Bundestagswahlkampf : Plötzlich Zugluft

Eine Nostalgie-Eisenbahn, eine Reise durch das vereinte Deutschland: Angela Merkel fährt mit dem „Rheingold-Express“ von Bonn nach Berlin. Doch etwas an dieser Tour ist schief – so wie seit Sonntagabend überhaupt etwas schief ist im Kanzlerinnenwahlkampf.

Robert Birnbaum
Angela Merkel
Zugig. Angela Merkel fährt mit dem "Rheingold-Express" von Bonn nach Berlin. Doch etwas an dieser Tour ist schief - so wie auch im...Foto: dpa

Der „Rheingold-Express“ gleitet sanft den Rhein entlang, wie nur ein solider alter Eisenbahnzug aus den 60ern gleiten kann. Er riecht auch nach früher, diese strenge Mischung aus verkohlten Bremsbelägen, gestreiftem Kunstsamtpolster, Schmierseife und Resopal. Und es soll ja so riechen, nach den guten alten Zeiten. Vorne im Panoramawagen sitzt schließlich ein halbes Dutzend Adenauers zusammen mit der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden. Angela Merkel hat am frühen Morgen in Rhöndorf am Grab des Alten einen Kranz niedergelegt, hat im Bonner Naturgeschichtlichen Museum Koenig im ersten Behelfs-Kanzleramt des großen Vorgängers kurz am Schreibtisch Platz genommen, und jetzt rollt der Nostalgiezug Richtung Berlin. Eine Reise durch das vereinte Deutschland – „Das ist der Traum, den Konrad Adenauer gehabt hätte“, sagt Merkel.

Der Satz ist irgendwie schief. Etwas an dieser ganzen Tour ist schief. So, wie seit Sonntagabend etwas schief hängt im Kanzlerinnenwahlkampf.

Das TV-Duell gegen Frank-Walter Steinmeier ist nicht nach Plan gelaufen. Das Fernsehbild einer fahrigen Angela Merkel hat regelrechte Schockwellen durch die eigene Partei gejagt. Mitten in der tiefstschwarzen westdeutschen Provinz zieht ein erprobter CDU-Kämpfer die Stirn in Falten. „Was meinen Sie, wie kann das am Ende ausgehen? Alles offen, oder?“ Tja, sieht so aus. „Nach beiden Richtungen, oder?“ Tja. Ja, nach beiden Richtungen.

Dabei hat es so schön planmäßig angefangen. Vor ein paar Wochen auf dem Marktplatz von Borna zum Beispiel hat die Sonne warm gestrahlt. Borna liegt etwa auf halbem Weg zwischen Leipzig und Chemnitz. Der Marktplatz – barockes Rathaus, barocke Bürgerhäuser, Bierstand, Bratwurst – ist ein Muster von vielleicht nicht durchweg blühender, aber sehr schmuck renovierter Landschaft. Mehrere tausend Zuhörer drängen sich an einem Montagnachmittag. Merkel erzählt von Arpad Bella. Das ist der ungarische Grenzoffizier, der im August 1989 die Pistole stecken ließ, als ein paar hundert DDR-Touristen durch ein Loch im Eisernen Vorhang nach Österreich flüchteten. Merkel hat Bella neulich in Sopron getroffen, beim 20-jährigen Jubiläum. Seither ist er die Klammer ihrer Standard-Wahlkampfrede. Am Anfang Bellas Geschichte, und zum Schluss sagt Merkel den Leuten, dass sie sich den tapferen Magyaren als Vorbild nehmen sollen, weil, wenn ein Einzelner die Weltgeschichte ändern kann, dann kann es jeder einzelne Wähler am 27. September auch.

Dazwischen sagt Merkel, dass die CDU-Kanzler seit Konrad Adenauer praktisch alles richtig gemacht haben, dass es in der tiefsten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Republik infolgedessen wieder auf eine CDU-Kanzlerin ankomme sowie auf „klare Verhältnisse“, weshalb sie eine Koalition mit der FDP anstrebe. Letzteres kommt mehr in einem Nebensatz daher. Die Leute applaudieren freundlich. Hinterher singen sie die Nationalhymne mit, auch die Jungen. Am Rand verfolgen zwei Glatzenträger mit Springerstiefeln die Szene. Sie wirken unfroh. Nichts zu holen hier für sie.

So hätte das gerne weitergehen können. Soll doch die SPD sich aufregen über präsidialen Wahlkampfstil, soll sie schimpfen über Inhaltsleere und Ideenklau – Merkel ist halt die beliebteste Kanzlerin seit Demoskopengedenken! Im Schlafwagen zur Macht? Na und?

