Zeitung Heute : Bummeln durch den Bezirk mit:

Lässig hockt er auf der Lehne der Holzbank vor seiner Lieblingsvideothek „Video Collection“ (1) und blinzelt in die Sonne. „Berlin am Meer haben sie zwar nicht, der läuft ja auch noch im Kino, dafür eine große Auswahl seltener Programmkinostreifen.“ Anspruchsvollere Filme schaut er sich gerne an. Die Strecke von der U-Bahnstation Schönhauser Allee, an der Videothek vorbei, entlang der Stargarder Straße, läuft er täglich. Mehrfach. Magisch angezogen von dem tiefroten Gestein der Gethsemanekirche (2). Das leuchtende, warme Rot der Kirche fasziniert ihn - jedesmal aufs Neue. „Am eindrucksvollsten ist das glühende Rot der Kirche im Sommer kurz vor Sonnenuntergang.“

Angenehme Duftschwaden wehen uns beim Weiterlaufen entgegen. Räucherstäbchenduft, der bei jedem Schritt intensiver wird. Die wohlig-aufdringlichen Gerüche lullen uns schier ein, als wir das Kho-Do (3) betreten. Ein Räucherfachgeschäft. „Wenn ich ein Geschenk suche, finde ich hier garantiert etwas Ausgefallenes.“ Gezielt manövriert sich Axel durch den kunterbunten Esoterik-Laden, geradewegs an die Kasse. Die Inhaberin kennt Axel. „Diesen Flyer hast du noch nicht, der ist neu“, sagt sie und reicht ihm das Faltblatt. Gerne liest er die kostenlosen Lebenskunst- und Meditationsblättchen wie „Sein“ oder „KGS“ (Körper, Geist und Seele). Beseelt durch die Düfte schlendern wir weiter. Ein kurzer Stopp im Frida Kahlo (Lychener Str. 37). Ein nicht ganz billiges Café, das durch seine aufdringliche Außenfassade besticht: ein tiefgrelles Blau, umrandet von einem knalligen Rot. Ab und zu kommt Axel hier zum Brunchen vorbei. Gestärkt folgen anschließend spannende Tischtennismatches auf dem Helmholtzplatz (4). Die Tischtennisplatte ist perfekt. Bei Sonnenschein spielt Axel hier mit Freunden.

Weiter geht es zu einem ruhigeren Plätzchen. Der Weg führt über eine stylishe, graffitiverzierte Treppe (5) hinauf auf einen Hügel. Dort liegt der Moritzhof, ein Streichelzoo im Mauerpark (Schwedter Straße). Eine Stahltreppe führt, oben angekommen, wieder hinunter in ein kleines Paradies. Im Sommer einfach himmlisch. „Es kam mir vor wie eine Offenbarung.“ Eine ruhige, kuschelige Wohlfühloase mitten im Dickicht der Großstadt. (6) „Und eigentlich sollte man das Plätzchen gar nicht verraten, sonst war’s das mit der Ruhe.“ Axel liebt das wunderbare Fleckchen: einfach nur dasitzen. Träumen. Dösen. Lesen.

In der Ferne entdecken wir den Schwedter Steg (7). Eine architektonisch eindrucksvolle Stahlkonstruktion. Leicht, filigran. Eine Brücke über das Niemandsland. Das ungezähmte, öde Brachland. Ab und zu spaziert Axel über die Brücke und schaut in die Ferne. „Die Weite fasziniert mich, schenkt mir das Gefühl von Ruhe - einfach magisch“. Der perfekte Ort zum Nachdenken. Über das Leben. Über die Zeit. Über die Liebe. Über die Zukunft. Von der Brücke aus eröffnet sich zur anderen Seite ein großartiger Blick auf den Fernsehturm am Alex, manchmal in eine Nebelsuppe getaucht. Manchmal klar und scharf.

Über zerklüftete Gesteinsbrocken eines trockengelegten, kleinen Wasserbassins führt der Weg zurück zum Falkplatz (8). Axel kommt gerne hierher. Zum Frisbeespielen mit seinen Kollegen, zum Lernen seiner Texte. Oder auch zum Gitarre spielen. Das musste er sich für seine Rolle in der Serie „Türkisch für Anfänger“ erst beibringen. Auf dem Falkplatz findet Axel die nötige Ruhe.

Bummeln schafft Magengrummeln. Axel schlägt sein vietnamesisches Lieblingsrestaurant Si An (9) in einer stillen Ecke von Prenzlauer Berg vor. Hier genießt er die angenehme Atmosphäre und die wechselnden Tagesgerichte vom Inhaber Si An Truong, dem ehemaligen Geschäftsführer des immer vollbesetzten In-Restaurants Monsieur Vuong. Si An mochte den Rummel nicht länger und eröffnete sein eigenes Restaurant - ohne kitschige Buddhas, ohne Glutamat. Viel Gemüse, wenig Fleisch. Frisch zubereitet nach alten Rezepten und neuen Ideen. Genau nach Axels Geschmack. „Obst und Gemüse kaufe ich im Bioladen - unbehandelt, gesund und frisch.“

Die Sonne ist fast verschwunden. Draußen wird es frischer. Die Februardämmerung verdrängt die ersten Frühlingsgefühle. Um 17 Uhr fängt der nächste Berlinale-Film an, im Kino International. Axel schwingt sich auf sein Rad.Sophie Guggenberger

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