Heiko Haupt

Superlative werden nicht selten zu unrecht benutzt. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen sie so passend sind, dass schnell das komplette Repertoire bewundernder Worte versiegt. Der Bugatti Typ 41 ist so ein Fall: Er war und ist nicht nur groß, sondern der Größte, nicht nur teuer, sondern der Teuerste. Im Prinzip sagt sein Name alles - er ist der Royale, der "Königliche".

Dieses Auto sollte mehr als ein Mitglied der elitären Gilde der Luxusmobile sein. Der Royale war gedacht als einzig wirklich standesgemäßes Fortbewegungsmittel der gekrönten Häupter. Doch der edle Bugatti hat es nie bis in die Fuhrparks der Königshäuser geschafft. Und ein geschäftlicher Erfolg war er mitnichten.

In vollem Schmuck mit eleganter Blechhaut misst ein Bugatti Royale gut sechs Meter in der Länge, zwischen seinen Achsen hätte ein ausgewachsener VW-Golf Platz. Der Achtzylindermotor kommt auf eine Länge von 1,40 Meter. Schon das Chassis eines Royale wiegt knappe drei Tonnen. Was so ein Auto kostet? Einer wurde 1987 zum Gebrauchtpreis von rund 16 Millionen Mark verkauft.

Hinter dem Royale steckt die Geschichte eines nicht minder einzigartigen Mannes - Ettore Bugatti. Der 1881 in Mailand geborene Sohn einer Künstlerfamilie hatte bereits als 17-Jähriger mit einer Eigenkonstruktion ein Rennen gewonnen. 1909 erwarb Bugatti die Fabrikräume in Molsheim im Elsass. Im Zentrum der Arbeit standen vor allem Renn- und Sportwagen: 1920 erreichte die Firma einen Sieg in Le Mans, zwischen 1921 und 1927 holten die Bugatti 1851 Siege.

Was fehlte, war ein echtes Luxusauto, das es mit Ikonen der Zeit wie Rolls-Royce oder Hispano Suiza aufnehmen konnte. Die Idee dazu wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg geboren. Doch erst 1926 rollte der erste Prototyp des Royale ins Scheinwerferlicht, konstruiert war er nicht von Ettore Bugatti selbst, sondern von seinem Sohn Jean.

Flugmotor unter der Haube

Der Motor war die Weiterentwicklung eines Flugmotors, den Ettore Bugatti zuvor für die französische Regierung entworfen hatte. Im Prototyp hatte das Aggregat den gigantischen Hubraum von 14,7 Litern, bei den späteren Modellen waren es "nur" noch 12,7 Liter. Das Aggregat leistete 250 bis 300 PS und beschleunigte den Riesen auf Tempo 200. Zum Betrieb waren 23 Liter Motoröl und 48 Liter Kühlwasser nötig - in den Tank passten 170 Liter Kraftstoff. Wahrzeichen des Dickschiffs war neben dem für Bugatti typischen Kühler in Hufeisenform die Kühlerfigur, ein sich aufbäumender Elefant.

Wie damals üblich, wurde der Royale nur als Chassis verkauft - der Kunde beauftragte einen Karosserieschneider mit dem Blechaufbau. Mit 500 000 französischen Francs kostete das Fahrgestell laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer Markt" das Dreifache des damals teuersten Rolls-Royce. Noch einmal etwa ein Drittel des Preises musste für den Aufbau angelegt werden.

Dass die Umsetzung der Idee vom Luxus auf Rädern so lange dauerte, rächte sich. Der Royale rollte direkt in die Weltwirtschaftskrise. Abgesehen davon hatte auch der eigenwillige Ettore Bugatti Anteil daran, dass der Royale kein Verkaufsschlager wurde, denn er wollte, dass das Meisterwerk nur in entsprechende Hände gelangte. Da schien ihm nicht einmal jeder König geeignet: Als Bugatti König Zogu von Albanien zwecks Verkaufsgespräch zum Essen bat, missfielen ihm die Tischmanieren des Herrschers. Er wurde von der Liste gestrichen.

Es dauerte Jahre, bis sich der erste Käufer fand - kein König, sondern ein französischer Industrieller: Armand Esders erstand sein Royale-Fahrgestell 1931 und ließ es mit einer zweisitzigen Roadsterkarosserie versehen. Käufer Nummer zwei war 1932 der deutsche Arzt A. J. Fuchs; sein Chassis bekam beim Münchner Karosserie-Bauer Ludwig Weinberger einen Cabrioaufbau. Als dritter und letzter vor dem Zweiten Weltkrieg schlug 1933 der englische Industrielle Cithbert Foster zu, dessen Exemplar zu einer viertürigen Limousine wurde.

Derweil hatte der Prototyp eine aufregende Karriere hinter sich: Nach der Ur-Karosse bekam er bald einen neuen Aufbau - bis Bugatti höchstselbst das Auto 1930 bei einem Unfall zum Totalschaden verformte. Trotzdem wurde der Wagen wieder aufgebaut. Er bekam einen neuen Rahmen und eine Karosse mit kleiner Kabine im Fond und offenem Chauffeursabteil. Bis 1963 blieb er im Familienbesitz.

Zwei weitere Royale wurden erst nach dem Krieg verkauft. Als die Familie Bugatti in finanziellen Schwierigkeiten steckte, verkaufte sie zwei weitere Exemplare samt Karosserien an den britischen Rennfahrer und Sammler Briggs Cunningham. Der Preis: Zusammen 3000 Dollar plus zwei Kühlschränke. Eines dieser Autos erzielte 1987 dann die erwähnte Rekordsumme von gut 16 Millionen Mark.

Insgesamt wurden statt der geplanten mindestens 25 Royale gerade einmal sechs Exemplare gebaut. Sie alle gingen durch wechselvolle Jahre - elf Karosserien hat man für die sechs Autos gezählt. Nach all diesen Wirren hat die Geschichte der einzigartigen Bugatti Royale allerdings doch ein Happy End: Während von manchem Meilenstein der Automobilgeschichte heute nur noch Erinnerungen oder alte Fotos übrig sind, haben die Royale die Zeiten überstanden. Alle sechs existieren noch.

Ein Exemplar wurde jüngst von Volkswagen als neuem Besitzer der Marke aufgekauft - man munkelt von einem Preis von zwölf Millionen Mark. Die übrigen Royale-Motoren, die für die geplante größere Serie bereits gefertigt worden waren, kamen weniger standesgemäß über die Runden: Sie taten jahrelang Dienst in Triebwagen der französischen Bahn.

Man kann die - übrigens auch von Bugatti geschneiderten - Schienenbusse im Bahnmuseum Mülhausen besichtigen. Es befindet sich nur wenige Kilometer entfernt von jener Stelle, wo die Brüder Schlumpf die größte Bugatti-Sammlung der Welt aufgebaut hatten - dort steht natürlich auch ein Royale. Da die Schlumpfs mit ihrer Wollverarbeitung in den 70er Jahren in Konkurs gegangen sind, wurde das Museum vom Staat gerettet.

In Berlin versteckt

Aber wer einen Royale sehen will, braucht nicht ins Dreiländereck zu düsen, sondern etwas Geduld. Bis vor kurzem stand das von der Konzernmutter gekaufte Exemplar Unter den Linden, bei der Berlin-Repräsentanz der VAG-Gruppe. Wegen des Weihnachtsmarktes und anderer geplanter Ausstellungen ist kein Platz mehr für den Königlichen. So wird er wohl erst zum Frühjahr wieder ausgestellt. Schade.

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