Zeitung Heute : Bulgarien: DDR-Auslandsreiseziele

Anett Indyka

Noch einmal mit dem Trabi und dem Zelt bis an die bulgarische Schwarzmeerküste - davon träumen selbst eingefleischte DDR-Camper heute nicht mehr. Mit westlichem Komfort würden jedoch viele noch einmal an die Stätten schöner Erinnerung und oft abenteuerlicher Erlebnisse zurückkehren.

Doch nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems wiegen die Unsicherheit in Rumänien und Bulgarien schwerer als alte Sehnsüchte. Von den klassischen DDR-Auslandsreisezielen konnten zehn Jahre nach der deutschen Einheit nur Ungarn und die Tschechische Republik - mit günstigen Preisen und westlichem Service - ihre Rolle behaupten.

"Heute kann man ja dafür in jeden Winkel der Erde reisen, da muss man nicht unbedingt noch mal in die alten Urlaubsregionen fahren", tröstet sich eine einst passionierte Bulgarienfahrerin aus Sachsen. "Außerdem konnten wir nie im Winter in die Sonne düsen und so den Sommer verlängern", weiß sie weiter zu schätzen. Von all den günstigen Last-Minute-Angeboten ganz zu schweigen, die selbst die Kostenbewusstesten noch schnell in die Ferne locken sollen.

Die Qual der Wahl blieb dem auslandsreisefreudigen DDR-Bürger weitgehend erspart: Ohne Probleme standen ihm gerade einmal sechs Staaten zur Auswahl - neben Ungarn und der CSSR konnte man sich noch für Polen, Rumänien, Bulgarien und die Sowjetunion entscheiden. Wer Beziehungen hatte und als guter Sozialist galt, konnte auch mal eine Reise nach Jugoslawien, die Mongolei oder Kuba ergattern. Doch auf die Schnelle ging weder das eine noch das andere. Bis auf Polen und die CSSR, für die der Personalausweis als Reisedokument ausreichend war, hieß es lange planen und Visa beantragen.

Wer sich für eine Pauschalreise mit dem DDR-Reisebüro entschieden hatte, musste genau wissen, wann die Sommer- und die Winterangebote auf den Markt kamen, wie üblich lange in der Schlange stehen und im Grunde nehmen, was gerade zu haben war.

Aus Varna wurde Moskau

"Da konnte es schon sein, dass man ans Meer wollte und mit einer Städtereise in die UdSSR nach Hause kam", erinnert sich Gerhard Steinbock aus Berlin. Ähnlich war es bei Jugendtourist, dem Reisebüro der Jugendorganisation FDJ, mit dem junge Leute für vergleichsweise wenig Geld die sozialistische Welt erobern konnten.

Manchen Überraschungseffekt barg das Hotel. Denn die Verwaltung des Mangels machte bunte Kataloge schlicht überflüssig. Ohnehin war bei Pauschalreisen alles straff organisiert und kaum etwas nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Stätten der sozialistischen Revolutionen und Ehrenfriedhöfe für die gefallen Sowjetsoldaten hatten einen festen Platz im Programm. In Hotels und Restaurants wurde streng nach Ost- und Westtouristen getrennt. Wer sich abseilen wollte, musste mit in den meisten Fällen argwöhnischen Blicken manches Reiseleiters und schlechten Karten für die nächste Auslandreise rechnen.

Im Vergleich dazu hatten Individualurlauber wesentlich mehr Freiheit - wenn auch nicht grenzenlos, die zumeist mit Zelt oder Campingwagen unterwegs waren. Planung war jedoch auch hier das A und O, schon weil der Geldumtausch beschränkt war. "vier mal Salami, zwölf mal Butter, 15 mal Pumpernickel, 2,5 Kilogramm Kaffee", stehen unter anderem in der Vorbereitungsliste für einen Bulgarienurlaub von Henriette Gläsel. Nicht zu vergessen waren die aufwändigen Berechnungen zum Benzinverbrauch, um ohne Probleme durch das wirtschaftlich schwächelnde Rumänien zu kommen, in dem der Sprit in den 80er Jahren rationiert wurde.

Wohl dem, der mit eigenem Geschick oder dem eines guten Freundes einen Tank in seinem Auto hatte, der aus zwei einzelnen zusammengeschweißt war und extra für die Urlaubsreise montiert wurde.

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