Bush in Vorpommern : Die Dorfschönheit

Ulbricht, Abba, Grotewohl waren da. Nun kommt George W. Bush. Die Geschichte eines Ortes mit merkwürdiger Anziehungskraft

Ariane Bemmer[Trinwillershagen]

Vielleicht ist Deutschland nirgendwo so texanisch wie hier in Nordvorpommern. Weite Felder über die sich ein weiter Himmel spannt, die A 19 als Highway, und ein paar kleine, fast leere Straßen, die Autoteilehändler mit Farmhäusern, Bauernhöfen, verbinden. Vor denen abends die Rancher, Landwirte, sitzen und der Sonne hinterherblicken.

– Wird der Präsident sich hier wohl fühlen?, hat man Olaf Micheel im Radio gefragt. Und er hat gesagt:

– Warum nicht? Ich fühle mich hier ja auch wohl.

Er lacht gleich nochmal, als er das erzählt, so gut gefällt ihm seine Antwort. Schneidig, witzig, ein bisschen respektlos. Statt mit den Knien zu schlottern.

Morgen wird von 17 Uhr 30 bis 21 Uhr George W. Bush, der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, bei ihm, Olaf Micheel, 37, gelernter Backwarenfacharbeiter und Gastwirt, im Kulturhaus „Zu den Linden“ zu Gast sein. In Trinwillershagen nahe Rostock. Das war eine Idee der Bundeskanzlerin.

Angela Merkel will dem Präsidenten ihre Heimat zeigen. Den Osten und was daraus geworden ist seit 1990. Bush sieht das Seebad Heiligendamm für den Glanz, Stralsund für die Kultur und dazwischen Trinwillershagen fürs Rustikale. Hier gab es bis zur Wende eine große Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, eine LPG, sie war eine der ersten der DDR, eine zum Vorzeigen. Und die CDU Nordvorpommerns steht nahezu einstimmig hinter Merkel, auch Micheel nennt sich einen „Fan“. Zärtlich streicht er über die Biografie der Kanzlerin, die ihm eine Widmung reingeschrieben hat.

Vor dem Kulturhaus wird der Mann, der den Irakkrieg anzettelte, auf der Steinterrasse sitzen und den Rauch aufsteigen sehen vom großen gusseisernen Grill, der unter den Bäumen im Kies steht. Holzscheite werden brennen und über dem Feuer wird sich ein Wildschwein drehen, seit dem späten Vormittag schon. Bis ein Wildschwein durch ist, dauert es. Man sagt: eine Stunde pro zehn Kilo. Die Wildschweinbeine sind zur Seite gestreckt und mit Drähten befestigt, die Zähne verfärben sich in der Hitze bräunlich, die Zunge wird schwarz, und aus dem gespickten dunklen Fleisch wird orangefarben das Fett auf den Rost tropfen. Es wird gut riechen, ehrlich und ein bisschen wild.

Trinwillershagen, abgekürzt Trin, gesprochen mit einem langen „i“, ist ein kleiner, kreisförmig angelegter Ort, 20 Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Einfamilienhäuser reihen sich aneinander, es gibt viel Asphalt, Gewächshäuser verfallen, die Steintreppe vorm kleinen Supermarkt ist zerbrochen, Unkraut wächst. Der Ort ist das Zuhause von etwa 700 Menschen, darunter so wenig Kinder, dass die Dorfschule gerade geschlossen wird.

Micheel hat das Wildschwein selber gejagt. Im Morgengrauen war er am Montag im Unterholz. Ein 30 Kilogramm schweres Tier hat er erledigt mit seiner Bockbüchsflinte tschechischer Bauart und noch im Wald hat er es aufgebrochen, die Innereien entnommen. Dann hat er das Auto geholt, den Kadaver nach Hause gebracht. Es muss noch abhängen und kühl gelagert werden.

Tier töten, Feuer machen, Tier grillen, Essen haben. So leben Cowboys, und George W. Bush ist ein Cowboy.

Es sind in Trinwillershagen nicht alle erfreut über diesen Besuch, mit dem die ganz große Welt reingebrochen ist in die dörfliche. Das war im ebenso kleinen Crawford/Texas nicht anders, als George W. Bush im Jahr 1999 dort die Prairie Chapel Ranch kaufte. Auch dort riefen die einen: Oje, jetzt wird nur noch sinnlos Geld für die Sicherheit ausgegeben. Die anderen riefen: Hurra!, das wird unseren Ort bekannt machen.

Der Mann, der als Ein-Euro-Jobber am Nachmittag die Wand des Pferdestalls hinter dem Kulturhaus verputzt, gehört zu den Skeptischen. „Er hätte einfach alleine kommen sollen, essen und wieder abreisen“, sagt er – ohne Ankündigung, ohne Sicherheitsbeamte, ohne das ganze Theater. Er wird Bush ohnehin nicht sehen. Die Dorfbewohner müssen das Kulturhaus meiden, Schaulustige sind nicht erlaubt. Der Mann ist dunkelgebrannt von der Sonne, seine Augen sind hell, er riecht nach Bier. Er hat längst Feierabend, aber es soll für den Besucher ja alles schön werden. Auch andere ärgern sich. Dass jetzt so viel Geld ausgegeben wird! Nur wegen Bush! Die Arbeitslosigkeit in Nordvorpommern liegt bei 22 Prozent. Es gebe Dringenderes zu tun.

Einen zweistelligen Millionenbetrag soll der Besuch kosten. Mecklenburg-Vorpommern wird 5000 Polizisten einsetzen, 7000 weitere werden aus anderen Bundesländern hinzugezogen. Noch streiten Land und Bund, wer was zahlt. Spezialeinsatzkommandos wurden angefordert und Präzisionsschützen. 400 Kilometer Straße werden abgesperrt, dabei wird Bush per Hubschrauber reisen.

Und was zahlt Trinwillershagen? Die Auskunft bleibt vage: Es sei im Haushalt immer ein bisschen für Sanierung eingeplant, sagt der Bürgermeister. Die Bürger rechnen mit: Als Hubschrauber auf dem Fußballplatz des SV Rot-Weiß probeweise landeten, fragten sie, wer einen neuen Rasen kauft. Als der Platz zwischen Kulturhaus und Pferdestall ausgebessert wurde, fragten sie, was das kostet. Als Micheel einen Rothirschen an die frisch gestrichene Wand seines Kulturhauses gemalt bekam, fragten sie, wer das zahlt. Micheel sagt, die Verschönerungen hätten ohnehin angestanden, würden nur vorgezogen. Aber das glauben nicht alle im Ort.

Nordvorpommern – die Gegend zwischen Rostock und Rügen – ist Merkels Wahlkreis. 1990 hat man ihr den zugeteilt. Es gibt hier schönere Orte als Trinwillershagen. Niedliche Dörfer mit Kopfsteinpflaster und Reetdachhäusern. Mancher schüttelt auch den Kopf darüber, dass Bush ausgerechnet Trinwillershagen sehen soll. Schon wieder werde Trin bevorzugt, sagt eine Zimmerwirtin im Nachbarort. Erst die Vorzeige-LPG, nun der US-Präsident.

Angela Merkel kennt Trinwillershagen und das Kulturhaus von Micheel. Im Juni 2005 wurde sie hier im Festsaal zur Direktkandidatin für den Bundestag gewählt. Mit fast 100 Prozent der Stimmen. Mehr hat sie, geboren in Hamburg, aufgewachsen in Brandenburg, Wohnort Berlin, mit der Gegend nicht zu tun. Fast wie George W. Bush, geboren in Connecticut, studiert in Yale, dann Gouverneur von Texas, hat sie den Ort des politischen Durchbruchs zur Heimat erklärt.

Die Einwohner, die an Zäunen lehnen oder Einkaufstüten nach Hause tragen, sind von Kameraleuten, Fotografen, Reportern schon genervt. Moin. Aufregung? Nee. Sie sagen, sie hätten hier schon anderen hohen Besuch gehabt. Sie meinen Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Egon Krenz. Sie alle besuchten die LPG „Rotes Banner“. Mehr als 1100 Menschen lebten und arbeiteten hier. Es ging ihnen gut, sie hatten alles: Arbeit, Schule, Ärzte, den Fußballverein, einen Konsum-Markt und das Kulturhaus mit seinem riesigen Veranstaltungssaal. Der Parkettboden ist zertanzt, die schalldämpfenden Kunststoffraster an den Wänden sind angegilbt. Es gab hier Tanzturniere, Konferenzen und Ehrenveranstaltungen, das Volkstheater trat auf, Blasorchester aus der MSSR, die DDR-Rundfunkserie „Alte Liebe rostet nicht“ wurde hier aufgezeichnet, sogar die schwedische Band Abba war da.

Als für das Kulturhaus Richtfest gefeiert wurde, erblickte auch der kleine Olaf Micheels das Licht der Welt. Es war das Jahr 1969. Und im Herzen der imperialistischen Ausbeutergesellschaft, in Houston/Texas, gingen die ersten Worte ein, die Neil Armstrong vom Mond an die Erde sandte.

Knapp 400 000 Kilometer liegen zwischen Mond und Erde, und doch fühlt sich in manchen Augenblicken die Distanz zwischen den Himmelskörpern kleiner an als die zwischen White House und Trinwillershagen. Wenn durch die friedliche Langweiligkeit Spürhunde hecheln, die nach Sprengstoff suchen, wenn Gullydeckel zugeschweißt werden, wenn Taucher im Dorfteich nach Bomben suchen. Wenn gegen Terror und Attentat gerüstet wird, weil der mächtigste Mann der Welt in ein ehemaliges LPG-Kaff kommt.

