Zeitung Heute : Bulette gelang der große Wurf

Der Tagesspiegel

Von Ekkehard Schwerk

Heute begeht Bulette ihren 50. Geburtstag – wenn Gehen ausnahmsweise mal als gängige Gangart eines Flusspferdes durchgehen darf. Bulette ist im Zoologischen Garten daheim. Jedes Zoll Speck eine Berlinerin mit großer Klappe. Und ist streng genommen eine Leipzigerin. Dort wurde sie jedenfalls geboren. Und ihr Zustandekommen ist eine außergewöhnliche deutsch-deutsche Geschichte. Keine Fluchtgeschichte, wie das Geburtsjahr von Buletten, 1952, naheliegen ließe. Im Gegenteil. West-Berlin hatte den Flusspferdbullen Knautschke, der 1943 im Zoo geboren, das verheerende Bombardement mit nur insgesamt 90 Tieren überlebte. Knautschke also war ein gefragter Bulle, so gefragt, dass er über alle Kalte-Kriegs-Gräben hinweg für die DDR-Kuh Grete im Leipziger Zoo als dessen Braut ausersehen war. Die Berliner Zoo-Direktorin Katharina Heinroth war hierbei geschickte Kupplerin. Grete kam 1949 zur Hochzeit mit Knautschke von der Pleiße an die Spree. Jedoch erbrachte der Wurf kein erwünscht weibliches Weibchen. Wiederholung der Westreise. Dann kam in Leipzig Bulette zur Welt, wurde aber West-Berlinerin. Soviel zur Abstammung.

Knautschke also war der Vater von Bulette. Und – im Tierreich statthaft – auch späterhin ihr Gatte. Bulette gebar mit Knautschkes Lendenkraft 31 Junge. Knautschke wurde nur 45 Jahre alt. Er starb im Sommer 1988. Da war gerade Michael Jackson auf Berlinbesuch. Er begehrte einen Zoobesuch. Und nun war ja gerade Berlins Liebling Knautschke gestorben, musste aus seinem Gehege geholt werden. Man wollte dem empfindsamen Amerikaner den Anblick ersparen, leitete ihn am Gehege vorbei. Bulette konnte auch krötig werden. Man hatte ihr ein neues Nilpferdhaus zugewiesen. Das Umzugsbrimborium hatte sie offenbar erheblich genervt. Sie ging mit der Wucht ihrer Masse unter den Augen der Zoobesucher auf ihren Wärter los, der sich nur mit Gelenkigkeit retten konnte. Das war ein neuer, aber in Berlin freundlich hingenommener Wesenszug der geliebten Bulette.

Sie ist an ihrem 50. Geburtstag die Seniorin unter vier anderen Flusspferden, zweier halbstarker Bullen und zweier Weibchen. Diese Vier aber sind nicht ihre Nachkommen. Ihre sind in alle Welt verstreut. Doch einer Flusspferdkuh , die zwischen den Fronten des Kalten Krieges entstanden und vertragsgemäß zur Welt gekommen war , kommen indirekt auch andere Unglaublichkeiten zu. Bulette hat viele Kinder und Kindeskinder. Und die meisten davon landeten in Zoologischen Gärten. Aber einige gelangten in die Freiheit ihrer Ahnen: in Flüsse Südafrikas. Das verdanken sie dortigen Gesetzen, die Flusspferd-Grenzgänge von einem zum anderen Afrikastaat unmöglich oder schwierig machen. Also ruft man in Europa nach Flusspferden, auf dass sie verwaiste afrikanische Gewässer bevölkern. Berliner Entwicklungshilfe mit einer Bulette.

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