Zeitung Heute : Bundeswehr: Manöverkritik

Robert Birnbaum

Auf was für Ideen die Leute kommen! "Nee, unser Klopapier bringen wir noch nicht selber mit." Der Kommodore lacht. Da hat irgendein Schreibstubenhengst in einer süddeutschen Wehrverwaltung den alljährlichen Sparappell mit der Mahnung garniert, kein Toilettenpapier zu verschwenden - und schon steht in den Zeitungen, beim Bund hätten sie jetzt nicht mal mehr dafür Geld. Oberst Heinz-Joachim Hecht hat bei seinem Jagdgeschwader 71 "Richthofen" noch nichts von Klopapierrationierung bemerkt. Hier haben sie andere Sorgen. Viel größere.

Das Jagdgeschwader im ostfriesischen Wittmund hat einen traditionsreichen Namen. Ansonsten ist es eine ziemlich normale Bundeswehr-Einheit. Vom Balkan-Einsatz bekommen sie nicht viel mit, nur Techniker gehen zu den Nato-Luftbasen in Italien. Das Geschwader selbst fliegt die F-4F Phantom. Der zweisitzige Jet ist in die Jahre gekommen, seit er 1974 zum ersten Mal auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen einschwebte. Heute patrouillieren die Maschinen im norddeutschen Luftraum. Wenn sich nicht gerade ein russischer Aufklärer über der Nordsee verirrt, ist wenig zu sehen außer grünen Wiesen mit Kühen und dem blauen Meer. Aber Nato-Auftrag ist Auftrag.

1700 Männer und Frauen sind auf dem weitläufigen Kasernengelände beschäftigt, davon 500 Zivile. Die Bundeswehr ist der größte Arbeitgeber in der ostfriesischen Kleinstadt. Sie könnte ein noch größerer sein. An den Kasernengebäuden aus den 60er Jahren zum Beispiel, äußerlich schmucke rote Klinkerbauten, wären ein paar Generalüberholungen fällig. Beim Stab ist neulich schon ein bisschen Wasser durch die Decke gekommen. Auf zwölf, dreizehn Millionen Mark im Jahr schätzt der Geschwaderchef den Bedarf an Infrastruktur-Investitionen. "Aber seit drei Jahren kriegen wir nur noch zehn Prozent davon." Ein Riesenproblem, sagt Hecht. Noch funktioniert alles. Doch die Salzluft von der nahen Nordsee nagt unbarmherzig am Material. In ein paar Jahren wird, was sich heute mit ein bisschen mehr Geld billig beheben ließe, zum großen Sanierungsfall geworden sein. Und dann?

"Die Rahmenbedingungen sind nicht besser geworden", sagt Oberst Hecht. Der drahtige Kommodore in der grauen Fliegerkombi ist seit 28 Jahren dabei. Er weiß, was er sagt. Mit den Menschen ist es genauso wie mit den Gebäuden: Wenn man zu lange nichts unternimmt, werden aus kleinen Problemen irreparable. Die Transportflieger-Geschwader haben schon zwei Dutzend Piloten verloren, die sich für mehr Geld bei zivilen Fluggesellschaften verdingen. Hechts Jet-Piloten sind noch da. Aber mancher hat den Zivilschein in der Tasche. Eine Art Versicherungspolice gegen den ganz großen Frust.

Bis an die Grenzen

Der ganz normale Frust überkommt sie hier im Fliegerhorst, wenn sie wieder einmal lesen, dass Rudolf Scharping für seine Bundeswehr nicht mehr Geld bekommt. Und wenn dann zur gleichen Zeit zum Beispiel Oberstleutnant Norbert Straka, der Chef der Instandhaltungsgruppe, die neueste Unfallverhütungsvorschrift auf den Tisch bekommt, der zu entnehmen ist, dass er seine Techniker anschnallen muss, wenn sie auf Flugzeugtragflächen arbeiten. Womit er sie anschnallen soll, steht da nicht. "Und es gibt natürlich kein Geld", sagt Straka. Erst haben sie im Scherz überlegt, neben jede Maschine einen Kran zu stellen und den Mann dranzuhängen. Jetzt ist die Sache erst mal provisorisch gelöst - durch eine schriftliche Anweisung, bei der Arbeit äußerste Vorsicht walten zu lassen.

Man ahnt schon, dass es sich nicht nur um eine dieser Köpenickiaden handelt, die in allen größeren Organisationen vorkommen, sondern um ein Symptom für ein Generalproblem: Die Schere zwischen dem, was die Bundeswehr leisten soll, und dem, was sie sich leisten kann, klafft immer weiter auseinander. Und es sind keineswegs nur die spektakulären Auslandseinsätze, die das System an seine Grenzen treiben und die Leute mürbe machen. Es ist das Gefühl, mit ewig unzureichenden Mitteln gegen einen Berg von Problemen anzukämpfen, der trotzdem nicht kleiner wird, sondern größer.

