Zeitung Heute : Bunt fürs Leben

Sie sind teuer, und sie sind alt, sie sind sogar bei Kindern beliebt. Zwei Klassiker, die glücklich machen. Ein Fanbericht.

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Von Hartmut Wewetzer Es war Liebe auf den zweiten Blick.

Als ich den Schaukelstuhl des amerikanischen Designerehepaars Charles und Ray Eames zum ersten Mal sah, irritierte er mich. Er war in einem Buch über Möbelklassiker abgedruckt und machte einen ziemlich merkwürdigen Eindruck: Eine olivfarbene Plastikschale, montiert auf ein Drahtgestell, darunter zwei Holzkufen. Nicht gerade ein typischer Schaukelstuhl. Eher ein Stuhl, der Ski laufen will.

Dies ist die Geschichte zweier Stühle aus Plastik. Der eine ist dieser Schaukelstuhl von Charles und Ray Eames, der andere der Freischwinger von Verner Panton. Der Schaukelstuhl stammt aus den 50er Jahren, der Freischwinger aus den 60ern. Beide sind in den letzten Jahren wieder sehr modern geworden. Wie kommt das? Wie wird ein Kunststoffstuhl zum Klassiker? Und wie lebt es sich damit?

Die Verwunderung über den Schaukelstuhl wich erst dem Interesse und irgendwann der Faszination. Und dann war er plötzlich da. In einem Antiquitätengeschäft im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Im Sommer 1998 stand er auf einem schwarzen Podest, umringt von anderen Möbeln des „Space Age“. Leuchtend rote Sitzschale aus Glasfaser-Plastik, schwarzes Drahtgestell, zerkratzte Holzkufen. Unter dem Sitz ein vergilbtes Etikett: „Herman Miller Furniture“. Wie ein Zertifikat.

Kaufen oder nicht? Der Preis war happig. Weit über 1000 Dollar. Ich vertagte die Entscheidung. Doch als ich wieder zu Hause war, überkam mich der Katzenjammer. Ich musste den Stuhl haben. Zum Glück war mein Freund noch in New York. Er kaufte den Stuhl für mich. Ihm schulde ich ewigen Dank – und auch dem Taxifahrer, der den Stuhl auf seinem Autodach heil durch den New Yorker Verkehr zum Flughafen bugsierte. Meinen Zustand, als er endlich fertig montiert in meinem Wohnzimmer stand, kann man mit einem Wort beschreiben: Glück.

„Kinder mögen ihn“, hatte der Verkäufer in New York gesagt. Kein Wunder: Eames’ Schaukelstuhl erinnert ja auch an ein Spielzeug. Jedes Kind wird sofort von dem Schaukelstuhl in unserem Wohnzimmer angezogen, schmiegt sich in die rote Glasfaserschale, beginnt zu wippen. Wenn mein sieben Jahre alter Sohn von etwas sehr begeistert ist, zum Beispiel, wenn er dem Trickfilm-Hanswurst Sponge Bob bei seinen Eskapaden im Fernsehen zuschaut, dann kippt er schon mal mit dem Stuhl um. Dabei passiert zum Glück weder ihm noch dem Stuhl etwas. Auch wenn ich danach nervös die Schale nach Rissen und Sprüngen absuche – natürlich mache ich mir auch Sorgen um meinen Sohn.

Der Kenner reagiert mit einem Leuchten in den Augen auf den Schaukelstuhl. Er fragt andächtig: „Darf ich mich einmal hineinsetzen?“, und streicht genüsslich über die Schale, so wie ein Gourmet einen guten Burgunder zu schätzen weiß. Andere sind eher verwirrt. „Habt ihr den vom Flohmarkt?“, sagen sie, oder noch schlimmer: „Das habt ihr aber schön zusammengebaut!“

Man sieht unserem Schaukelstuhl kaum an, dass er schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Nur der Rand der Sitzschale ist hier und da abgenutzt, stumpf, rau. Und die Farbe ist auch etwas verblichen. Dicke Scheiben aus schwarzem Gummi verbinden das filigrane Metallgeflecht und die Plastikschale. Manchmal ächzen diese Gummischeiben, wenn man schaukelt.

Plastik ist heute so alltäglich, dass man gar nicht drauf kommen würde, dass ein Stuhl aus Plastik einmal etwas Revolutionäres war. Die Idee, Möbel mit runden, fließenden Formen zu versehen, hat viele Designer schon vor Jahrzehnten fasziniert. Aber sie scheiterten stets am Widerstand des Materials, solange es noch keinen Kunststoff gab.

Auch Charles und Ray Eames wollten Möbel mit runden, geschwungenen Formen entwickeln. Sie experimentierten zunächst mit Schichtholz und bauten sich eine Art Ofen, um Sperrholz zu krümmen. Doch es war nicht möglich, das widerspenstige Material zu einer Sitzschale zu formen. Holz ist eben nur bedingt biegsam. Mit Metallblech sah es ähnlich aus. Erst das aufkommende Kunststoff-Zeitalter gab den Ideen Gestalt.

