Zeitung Heute : Bunt, aber würdevoll

Claudia Marschner ist Fachfrau für besondere Totenfeiern

Marion Hartig

„In Jeans und Turnschuhen kommt Claudia Marschner an diesem Tag auf den Friedhof Wilmersdorf. Die Kreuzberger Bestatterin mit dem streichholzkurzen Haar und dem offenen Lachen ist regelmäßig hier, um die Urnengrabstelle ihrer Mutter zu besuchen – und natürlich beruflich. Denn sie ist Fachfrau für individuelle Totenfeiern. Erst vor kurzem hat sie in der Kapelle eine Bestattungszeremonie organisiert. Noch heute ärgert sie sich darüber. Das Mikrofon war defekt und man verstand die Redner nur schlecht. So etwas bleibt haften, Beerdigung ist nicht wie Geburtstag feiern, sagt die 37-Jährige. „Man kann nur ein Mal im Leben von einem Menschen endgültig Abschied nehmen. Und das verleiht jedem Detail einer Trauerfeier so viel Gewicht“.

Die Bestatterin geht an Kriegsgräbern und Familiengräbern vorbei. Am Urnengemeinschaftsgrab bleibt sie stehen. Sie betrachtet die Rasenfläche mit der Hecke außen herum. Auf Steinplatten am Weg hat jemand frische Blumen niedergelegt. Weiter hinten ragt ein schwarzer Gedenkstein aus dem Boden. Keine Namenstafel, nichts deutet darauf hin, wer unter dem Grün begraben liegt. Diese Art der Bestattung gefällt ihr ganz und gar nicht. Ihr Weg, Menschen in den Tod zu verabschieden, ist der entgegengesetzte. Sie schätzt das individuelle, sehr persönliche Grab, an das man immer wieder zum Gedenken an den Toten zurückkehren kann. Und liebevoll geschmückt soll es sein.

„Jeder Tote ist ebenso bedeutend wie Elvis Presley oder Prinzessin Diana", sagt Claudia Marschner. Nach dieser Philosophie führt sie die Angehörigen durch ihren hellorange gestrichenen Laden und zeigt ihnen Korbsärge und bunte Urnen. Auf einem hellen Holzsarg steht ein rotes Urnenplüschherz, daneben eine mit Sternen und Planeten bemalte Urnenkugel.

Wenn ein Kunde zu ihr kommt, setzt sich die Bestatterin zunächst mit ihm in ihrem schlicht eingerichteten Büro zusammen. Sie fragt, wie sich der Tote selbst seine Beerdigung gewünscht hätte und was die hinterbliebene Frau, der Mann, die Eltern, der Freund, die Tochter oder der Sohn zur Trauerfeier beitragen können. „Es gibt fast nichts, was sich nicht umsetzen lässt“, meint die Fachfrau. Nur in zwei Dingen ist sie kompromisslos: Der Sarg oder die Urne müssen bei ihr gekauft und der Verstorbene muss mit dem Bestattungswagen transportiert werden.

Anstatt standardisierte Trauerkarten zu verwenden, empfiehlt Claudia Marschner, Zitate selbst auszuwählen oder Bilder aus dem Fotoalbum sprechen zu lassen. Anstatt einen Redner zu bestellen, macht sie den Hinterbliebenen Mut, die Rede selbst zu halten. Eltern, die ihr Kind verloren hatten, bemalten im Laden der Bestatterin den kleinen Sarg mit Winnih-Pu-Figuren. Für einen verstorbenen Graffiti-Sprayer holte sie einen seiner Kollegen von der Straße, um von ihm den Sarg besprühen zu lassen. Für einen toten Musiker organisierte sie eine Trauerzeremonie ohne Redner und ließ eine seiner Jazzplatten abspielen. „Diese Dinge können helfen, den Tod des geliebten Menschen zu verarbeiten“, sagt die Bestatterin.

Die meisten Menschen, die in den Kreuzberger Laden kommen, werden vom Tod überrascht. Sie sind wie gelähmt, haben praktische Dinge, Sterbeurkunden und Bankvollmachten im Kopf, und brauchen Hilfe, erzählt Claudia Marschner. Vor allem aber wollen sie die alte Ordnung wieder herstellen, und das so schnell wie möglich. Nur werde dabei leicht aus den Augen verloren, worum es bei einer Bestattung eigentlich geht, nämlich um das Abschied nehmen von einem Menschen, der ihnen sehr nahe stand, glaubt sie. Es sei leichter zu verdrängen, als sich darauf einzulassen, wirklich zu trauern, denn das hieße nun einmal auch, sich schlecht zu fühlen, den Verstorbenen schmerzlich zu vermissen, traurig zu sein und zu weinen. Nur so aber kann man Abschied nehmen und vor allem loslassen, ist sie sicher.

Die Bestatterin hat selbst erlebt, wie das ist, wenn man nicht loslassen kann. Als sie 14 Jahre alt war nahm sich ihre Mutter das Leben. Es war ein schrecklich unpersönliches Begräbnis, erinnert sie sich. Die Großmutter wählte einen günstigen Stein mit einem kurzen Sinnspruch, der wenig kostete. Und nach der Beerdigung war dann das Thema tabu. Erst sehr viel später, als sie erwachsen wurde, fing Claudia Marschner an, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Wahrscheinlich ist sie deshalb Bestatterin geworden, denkt sie.

Nach zwölf Jahren als Bestatterin fällt es ihr nun nicht mehr schwer, sich ihre eigene Beerdigung auszumalen. Sie möchte in einem großen, mit Samt ausgelegten amerikanischen Sarg begraben werden. „Wer weiß, vielleicht spürt man doch etwas nach dem Tod“, sagt sie. Die Trauerfeier soll pompös sein, mit schönen Blumen, vielen Menschen und Musik.

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