Zeitung Heute : Bundeskunsthalle Bonn zeigt Computer-Rekonstruktionen zerstörter Synagogen

Ulrich Deuter

Die digitalen Nachbildungen von 14 Gotteshäusern sind in der Ausstelllungshalle und im Internet zu besichtigenUlrich Deuter

Die Kölner Glockengasse mit dem Stammhaus von "4711" lässt die abendlichen Opernbesucher an harmlose Düfte denken. Nicht an Brandgeruch. Man muss freilich nur ein wenig im Internet blättern oder eine neue Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle besuchen, um diesen Teil der Kölner Innenstadt in anderem Licht zu sehen. Wo der klotzige Bau der Oper heute betonale Ewigkeit signalisiert, stand vormals ein Gebäude von ähnlich kolossaler, jedoch viel märchenhafterer Ausstrahlung: Kölns "Große Synagoge". Von Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner im neo-islamischen Stil entworfen, war der Zentralbau mit seiner vergoldeten Kuppel, seinen minarettartigen Zinnen und seinem farbigen Streifenmuster nicht nur ein Wahrzeichen christlich-jüdischen Zusammenlebens, sondern auch eines der ganzen Stadt: eingeweiht 1861, 19 Jahre vor der Vollendung des Doms.

Am 10. November 1938 wurde das jüdische Juwel im Kranz der Kölner Gotteshäuser vernichtet. Jetzt erstand es neu: auf einer Festplatte der Technischen Universität Darmstadt, als 3-D-CAD-Datei. Hier hatte sich, unter dem Eindruck des Anschlags auf die Lübecker Synagoge 1994, eine Gruppe von Architektur-Studenten das Ziel gesetzt, einige der jüdischen Tempel virtuell wieder aufzubauen, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen waren. In fünfjähriger Arbeit wurden 14 von ihnen rekonstruiert - ein Hundertstel der in der Reichspogromnacht zerstörten jüdischen Kultstätten. Das Ergebnis, das jetzt in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik auf einem knappen Dutzend Computerbildschirmen sowie - ein dauernder Gedächtnisraum - im Internet anzuklicken ist, zeigt nicht nur die vom CAD (Computer Aided Design) bekannte verblüffend anschauliche Räumlichkeit, sondern vor allem den Verlust, den die vollständige Vernichtung so vieler architektonischer Raritäten in Deutschland bedeutet.

Die fast vollständige Tilgung auch der Erinnerung stellte das Hauptproblem dar, dem sich die Darmstädter bei ihrer Rekonstruktionsarbeit gegenübersahen. Waren doch mit den Gebäuden auch die Dokumente - Pläne, Fotos, Kult- und Einrichtungsgegenstände - den Brandstiftern zum Opfer gefallen oder hernach systematisch vernichtet worden. Aus Archiven und alten Bauzeitschriften wurden mühsam die Risse ermittelt, vor allem bei den Einzelheiten der Oberflächen und der Einrichtung der Innenräume war das Einfühlungsvermögen der zeitweilig bis zu 40 an dem Projekt beteiligten Studenten gefragt - und das Gedächtnis der Überlebenden. Die aber waren kaum noch zu finden.

Dennoch, das Ergebnis beeindruckt. In unwirklicher Kühle und zugleich faszinierender Detailfreude bietet sich ein fotografisch genauer Rundgang um die Gebäude und durch ihr Inneres, vor allem der gekonnte Einsatz von Licht und Schatten suggeriert einen realistischen Raumeindruck von haptischer Qualität; ein begleitendes Video bietet gar filmische Fahrten. Zerstörte Synagogen aus Berlin, Darmstadt, Dortmund, Dresden, Frankfurt, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Plauen sind auf diese Weise ins Leben, zumindest in die Imagination zurückgekehrt.

Die als Work in Progress angelegte Ausstellung bietet neben dem computergenerierten optischen auch das akustische Innenleben der Gotteshäuser, mit Tonaufnahmen synagogaler Musik. Durch eine begleitende Einführung in die Geschichte jüdischer Sakralarchitektur erfährt der Besucher, dass die Synagogen-Neubauten des 19. und 20. Jahrhunderts, die endlich im Herzen der Städte angesiedelt waren, zwischen der Betonung der Andersartigkeit (orientalischer Baustil) und der der Zugehörigkeit (neoromanischer oder regionaler Baustil) schwankten - Ausdruck der Lage der Juden in Deutschland selbst. Die Synagoge an der Fasanenstraße, eines von zwölf Berliner jüdischen Gotteshäusern, gar vereinigte unter ihrem Dreikuppeldach beides, romanische und orientalische Formelemente. Einzigartig war das Bethaus in Plauen, das noch 1930 von Fritz Landauer im Bauhaus-Stil errichtet wurde. Die Rekonstruktion zeigt einen weiß verputzten Quader auf rotbraun geklinkerter Basis, der Innenraum ist in seiner grün-goldenen Ausstattung schlicht und feierlich zugleich.

Es verwundert, dass das Darmstädter Projekt erst jetzt unternommen wurde; CAD-Programme sind seit über zehn Jahren im Einsatz. Auch irritiert, wie sehr der wissenschaftliche Mentor der studentischen Fleißarbeit, der Darmstädter Architektur-Professor Manfred Koob, betont, dass die Rekonstruktion keine Vergangenheitsbewältigung von Architektenseite oder sonst eine Art der Wiedergutmachung darstelle. Sie ist wahrlich eine, wenn auch eine bloß virtuelle. Die aber könnte hier und da zum Initial einer künftigen realen werden, wie im Fall der Dresdner Frauenkirche. Denn während auch diese zunächst am Computer erstand und nun Stein für Stein wieder errichtet wird, haben nur ganz wenige zerstörte Synagogen ihre Wiederauferstehung erlebt. Meist ging es so zu wie in Köln, wo das "entjudete" Grundstück 1943 in den Besitz der Stadt überging, die darauf 1957 ihr Opernhaus erbaute.Bis 16. Juli 2000. Katalog DM 10 Mark

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