Zeitung Heute : Bulgarischer Wahlkampf: Ein Herz und eine Krone

Stephan Israel

Der Mann würde unter normalen Umständen niemandem auffallen. Simeon Koburggotski, so heißt er mit bürgerlichem Namen, sieht mit seinem dünnen Haarkranz und den altersgeröteten Wangen aus wie ein unscheinbarer älterer Herr. Aber seine adelige Herkunft scheint Eindruck auf die Menschen zu machen, denn halb Bulgarien liegt ihm, seiner Majestät Simeon II., zu Füßen. Seine königliche Nationale Bewegung geht als klare Favoritin in die Parlamentswahlen am kommenden Sonntag, und der König und seine Kandidaten werden der Politikerkaste des Landes aller Wahrscheinlichkeit nach eine verheerende Niederlage bereiten.

Wo auch immer König Simeon II. auf Wahlkampftour im Land unterwegs ist, strömen die Menschen in Massen zusammen. Heute ist er zu Besuch in Montana, einer ehemaligen Industriestadt hundert Kilometer nördlich von Sofia. Die Leibwächter mit den dunklen Sonnenbrillen müssen ihm den Weg frei machen. Betagte Damen werfen sich auf die Knie, wollen den König berühren oder seine Hand küssen. Seiner Majestät ist das sichtlich peinlich. "Sie sehen, wie schlecht es den Leuten geht", sagt der König auf dem schnellen Marsch durch das Spalier.

Lange, sagt der Monarch, habe er verfolgt, wie es mit seinem Volk unter den Politikern der postkommunistischen Ära nur bergab ging. Erst im Frühjahr entschied er sich, aus dem spanischen Exil zurückzukehren, weil er glaubt, er könne sein Volk in eine bessere Zukunft führen. "Liebe", sagt seine Majestät mit ernstem Gesicht, "ist die Botschaft."

Simeon II. rührt die Werbetrommel für seine Liste, doch für das Parlament kandidiert er selbst nicht. Der König, schon ganz Politiker, hält sich bedeckt, ob er das Amt des Premierministers anstrebt oder gar die Rückkehr auf den Thron plant. Er sehe sich eher als Staatsmann, sagt Simeon II. Seine Nase sei lang genug, um die richtigen Leute für das Regierungsgeschäft auszusuchen, sagt der Monarch ohne Selbstironie.

Der königliche Tross ist inzwischen auf dem Hauptplatz von Montana angekommen. Simeon II. besteigt das Podium. "Dieses Zuhause wird schön und wunderbar werden", beginnt er seine Rede. Und der König versucht, Mut zu machen: "Das bulgarische Volk ist zu Wundern fähig."

"Der König wird uns retten", sagt eine ältere Frau nach der Rede mit verklärtem Blick. Schließlich sei der König ein Mann mit Kontakten in die ganze Welt, und auch seine fünf Kinder hätten es im Ausland zu etwas gebracht. Von den Politikern, die das Land die letzten zehn Jahre regiert haben, will sie nichts mehr wissen: "Die Politiker haben Millionen gestohlen, und wir sind arm geblieben." Mit umgerechnet 47 Mark muss sie im Monat auskommen. In Montana liegt die Arbeitslosenrate bei über 50 Prozent und zu allem Übel ist fließendes Wasser wegen der maroden Anlagen seit Jahren rationiert.

In der Hauptstadt Sofia wundern sich Politologen und Kommentatoren über das Phänomen Simeon II. Eine arrogante und durch zahlreiche Korruptionsskandale diskreditierte Regierung habe die Stimmungslage der Nation verkannt, glaubt Meinungsforscher Petar Jivkov. Im Ausland mag Premierminister Iwan Kostov von der Union der Demokratischen Kräfte (UDF) zwar als Reformer gefeiert werden, doch zu Hause wirft man ihm vor, dass es wegen der vielen Betriebsschließungen heute mehr Arbeitslose und Rentner gibt als Erwerbstätige. "Fast jeder spürt es, wenn die Schulbücher plötzlich Geld kosten oder die Gesundheitsversorgung nicht mehr gratis ist. Die Regierung hat die letzten vier Jahre den Dialog mit der Bevölkerung nicht geführt", zieht Meinungsforscher Petar Jivkov Bilanz.

Der König ist da der längst erwartete Hoffnungsschimmer. Die verklärte Erinnerung an die "goldene Ära" der 30er Jahre unter Boris III., dem Vater Simeons, muss den Mythos von Simeon II. als Bulgariens verlorenem Sohn geprägt haben. Ein verzweifeltes Volk und ein von seiner Mission überzeugter König haben sich gefunden. Die Kandidaten auf den Listen der Nationalen Bewegung hat seine Majestät handverlesen. Es ist eine bunte Mischung aus TV-Stars, Hausfrauen, Juristen oder Sportlern. Eine Gruppe von jungen Bulgaren, die im Ausland bei Beratungsfirmen arbeiten, haben für den König das Wirtschaftsprogramm verfasst. Im allgemeinen Freudentaumel wollen nur wenige nachfragen, wie der König mit der heterogenen Truppe die hohen Erwartungen erfüllen will. Spekulationen über die großen Löcher in der Biografie des Königs während des langen Exils werden von seinen Anhängern als böse Diffamierungen abgetan. Niemand weiß so genau, welcher Art die Geschäfte waren, die Simeon II. während seiner Madrider Zeit getätigt haben soll. Politische Gegner behaupten, es seien auch Waffenverkäufe zwischen Russland und Nahost darunter gewesen. Das wilde Gerücht passt jedenfalls ausgezeichnet in die Verschwörungstheorie, wonach König Simeon ein Mann Russlands sei, angetreten mit dem Geheimauftrag, Bulgarien zu destabilisieren und vom Weg Richtung Europa abzubringen. Aber davon lässt sich das Volk nicht beirren. Es ist ein bisschen so, als sei Bulgarien seit der Rückkehr von König Simeon II. in Trance.

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