Zeitung Heute : Buntes Gemüse

Auch ein Kopfsalat muss nicht immer nur grün sein

Ursula Friedrich

Mein Freund, der Architekt, hat einen grünen Garten. Grün ist die einzige Farbe, die er duldet. An zwei Stellen ist ein wenig Weiß installiert, aber es ist nicht das Weiß von Blüten, sondern das Silberweiß der japanischen Silberweide, deren spitze Blätter sich im Wind bewegen wie glitzernde Lanzetten. Allenfalls der Bärlauch, den er als Gewürz liebt, darf zartweiß blühen. Gänseblümchen duldet er nicht im Rasen. Da sind ihm sogar Brennnesseln lieber, Brennnesseln mit ihren bizarren gelbgrünen Blütenbüscheln. Er hat vielerlei Sorten Farn gepflanzt, deren Wedel im Herbst golden werden, japanischen Schlitzahorn, schwarzgrüne Eiben, einen Tulpenbaum, der grün blüht. Seine Wege sind kiesbestreut, mit großen, moosbewachsenen Steinen dazwischen.

Grün, sagt er, ist die Farbe der Entspannung, Grün wirft schöne Schatten und verbreitet auch in der Sommerhitze Kühle. Nein, langweilig ist sein Garten nicht. Ich gehe gern dorthin und spüre immer eine gewisse Ruhe. Das heißt, ich ging. Er ist gestorben, und er hat nicht verhindern können, dass der Friedhofsgärtner ihm Feuersalvien aufs Grab gesetzt hat.

Ein grüner Garten entspricht nicht dem gegenwärtigen Modetrend mit bunten Staudenbeeten und Rabatten bis in den Herbst hinein. Alles strahlt bunt und fröhlich. Neuerdings auch die Gemüsebeete. Mangold, der normalerweise grün ist mit bleichen Stängeln, gibt es jetzt mit leuchtend roten Stängeln, damit es hübscher aussieht. Grüner Kopfsalat ist weinrot gesprenkelt. Stangenbohnen blühen rot und wachsen dann tief violett für den Kochtopf. Zucchini werden goldgelb gezüchtet. Es gibt auch gelbe Tomaten mit grünen Streifen, rosaroten und lilafarbenen Blumenkohl, burgunderrotes Basilikum. Natürlich auch gelbe Rote Bete.

Man kann dieses Gemüse – ich habe grün-rosa-weißen Wirsing vergessen, der wie eine englische Rose aussieht – zwischen die Blumen setzen. Man kann festliche Gestecke daraus zaubern. Man kann sie übrigens auch ganz normal kochen und verzehren. Sie verlieren dann allerdings ihre Farbe. Violetter Blumenkohl wird grauweiß, dunkelblaue Bohnen werden grün. Der Geschmack ist gleich. Aber mein Freund, der Architekt, hätte natürlich niemals einen roten Mangold gekauft. Und auch nicht gegessen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar