Bush bei Putin : Abschied stimmt milde

Christoph Marschall

Liegt es am sanften Kurklima in Sotschi am Schwarzen Meer? Einen so freundlichen Umgang zwischen Wladimir Putin und George W. Bush hat die Welt lange nicht erlebt. Auf der Sicherheitskonferenz in München 2007 drohte der Russe noch mit neuem Wettrüsten wegen der US-Pläne einer Raketenabwehr in Osteuropa. Das ist gerade mal ein Jahr her. Nun bewertet Putin das Gespräch als „hilfreich und nützlich“. Bush nennt das Abkommen über Vertrauensbildung und partnerschaftliche Kooperation gar einen „Durchbruch“. Schon zuvor, beim Nato-Gipfel in Bukarest, kamen Putin unerwartete Töne über die Lippen: Lasst uns Freunde sein. Dabei hatte die Allianz gerade der Ukraine und Georgien die Beitrittszusage gegeben, freilich ohne festes Datum und ohne die Aufnahme in den Vorbereitungsprozess.

Dreierlei ist geschehen: Übergang im Kleinen, Übergang im Großen und internationale Moderation.

Es ist nicht Altersmilde, dafür sind Putin, 55, und Bush, 61, noch zu jung. Doch auch Abschied stimmt milde. Der Nachfolger in Moskau ist bestimmt, Dmitri Medwedew übernimmt Anfang Mai. Die USA wählen in sieben Monaten, schon jetzt beschäftigen sich Bürger und Medien mehr mit den nächsten Bewohnern des Weißen Hauses als mit dem Amtsinhaber. Bush und Putin wollen ihr Amtsende nicht mit der Gefahr eines Rückfalls in den Kalten Krieg verbunden sehen. Ihre Endzeit-Sanftmut schließt einen Kreis. Die Beziehung hatte im Juni 2001 beim Gipfel in Slowenien ähnlich milde begonnen. Damals hatte Bush Putin tief in die Augen geschaut, bis in die Seele geblickt und einen vertrauenswürdigen Menschen entdeckt. Zwischen dem tastenden Anfang und dem kraftlosen Ende, auf dem gefühlten Höhepunkt ihrer Macht, waren beide zu ähnlich weitsichtiger Mäßigung nicht willens.

Auch der Übergang im Großen, vom Kalten Krieg zur partiellen Interessengemeinschaft gegen Terror und Verbreitung von Atomwaffen, bestimmt endlich die Politik. 2007, in den Monaten vor der Weichenstellung in Russland, war es innenpolitisch opportun, noch mal die alte Propaganda auszupacken: eine Einkreisung Moskaus durch die Nato und fehlende Konsultation zu beklagen. Das war geschwindelt. Wer wollte, konnte wissen, ab wann und wie oft die USA den Kreml informiert hatten. Gewiss, noch öfter, offener und partnerschaftlicher – auch das hätte nicht geschadet. Das andere, für Unkundige so überzeugende Argument war militärtechnisch ähnlich falsch: Mit den Basen in Polen und Tschechien rücke die Raketenabwehr bedrohlich nah an Russlands Grenzen. Es ist gerade umgekehrt. Wer Moskaus Raketen abschießen will, muss wegen der Flugbahnen weiter weg stehen. Die Lage der Basen und die geringe Zahl der Raketen verriet: Dies richtet sich eher gegen Iran.

Intern wird der Kreml schon immer analysiert haben: Irans Rüstung muss sich nicht allein gegen Israel, sie kann sich eines Tags auch gegen Moskau richten – wegen der Konflikte in den muslimischen Staaten an Russlands Südgrenze. Vertrauen ist gut, Abwehr besser. Und sei es eine gemeinsame mit der Nato.

Drittens sind die Europäer heute kluge Moderatoren, auf eine weniger spaltende Weise als, zum Beispiel, im Irakstreit. Bei Raketenabwehr und Nato-Erweiterung ermöglichten sie den Mittelweg zwischen provozierendem Auftrumpfen und verzagtem Nachgeben. Es liegt in den Händen der Nachfolger in Moskau und Washington, diese Milde dauerhaft zur Kooperation zu erweitern.

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