„Ist doch Wahnsinn, oder?“, ruft Olaf Micheels, halb Gutsherr, halb Schelm, lehnt sich mit dem ganzen Stuhl zurück und lacht. Neben dem Kulturhaus baut er gerade eine Pension aus und eine Seniorenresidenz. Dort sind Zimmer, Apricot im Ton, mit Muschel-Dekoration im Bad, in denen der Präsident und seine Frau Laura sich frisch machen können. Micheels formt mit den Händen eine Hinweistafel in die Luft. „Hier war George Walker Bush“, will er darauf schreiben und sie anbringen. „Walker, nicht Dabbel-Ju“, sagt er und grinst. Er jedenfalls freut sich. So was gebe es nur einmal im Leben, das komme nie wieder, was sich da alles draus machen lässt. Dann muss er los. Am Abend ist eine Abiturfeier im Kulturhaus. Er hat zu tun.

Auf der anderen Straßenseite erstreckt sich ein gelber Flachbau, darin eine Zahnarztpraxis, eine Versicherungsalleinvertretung und das Büro des Bürgermeisters. Neben dem Haus steht ein Glaskasten mit aktuellen Informationen für die Bürger. „Die Veranstaltungen 2006 in unserer Gemeinde“ weisen für den 7. und 8. Juli ein Dorffest in Langenhanshagen auf und für den 22. Juli eines in Neuenlübke. Beide Orte gehören zur Gemeinde Trinwillershagen. Der Bush-Besuch fehlt.

Immer dienstags 17 bis 18 Uhr hat der Bürgermeister Sprechstunde. Klaus-Dieter Tahn, 60, selbstständiger Klempner. Sein Büro ist schlicht, die Möbel alt, das Telefon auch, einen Computer gibt es nicht. Brauch’ ich nicht, sagt er. Tahn lockt Windradbauer in die Gemeinde, die daran gut verdient, und regiert ansonsten seit 1994 mit harter Hand. Unter den zehn Gemeindevertretungsmitgliedern gebe es nie Parteiengezänk, sagt er: „Das will ich hier nicht haben. Das gibt’s bei mir nicht.“ Der Ton ist streng, Tahn sitzt breitschultrig da, der Unterarm liegt auf der Lehne des Stuhls neben seinem. Der Arm ist tätowiert. Eine Sonne und ein Herz mit Pfeil. Als einmal Abgesandte des US-amerikanischen Generalkonsulats in Hamburg, das ist zuständig für Mecklenburg-Vorpommern, unangemeldet nach Trin kamen, hat er sich das für die Zukunft verbeten. Er wolle wissen, was in seinem Dorf passiert. Und bei der Bürgerversammlung vergangene Woche hat er den „werten Einwohnern“ gleich zu Beginn eins klar gesagt: Dies hier sei jetzt keine Veranstaltung zum Frust ablassen.

Tahn nennt den Bush-Besuch eine „Riesenchance“. Der werde Trinwillershagen in der Welt bekannt machen. Touristen könnten aufmerksam werden.

So einer wie Tahn wird Bush sicher gefallen. Viel mehr als Merkel mit ihrer kometenhaften Karriere hat er die eine Welt untergehen sehen und sich – getroffen, aber nicht erledigt – in der neuen wieder aufgerappelt. Meisterprüfung zum Klempner nachgemacht, eigenen Betrieb gegründet, durchgekommen. Noch drei Jahre will Tahn machen, dann verpachten oder verkaufen. Vom Erlös den Ruhestand bezahlen. Die Wende hat ihn zutiefst enttäuscht. Weil offenbar wurde, wie massiv und unumkehrbar die SED das Land in den Ruin getrieben hat. Wozu hast du dich eigentlich die ganze Zeit so abgeschuftet?, hat er sich damals gefragt. Er trat umgehend aus der Partei aus und will nie wieder einer angehören.

Heute sagt er: „Mich kann nichts mehr erschüttern.“ Und niemand.

Sie haben in Trinwillershagen ein Traditionszimmer. Es ist im ersten Stock der frisch renovierten Schule, die sie nicht mehr brauchen. Hier sammelt Siegfried Kell, früher SED-Bürgermeister des Ortes, heute Rentner, Andenken an damals. Flurkarten, Wimpel, Schulhefte und Zeitungsartikel. In den Regalen liegt ein Bericht von einem Reporterbesuch bei dem Mann, der 1952 die LPG „Rotes Banner“ gründete und ihr auch den Namen gab.

Der Reporter fragt den Mann, ob ihm nie ein Zweifel gekommen sei, damals in den Anfangsjahren, und der antwortet: „Jeder neue Schritt ist mit Risiko verbunden. Aber weitaus schlimmer ist es, sich davor zu fürchten und nichts zu tun.“ So sprach der Sozialist. Trial and Error. Es ist das Credo Amerikas.

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