Bundestag : Grüne Delle

Einst ausersehen für das ganz Große – nun zurück in der zweiten Reihe: Fritz Kuhn

Hans Monath
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Fischers Fritz. Kuhn ist nicht mehr Chef der Grünen-Fraktion im Bundestag. Den Posten hat seit Dienstag Jürgen Trittin. Foto: dpadpa-Zentralbild

Es ist allein dieses Hin- und Herschieben der Lesebrille auf dem runden Besprechungstisch, das man als Zeichen von Anspannung deuten könnte. Klack machen die Bügel der Metallfassung, wenn Fritz Kuhn ihre Bügel auseinanderfaltet, wieder zusammenfaltet und dann über die Holzplatte schiebt.

Dienstagvormittag in Kuhns Büro im Bundestag. Durch das Fenster fällt der Blick auf das Herbstlaub des Berliner Tiergartens. Bald wird Jürgen Trittin die schöne Aussicht genießen, über Kuhns Mitarbeiterstellen verfügen. Der muss sich ein anderes, kleineres Büro suchen.

Es sind nur noch wenige Stunden, dann wählen die Abgeordneten der Ökopartei den Spitzenkandidaten der Bundestagswahl zum Nachfolger Kuhns als Fraktionschef. Und sie bestätigen Renate Künast in ihrem Amt, vier Jahre lang Kuhns Partnerin an der Fraktionsspitze. Kuhn aber, der weit über seine eigene Partei hinaus als kluger Analytiker, als konzeptioneller Kopf, als scharfer Debattenredner geschätzt und gefürchtet wird, Kuhn muss sein Fraktionschefbüro räumen. Er tritt zurück in die zweite Reihe.

Warum macht einer überhaupt weiter, der lange Jahre als Hoffnungsträger der Grünen gehandelt wurde und nun an der Spitze für einen alten Rivalen Platz machen muss? Wenn dieser Tag für den Realpolitiker und Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg eine Kränkung bedeutet, so lässt er sie sich zumindest nicht anmerken. Auch harten Fragen weicht der 54-Jährige nicht aus. „Ich sehe mich nicht auf dem Abstellgleis“, sagt er ruhig: „Ich gehe inhaltlich aufgeräumt und frohgemut in die nächsten vier Jahre.“ Nur die Bügel der Lesebrille schaben manchmal auf der Tischplatte.

Der Abgeordnete für den Wahlkreis Heidelberg, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, will als Fraktionsvize weiter die Wirtschaftspolitik der Grünen im Bundestag gestalten. Will politische Konzepte entwickeln und dafür Begriffe prägen. Tatsächlich war Kuhn der Kopf hinter dem Versprechen, Ökologie und Ökonomie miteinander zu versöhnen („Mit grünen Konzepten schwarze Zahlen schreiben“), plädierte früh dafür, Geld aus dem Solidaritätszuschlag in den Ausbau des Bildungssystems zu stecken (Bildungssoli) und entwarf das Wahlkampfkonzept der Grünen für eine Million neuer Jobs durch Investitionen in Klimaschutz, Bildung und Soziales. Die Grünen seien „die einzige Partei, die konkret aufzeigt, welches qualitative Wachstum durch eine ökologische Wirtschaftspolitik möglich ist“, sagt Kuhn. Er redet an diesem Vormittag so unaufgeregt über seine eigenen Leistungen wie über seinen Abschied aus der ersten Reihe.

Die letzte Niederlage, die ihm seine Partei bereitete, hatte Kuhn noch überrascht. Auf dem Parteitag von Erfurt vor einem Jahr verweigerten ihm die Delegierten die Wahl in den Parteirat. Dem Beratungsgremium der Parteispitze hatte der Ex-Parteichef viele Jahre angehört. Parteiratswahlen zeigen zuverlässig, wen die Grünen-Basis respektiert oder mag. Kuhn war noch nie einer, der das Herz seiner Partei wärmen konnte, er war nur geachtet. Das Ergebnis damals schockte den Politiker mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt.

Diesmal hat es Kuhn seit Monaten kommen sehen, hat alle Optionen mit seinem analytischen Verstand geprüft, der eine seiner politischen Stärken ausmacht. Es gebe gute Gründe, warum jetzt Künast und Trittin die Fraktion leiten, meint er: „Deswegen mache ich da keinen Kummerkasten auf.“ Tatsächlich war die nach Joschka Fischers Abgang bei den Grünen lange offene Machtfrage schon in dem Moment entschieden, als Künast und Trittin im vergangenen Jahr als Spitzenkandidaten für die Wahl ausgerufen wurden. Sie war entschieden gegen Kuhn. Auch die Realpolitiker drängten ihn nun nicht mehr, den Flügelproporz infrage zu stellen und gegen Trittin in eine Kampfkandidatur zu gehen. Schon im Wahlkampf nahm sich Kuhn loyal zurück. Trittin stellte das Eine-Million-Jobs-Konzept vor, das Kuhn geschrieben hatte.

Dabei schien es ausgemacht, dass Fritz Kuhn für ganz große politische Aufgaben ausersehen war, als Joschka Fischer noch die Grünen dominierte. „Fischers Fritz“ hieß damals sein Spitzname, und keiner, der über den damaligen Parteichef schrieb, vergaß seinen brennenden Ehrgeiz zu erwähnen. Doch je länger Fischers Abschied her ist, umso deutlicher wird, dass Kuhns Chancen rapide schwinden, jemals ein Ministeramt zu übernehmen. Zu Beginn der nächsten Legislaturperiode wird er 58 sein. Und von unten drängen junge Grüne nach, die Führungsposten beanspruchen. Sogar sein Wunschamt als Fraktionsvize wird ihm schon streitig gemacht.

„Kuhn könnte als der dauerhaft überlegene Hoffnungsträger abtreten“, hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor wenigen Jahren prophezeit. Der dauerhaft überlegene Hoffnungsträger aber macht in der Stunde seiner Niederlage einfach weiter. Berufliche Aufgaben außerhalb des Bundestags, so sagt er, reizten ihn nicht: „Ich mache halt gerne Politik. So einfach ist das.“

So einfach. Und so kompliziert. Und wahrscheinlich ist es gut beobachtet, was ein Realpolitiker zu Kuhns politischem Schicksal sagt: „Es ist nicht immer leistungsgerecht, wie die Grünen mit ihren Leistungsträgern umgehen.“ Aber als Partei der Leistungsträger haben sich die Grünen auch noch nie empfohlen.

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