Nun muss man an dieser Stelle schon einfügen: Vom Sinn des Kanzlerinnen- Wohlfühlwahlkampfs sind auch in den eigenen Reihen längst nicht alle überzeugt gewesen. Sie haben einer Theorie nie ganz getraut, die sich der Generalsekretär Ronald Pofalla von Demoskopen wie Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen geborgt hat. Roth steht am Sonntagabend im Studio H in Berlin-Adlershof, er hat sich das Duell dort angeguckt. Man müsse schauen, sagt er, wie stark sich die kognitive Dissonanz auswirke. „Kognitive Dissonanz“ ist das, was normale Menschen einen Zwiespalt nennen. In dem befinden sich vermutlich jene Leute, die die Kanzlerin Merkel okay finden, aber bisher immer SPD gewählt haben oder auch Grüne. Wenn der Zwiespalt groß ist, bleiben sie vielleicht daheim.

So weit die Theorie. Auf der mutmaßlichen Entmutigung der politischen Konkurrenz einen ganzen Wahlkampf aufzubauen, fand ein CDU-Ministerpräsident allerdings vor Monaten schon „kühn, um das Mindeste zu sagen“. Ein bekannter Christdemokrat hat noch am Rande der letzten Bundestagssitzung gezürnt: „Vor vier Jahren haben wir für die FDP Wahlkampf gemacht, jetzt für die Kanzlerin der großen Koalition – wäre vielleicht gut, das nächste Mal machen wir Wahlkampf für die CDU?“ Öffentlich widersprochen hat aber zuletzt keiner mehr. „Es ist schließlich ihr Wahlkampf“, merkte jemand aus Merkels engerem Umfeld trotzig an. Das haben sich die anderen dann auch gesagt, schulterzuckend: Soll sie doch sehen!

Und schließlich – wie in Stein gemeißelt blieben alle Umfragen dabei: Merkel ist die Favoritin der Deutschen, Union und FDP liegen um die 50 Prozent, drei Viertel halten die Wahl für gelaufen. Politiker glauben an Umfragen umso fester, je lauter sie das Gegenteil behaupten. Zwischenzeitlich sind die Skeptiker sogar an den eigenen Zweifeln irre geworden. „Das klappt vielleicht wirklich!“, hat einer noch vor zwei Wochen gesagt und dabei über sich selbst gestaunt.

Seit Sonntagabend sind alle Zweifel wieder da. Die Präsidialwahlkämpferin, die Schwächen zeigt – zu viel kognitive Dissonanz, diesmal andersherum. Im CDU-Präsidium am Montag haben vor allem die Stellvertreter Roland Koch und Christian Wulff energisch angemahnt, sich im Schlussspurt mehr auf Stamm- statt Wechselwähler zu konzentrieren. Wulffs Landesvater-Landtagswahlkampf 2008 war übrigens die Blaupause für Merkels Kampagne. Aber eine Bundestagswahl hat eine andere Dimension. „Die, die wir von der SPD zu uns rübergezogen haben, die sind da und laufen auch nicht alle wieder weg“, sagt einer aus der Unionsspitze. „Jetzt müssen wir für die Eigenen noch eine Schippe drauflegen!“

Das Bild aus dem Dampflok-Zeitalter passt auf den „Rheingold“ nicht ganz. Der rollt um 9.46 Uhr mit je einer Diesellok vorne und hinten aus dem Bonner Hauptbahnhof. Gleichwohl ist der Nostalgie-Express Merkels Versuch der symbolischen Annäherung an die Eigenen. Unausgesprochen reist ein „Und ich bin doch Adenauers politische Enkelin!“ mit. Gut sichtbar reisen sechs echte Enkel mit sowie Libet Werhahn-Adenauer, 81 Jahre alt, jüngste Tochter. Sie wird im Zug erzählen, wie ihr Vater 1949 die großkoalitionär gestimmten CDU-Fürsten zur Ein-Stimmen-Koalition mit der FDP gebracht hat: „Da wurde dann erst mal gut gegessen“, berichtet die feine alte Dame, „dann ging man im Garten spazieren. Dann gab es Einzelgespräche …“

