Bundesgerichtshof urteilt : Stadionverbote: Im Verein mit der Justiz

Fußballfans können schon bei einem Verdacht auf Gewaltbereitschaft mit einem bundesweiten Stadionverbot belegt werden. Das entschied der Bundesgerichtshof. Welche Folgen hat das für die Zuschauer?

Ingo Schmidt-Tychsen Friedhard Teuffel

Etwa 3000 Fans dürfen derzeit in Deutschland kein Fußballspiel besuchen, der Eintritt ist ihnen von der ersten bis zur vierten Liga verwehrt. Denn sie gefährden nach Einschätzung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seiner Vereine die Sicherheit. Stadionverbote sind eine wichtige Antwort auf Gewalt im Fußball geworden. Nun wirft das Urteil des Bundesgerichtshofs aber die Frage auf, ob damit auch Falsche getroffen werden könnten. Denn das Gericht urteilte, dass Aussperren aus dem Stadion auch auf Verdacht möglich ist.

Die Strafe gegen einen Fan des FC Bayern München hat der Bundesgerichtshof damit bestätigt. Nachdem er im März 2006 in einer Gruppe des Fanklubs „Münchner Schickeria“ in eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Duisburger Fans geraten war, hatte ihn die Polizei vorübergehend in Gewahrsam genommen. Anschließend erhielt er ein zweijähriges Stadionverbot. Der Fan bestritt jegliche Gewaltanwendung. „Auf den Nachweis, er habe sich an den aus der Gruppe begangenen Gewalttätigkeiten beteiligt, kommt es nicht an“, urteilte jedoch der Bundesgerichtshof. Ein Stadionverbot sei vom „Hausrecht der Vereine“ gedeckt. „Objektive Tatsachen“ wie frühere Vorfälle reichten für ein Stadionverbot aus. Zufällig habe sich der Fan auch nicht in der Gruppe aufgehalten. „Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe rechtfertigt die Annahme, dass er sich bei Fußballveranstaltungen in einem zu Gewalttätigkeiten neigenden Umfeld bewegt“, begründete der Bundesgerichtshof.

Dass nun vermehrt Fans ausgeschlossen würden, die durch Zufall in gewalttätige Auseinandersetzungen hineingerieten, glaubt der DFB jedoch nicht. „Diese Angst ist unbegründet“, sagt Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des DFB. Es gebe schließlich Richtlinien, die sorgfältig umgesetzt würden.

In der Tat wird das Instrument der Stadionverbote seit 2007 behutsamer angewendet. Das bestätigt die Koordinierungsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend. Deren Leiter Michael Gabriel sagt: „In den vergangenen Jahren sind Richtlinien erarbeitet worden, die zu mehr Transparenz und Einzelfallgerechtigkeit beigetragen haben.“ Viele Vereine prüften nun Vorwürfe genauer, ehe sie die Fans für eine längere Zeit ausschließen. Und wenn polizeiliche Ermittlungen mangels Tatverdacht eingestellt werden, zieht das auch die Aufhebung des Stadionverbots nach sich.

Beim Berliner Bundesligisten Hertha BSC beispielsweise gibt es immer mittwochs nach Heimspielen einen sogenannten Sicherheitsbeirat. Eingeladen werden jene Fans, die am Wochenende zuvor von der Polizei in Gewahrsam genommen worden waren und gegen die ein Verdacht vorliegt. Vier Funktionäre des Fußballklubs diskutieren mit den betroffenen Anhängern über ein mögliches Stadionverbot. Verhandelbar sei ein Stadionverbot oft nicht. „Aber wir hören unsere Fans an. Sie sollen wissen, dass wir sie ernst nehmen“, sagt Donato Melillo, einer der Fanbeauftragten von Hertha.

Die Berliner waren Ende 2007 Pionier bei der Kommunikation mit schwierigen Fans. Inzwischen haben einige Vereine ähnliche Konzepte, längst aber noch nicht alle. Früher lief es auch bei Hertha anders. „Da hieß es: Im Strafenkatalog steht, dass es für dieses oder jenes Delikt drei Jahre Stadionverbot gibt – also gab es drei Jahre“, erzählt Melillo. Er halte das nicht für sinnvoll, weil die Fans solche Entscheidungen als willkürlich empfänden. Deshalb sieht Melillo das Urteil des Bundesgerichtshofs kritisch. „Es fördert nicht gerade die Kommunikation.“ An Herthas Praxis im Umgang mit den Fans ändere es aber nichts.

Aus der Urteilsbegründung lässt sich herauslesen, dass Stadionverbote ohne Tatnachweis vom Bundesgerichtshof nicht nur für formal einwandfrei erklärt, sondern auch für sinnvoll erachtet werden. Die Vereine hätten schließlich eine „Schutzpflicht“ gegenüber den anderen Zuschauern im Stadion. Der DFB sieht seine Haltung daher bestätigt: „Stadionverbote stellen eine wichtige Präventivmaßnahme dar, um die Sicherheit in den Stadien zu gewährleisten“, sagt der Sicherheitsbeauftragte Spahn. Auch die Gewerkschaft der Polizei begrüßt das Urteil. „Die Richter haben einen Rückbau präventiver Maßnahmen gegen Fußballgewalt verhindert“, sagt deren Vorsitzender Konrad Freiberg, „Krawalle von Fußballfans nehmen mittlerweile nicht mehr hinnehmbare Ausmaße an.“

Während das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen von diesem Urteil unbeeinflusst bleibe, befürchtet Michael Gabriel etwas anderes: „Dass die Fanszene das Urteil als weitere Ablehnung ihrer Fankultur auffasst und sich der Eindruck verfestigt: Mit uns kann man es ja machen.“ Das Urteil könnte ein weiterer Mosaikstein im Feindbild der Fans gegen Polizei und Staat sein. „Das Verhältnis zwischen Fans und Polizei wird zunehmend schlechter, gerade auch, weil es zuletzt Polizeieinsätze gegeben hat, deren Härte nicht nachvollziehbar war“, sagt Gabriel. Im harten Kern der Fanszene, bei den sogenannten Ultras, würde das die Akzeptanz des Staates schwächen.

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