Zeitung Heute : Bunte Schätze aus der Tonne

Das Projekt Jarida Crafts hilft Jugendlichen in Kenia, ein Handwerk zu erlernen.

Josie Le Blond
Was darf’s denn sein?
Was darf’s denn sein?

Ohrringe aus Bierdosen, Grußkarten aus alten Kabeln: In Kenia werden schöne Dinge aus Abfall gefertigt. Die Mitglieder der afrikanischen Handwerksinitiative Jarida Crafts entdecken selbst im Müll wertvolle Ressourcen.

„Alles im Leben hat einen hohen Wert“, sagt Lilian Akinyi. Vor zwölf Jahren hat sie das Projekt gemeinsam mit ihrem Bruder, einer Gruppe von Frauen und einigen Jugendlichen aus Kisumu in Kenia gegründet. Ohne Recycling gebe es ganz sicher keine Zukunft, meint sie. Dabei würden auf den Deponien viele kostbare Stoffe einfach so verrotten, man müsse sie nur als verwertbar wahrnehmen. „Nichts ist unbrauchbar“, davon ist Akinyi überzeugt. Und das will sie ihren Schützlingen vermitteln. „Wir zeigen, wie man aus vermeintlichem Dreck überraschende Dinge gestalten kann.“

Was man dafür braucht, ist zunächst einmal ein wenig Fantasie. So kann man zum Beispiel jede Menge Flaschendeckel zusammenkleben und daraus nützliche Behälter oder lustige Figuren basteln. Lederreste und Altpapier werden zu hübschen Lesezeichen. Aus alten Bierdosen und Blechteilen entstehen originelle Dekoartikel und Schreibtischutensilien, während feine Drähte und Kabel zu Figuren werden, die dann fröhliche Grußkarten verzieren. „Wir machen viele bunte Sachen“, sagt Akinyis Bruder Harry Omondo schmunzelnd. Wie sie aussehen, präsentiert er stolz auf dem diesjährigen Import Shop in Berlin. „Unsere Grußkarten sind in Europa besonders beliebt, gerade kurz vor Weihnachten“, erzählt er zufrieden.

Obwohl die Handwerker von Jarida Crafts nichts für ihre Materialien bezahlen, kommt vieles nicht einfach nur aus der Tonne. Die Gruppe verwendet auch natürliche Rohstoffe, die ausreichend vorhanden sind. Ein Bananenbaum etwa, der in der Nähe wächst, ist nach ihrer Sicht eine unendliche Quelle von Bananenblättern, aus denen sich schöne Bilderrahmen flechten lassen. Auch Maiskolbenreste und Baumrinde sind für diesen Zweck perfekt geeignet. Weicher Seifenstein, der in Kenia überall zu finden ist, kann dagegen in Schachfiguren oder Kerzenhalter verwandelt werden.

Neben nachhaltiger Abfallverwertung gehört vor allem das wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohl der lokalen Gemeinschaft zu den Zielen der Initiative. Kenia ist eines der am stärksten von HIV und Aids betroffenen Länder Afrikas. In Kisumu, der drittgrößten Stadt Kenias, die vor allem vom Zuckerrohr und Agrarhandel lebt, ist die HIV- und Aidsrate mit 34 Prozent am höchsten. In der umgebenen Provinz Nyanza leben ein Drittel der 1,1 Millionen kenianischen Aidswaisen. Wenige der jungen Leute finden eine Arbeit, etliche sind drogenabhängig. Schwangerschaften bei Teenagern sind keine Einzelfälle.

Als sie Jarida Crafts im Jahr 2001 mit nur zehn Mitarbeitern gründete, wollte Lilian Akinyi den Jugendlichen einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten. Inzwischen erlernen fast 90 junge Menschen bei ihr ein Handwerk: Korbflechten, Leder-, Holz- und Metallarbeit. Auf diese Weise sichern sie sich langfristig nicht nur den Unterhalt für sich selbst. Sie tragen auch Hoffnung und Stabilität in ihre Familien.

„Die Jugendlichen haben nach der Schule oft keine sinnvolle Beschäftigung“, beklagt Omondo. „Dabei sind viele von ihnen handwerklich sehr begabt, sie wissen nur nicht so recht, was sie damit anfangen können.“ Da kommt Jarida Crafts ins Spiel. Denn bei dem Projekt lernen die jungen Menschen aus Kisumu nicht bloß das Basteln aus Müll. Sie werden vielmehr in die Grundlagen von Marketing und Verkauf eingeführt und können sich außerdem wichtige Computerkenntnisse aneignen. „Wir beraten die Jugendlichen, die mit neuen Ideen kommen, und zeigen ihnen, welche Produkte sich gut verkaufen und welche nicht“, sagt Omondo. Dabei nutzen die Betreuer ihre Kontakte und präsentieren den Kunden die neuen Entwürfe.

Jarida Crafts zeigt sich immer offen für Neues. Nicht nur in der Zusammenarbeit mit Kunden, auch sonst lässt sich die Gruppe von Volontären aus aller Welt inspirieren. Akinyis Projekt lebt offensichtlich von ihrem Optimismus. „Wir können im Leben alles erreichen mit Geduld, Vertrauen, Glauben und harter Arbeit“, sagt sie überzeugt. Josie Le Blond

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