Die Erzählung war den Gastgebern sehr recht, weil sie ihnen ersparte, noch mal selber auf das schwarz-gelbe Wunschbündnis hinzuweisen. Die Scheu hat einen simplen Grund. Eine Jahreszahl. 2005. Alles war ähnlich wie heute, die SPD am Boden, Union und FDP im sicheren Gefühl des Sieges. Der Schock am Wahlabend war einer fürs Leben. „Noch am Abend vorher hat mich ein Demoskop angerufen und gesagt, machen Sie sich keine Sorgen“ – die damals dabei waren, erzählen die Geschichte immer wieder, ungefragt. Das Trauma hat sich eingebohrt. Vier Jahre lang hat sich die Kanzlerin Merkel seither Stück für Stück von der schwarz-gelben Reformkandidatin weggerobbt. Ihren Truppen wird bei dem Gedanken ganz schlecht, dass es der SPD erneut gelingen könnte, das mit so viel Mühe ausgeblichene Schreckgespenst frisch an die Wand zu malen. Überhaupt nicht komisch fanden sie es darum, als Horst Seehofer anfing, die Liberalen als Neoliberale zu beschimpfen, denen die CSU in einer Koalition aber so was von soziale Zügel anlegen werde! „Muss man die Leute denn auf Ideen bringen?“, fragt ein genervter CDU-Mann.

Der „Rheingold“ ist in Koblenz angekommen, erster Zwischenhalt. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen viele Schüler. Sie haben aber extra frei bekommen zum Kanzlerin-Gucken. Merkel kürzt ihre Normalrede stark. Aber Adenauer und die Geschichte müssen natürlich drin sein. Außerdem – es ist, rein zufällig, auch der Jahrestag des Crashs von Lehman Brothers – die Banker, die Boni- Kassierer, die Finanzjongleure. Die müssten sich Regeln unterwerfen, damit sie „nie wieder auf unseren Knochen so was anstellen können“, ruft Merkel. Und ein drittes Element muss in der Kurzansprache vorkommen. Noch nie, sagt Merkel, sei die deutsche Wirtschaft derart eingebrochen, minus fünf, minus sechs Prozent. „Ich sag’ das nicht, um Ihnen Angst zu machen!“ Nur damit klar ist, dass die Krise noch nicht vorbei ist. Nur damit niemand zweifelt, dass es noch „stabile Verhältnisse“ in der Regierung braucht.

Hinten auf dem Platz kann man die gleiche Botschaft in Plakatform sehen: „Klug aus der Krise“, lächelt ein Merkel-Foto. Doch es gibt da ein Problem. Die Krise ist bei den Leuten nach wie vor nicht angekommen. Es gibt ja auch keine Massenentlassungen. Niemand muss Haus und Hof verkaufen. In der Zeitung steht sogar, dass es sachte aufwärtsgeht. Vor einem Jahr, als die Finanzwelt bebte, hat ein CDU-Wahlkampfplaner in einem Anfall spontaner Ehrlichkeit gesagt: „Ein bisschen Krise ist für uns gar nicht schlecht!“ Krise macht konservativ. Aber wenn sie nicht spürbar wird?

Merkel hat im Ernst überlegt, ob sie vier Tage vor der Wahl zum G-20-Weltwirtschaftsgipfel nach Pittsburgh fliegen soll. Nicht, dass die Leute sagen: Die will wieder bloß aufs Sonnendeck! Oder die Vorstellung, dass auf den letzten Drücker der Seehofer den nächsten Privatwahlkampf lostritt, oder dass sonst was passiert, und die Kandidatin sitzt neben Barack Obama und kann nicht schnell genug reagieren! Seehofer hat das nächste Solo ja schon angekündigt, ein Sonder-CSU-Wirtschaftsprogramm. Für die Eigenen.

Auf dem Sonderzug war der CSU-Chef nicht, kurzfristige Absage, dringender Termin bei Quelle. Obwohl er, versichert ein CSU-Mann, „als bekennender Eisenbahnfan“ gerne dabei gewesen wäre. Mag sein. Aber dass Seehofer CSU pur ist, wissen seine Wähler ja auch so. Er muss sich dafür nicht mit „Rheingold“ umgeben. Außerdem, Adenauers Original-Wahlkampf-Salonwagen, Nummer 10205, steht seit langem in Bonn im Geschichtsmuseum; der Hut des Alten hängt da am Garderobenhaken.

Irgendwo zwischen Erfurt und Leipzig ragen die Stahlskelette eines ehemaligen Chemiekombinats in den verhangenen Himmel. Früher hatten sie in der DDR ein Problem. Der Fünf-Jahr-Plan sah Dresdner Christstollen vor. Doch es herrschte Mangel an sozialistischen Zitronen für das Zitronat. Da haben sie im Zentralinstitut für Ernährung grüne Tomaten so lange hin- und herkandiert, bis es ähnlich aussah und ungefähr so schmeckte. „Kandinat T“ hieß das Zeug. Ein Ersatzstoff.

„Kandinat-Wahlkampf“ – etwas ist nun einmal schief an dieser ganzen Tour.

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