Die ersten Plastikschalensitze der Eames waren noch mit Glasfasern verstärkt so wie unser Schaukelstuhl. Glasfasern verleihen dem Kunststoff eine angenehme, griffige Oberfläche. Wer die Krempe einer dieser alten Plastikschalen umfasst, spürt die feinen Fasern, deren Linienmuster ähnlich wie in Japanpapier durch die blassen, gebrochenen Farben durchscheint. Lachsrot, creme, oliv, grau waren besonders beliebt. Die grellen Farben kamen erst später, in den 60er Jahren.

Die Eames trafen mit ihrem Stuhl den Nerv der Zeit. Das Drahtgeflecht, das nicht von ungefähr an einen Radarschirm erinnert, der damals neuartige Kunststoff der Schale – wer im Amerika der 50er etwas auf sich hielt, war „modern“ und musste einen Eamesstuhl haben. Inzwischen ist der Stuhl ein Klassiker. Das hat sicher damit zu tun, dass die Zeit des Space Age, der 50er und 60er Jahre, Geschichte geworden ist. Das adelt ihre Produkte. Aber ein Klassiker ist mehr, das kann man bei Eames’ Stühlen gut studieren. Es ist nicht nur die Form. Der Schaukelstuhl hat Witz. Er lebt. In unserem Wohnzimmer mit seinen weißen Wänden und dem hellen Teppichboden hat er einen Ehrenplatz in einer geräumigen Nische bekommen. Hier kommt er gut zur Geltung, hat Luft zum Atmen und kann sich von den letzten 50 Jahren etwas ausruhen. Sofern mein Sohn das zulässt.

Auf Verner Pantons Freischwinger bin ich auf der Suche nach einem Esszimmerstuhl gestoßen. Oder besser: Ich bin auf ihn gestoßen, weil ich keinen passenden Stuhl fand. Diesmal war es Liebe auf den ersten Blick.

Der Besuch diverser Möbelhäuser ließ mich ratlos zurück. Anders als ein politisch korrekter, aber auch spießiger Holzstuhl wirkt er modern. Auf der anderen Seite lässt er einen nicht kalt, wie das bei Chrom und Leder so oft der Fall ist. Und glücklicherweise hatte die Schweizer Möbelfirma Vitra die Produktion des Stuhls gerade wieder aufgenommen. Der Kauf war beschlossene Sache.

In gewisser Weise ist Pantons Stuhl die ästhetische und technische Weiterentwicklung der Plastikschale von Eames. Ästhetisch, weil ein Kunststoff-Freischwinger aus einem Stück den endgültigen Abschied vom Gewirr der Stuhlbeine bedeutete. Und technisch, weil erst die Entwicklung neuer Kunststoff-Materialien den Designern so stabile wie elastische Konstruktionen erlaubte. Erst die chemische Industrie öffnete die Tür zum Paradies der Plastik-Polymere.

Aber Panton ist auch ein Revoluzzer. Denn an die Stelle von Möbeln, die sich demütig einem Zweck unterordneten, tritt ein Hang zum Gesamtkunstwerk. Pantons Entwürfe proben den Aufstand gegen das Establishment der nüchternen, klaren Bauhaus-Formen. Im Zentrum seiner synthetischen Wohnwelten fließt ein Lavastrom aus glühenden Farben und amorphen Formen. Panton verschmilzt Teppiche, Stühle, Tapeten, Wandschmuck und Lampen zu einem psychedelischen Ganzen. Wohnen im LSD-Rausch.

Die Idee für den Stuhl aus einem Stück geht auf das Jahr 1956 zurück. Aber erst Mitte der 60er Jahre kristallisierte sich die endgültige Form heraus, die Suche nach dem richtigen Material dauerte noch weitere Jahre.

Die Lackierung verstärkt diesen Eindruck, sie gibt dem Stuhl eine glänzende Haut. Das Licht umspielt seine Formen wie eine Skulptur, und Reflexionen auf der Oberfläche lassen den Stuhl noch lebendiger erscheinen. „Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass der Panton-Stuhl nicht nur das herausragende Beispiel für 60er-Jahre-Design ist, sondern dass er weit darüber hinaus Gültigkeit hat“, hat der Londoner Designer Ron Arad einmal festgestellt.

Vielleicht ist das Erstaunlichste an Pantons Stuhl, dass er bei aller Radikalität durchaus alltagstauglich ist. Man kann hervorragend mit ihm leben. Unsere vier Panton-Stühle sind um einen weißen runden Esstisch von Eero Saarinen gruppiert. Das ist der Tisch, der einen einzigen, runden Fuß in der Mitte hat. Er passt perfekt. Der Freischwinger ist zwar etwas hart und am Rücken nicht übermäßig bequem, aber daran gewöhnt man sich schnell. Dafür ist er erstaunlich robust. Trotz jahrelangem Familiengebrauch hat er nur ein paar Kratzer und ein feines, kaum sichtbares Netz aus Lackrissen an den Randwülsten der Sitzfläche bekommen. Und wenn ich trotz aller Warnungen mit dem Stuhl kippele, was manchmal vorkommt, dann knackt er ein bisschen.

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