Die Phantom mit dem Kennzeichen 38-49 ist alleine schon ein Berg von einem Problem. Wie eine flügellahme Nebelkrähe steht der Abfangjäger in der Wartungshalle. An der rechten Tragfläche ist das äußerste Stück abmontiert. Man kann jetzt von der Seite auf die restliche Tragfläche blicken, direkt auf eine Verstrebung. "Die Flügelfaltrippe", sagt der Hauptfeldwebel. "Mit bloßem Auge erkennen Sie nichts. Aber da sind Risse drin." Deshalb steht die Phantom seit einem Vierteljahr in der Instandsetzungshalle. Die Risse können sie hier nicht reparieren. Die Flügelfaltrippe muss auf die Flugzeugwerft. Aber bis der Wartungstrupp von der Zivilfirma kommt, das dauert.

Der Hauptfeldwebel kann nur lachen, wenn er erzählt, dass er hier in der Wartungsgruppe "Planbare Instandsetzung" arbeitet. Wo doch nur eins planbar ist: Dass garantiert nichts nach dem Wartungsplan verlaufen wird, den die Techniker von Mc Donnell Douglas der Phantom vor 25 Jahren geschrieben haben. Damals kamen auf eine Flugstunde 50 Wartungsstunden. Heute sind es schon 80. Von den 34 Maschinen des Geschwaders ist im Schnitt etwa ein Dutzend flugbereit. Für 2500 Flugstunden sind sie konstruiert worden. Einige haben mittlerweile 6000 auf dem Buckel. Der Eurofighter soll nur 20 Wartungsstunden pro Flugstunde brauchen. Aber der, sagt der Kommodore Hecht, kommt erst 2010 nach Wittmund. Bis dahin müsse die Phantom also noch 2500 Flugstunden durchhalten.

Der Preis dafür ist hoch, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Eine Spirale: Immer älteres Material braucht immer mehr und immer kostspieligere Reparaturen. Der Hauptfeldwebel blättert im Wartungsbuch der 38-49. Die Inspektion umfasst ursprünglich um die 100 Wartungsposten. Im Buch sind aber schon 342 Positionen vermerkt, so um die 150 kommen erfahrungsgemäß noch dazu - lauter außerplanmäßige Ausfälle: defekte Relais, Störungen in der Elektronik. Die meisten Ersatzteile liegen nicht im Regal. In der Regel, hat Oberstleutnant Straka gesagt, sind sie nach drei Tagen vom Zentrallager da. Aber die Regel wird seltener. Zum Beispiel, weil Teile kaputt gehen, die die geplante Lebensdauer locker durchgehalten hätten, aber nicht das Doppelte und Dreifache. Teile wie die Flügelfaltrippe.

Und dann? Dann kommt zum Beispiel die Kannibalisierung zum Zuge. "Gesteuerter Ausbau", sagt Oberstleutnant Straka. "Ein ganz normaler Vorgang." Es gibt ein Formular dafür. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass in einer Ecke drei Phantom-Ruinen rumstehen und Stück für Stück ausgeschlachtet werden. Aber warum soll man nicht aus einer Maschine wie der 38-49, die noch Monate in der Halle stehen wird, ein Relais aus- und in eine ihrer Schwestern einbauen, die dann sofort wieder fliegen kann - statt zwei Maschinen außer Betrieb zu haben, bis das Relais vom Lager kommt?

Oben im Zimmer des Kommodore klingt das vernünftig. Unten in der Halle klingt es schon mehr nach Notbehelf. Wenn eine "Kani", wie sie hier sagen, ab und zu nötig wird, na gut. Aber wenn sie allmählich zum Normalfall wird? Und wenn der Hauptfeldwebel hundert Elektroschrauber-Kreuzschlitz-Einsätze bestellt, und genau weiß, dass ein zur Sparsamkeit verdonnerter Verwaltungshengst die aus der günstigsten Preisklasse liefern wird, die an den Hochtemperatur-Titan-Schrauben der 38-49 sofort den Geist aufgeben; und wenn der Hauptfeldwebel dann die Verwaltungshengste vor sich sieht, wie sie sich fragen, ob die bei der Instandsetzungsgruppe eigentlich Kreuzschlitz-Einsätze frühstücken - dann sagt der Hauptfeldwebel Sätze wie: "Mit Menschenwürde hat das manchmal nichts mehr zu tun."

Eine Reform ist notwendig

Am Freitag ist Rudolf Scharping für eine Stunde hier gewesen. Vorher in Berlin hat der Verteidigungsminister noch einmal gesagt, wie notwendig seine Reform ist. Das sehen sie in Wittmund nicht anders. Nur ein bisschen, sagen wir mal, nüchterner. Klar sei zum Beispiel das frisch verabschiedete Attraktivitätsprogramm richtig. Die untersten Besoldungsstufen gestrichen, Kommandeure eine Stufe rauf - "ein kleines Signal nach den vielen Ankündigungen", sagt der Kommodore Hecht. "Aber das reicht ja nicht."

Den Jungs in der Halle reicht es schon gar nicht. Wenn der Hauptfeldwebel einen Wunsch frei hätte, dann würde er den Minister in einen Overall stecken und inkognito als Hilfsmonteur beschäftigen. Rudolf Scharping könnte dann beispielsweise erfahren, dass seine Soldaten Klopapier wirklich nicht auf eigene Kosten anschaffen. Aber Computer manchmal schon.

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