Bush und Clinton : Ende zweier Dynastien

Christoph Marschall

Mehr als acht Flugstunden liegen die beiden Schauplätze auseinander. George W. Bush besucht zum letzten Mal als US-Präsident Deutschland. Und in New York hat Hillary Clinton ihren Rückzug aus dem Kampf um das Weiße Haus erklärt. Seit zwanzig Jahren haben diese beiden Familien die amerikanische Politik dominiert, fünf Amtszeiten in Folge hießen die Präsidenten entweder Bush oder Clinton. Wie in den Jahren der Kennedy-Begeisterung erweckten die USA fast eine Generation lang den Anschein, sie seien ein dynastischer Erbhof.

Das Ende einer solchen Ära bedeutet nicht nur Abschied, es ist auch ein Moment der Befreiung. George W. wird in Europa kaum jemand eine Träne nachweinen. Er geht als einer der schlechtesten Präsidenten in die Geschichte ein. Der Irakkrieg, das Gefangenenlager Guantanamo, der Folterskandal von Abu Ghraib und die Aushöhlung der Bürgerrechte in den USA haben das Ansehen der Weltmacht geschädigt. Diese Sicht hat sich allmählich auch in Amerika durchgesetzt, freilich später als anderswo. Daheim greift die Bush-Verdammung nicht ganz so tief. Für viele Amerikaner ist George W. auch der Präsident, der das Land aus dem 9/11-Schock geführt, der am Rand des Kraters in New York gestanden und die Widerstandskräfte gegen die islamistische Bedrohung geweckt hat. Manche Mittel, würden diese Bürger sagen, waren falsch. Aber wehren musste sich ihr Land.

Niederdrückender ist für sie die Wirtschaftskrise. Deren Auswirkungen spüren weit mehr Menschen im Alltag. Vom Irakkrieg oder von Abhöraktionen fühlt sich nur eine Minderheit persönlich betroffen. Stagnierende Einkommen, sinkende Kaufkraft und drastisch steigende Benzinpreise sind die Hauptgründe, warum Amerikaner das Ende der Bush-Ära herbeisehnen. Sie hoffen, dass unter seinem Nachfolger alles besser wird.

Bei den Clintons ist es umgekehrt. Sie werden in den USA nicht ganz so positiv gesehen wie in Deutschland. Gewiss, Bills Präsidentschaft war um Längen besser als Bushs. Es waren acht Jahre relativen Friedens nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Ökonomisch ging es aufwärts, Clinton erntete die Früchte eines Aufschwungs, dessen Grundlage der Republikaner Ronald Reagan gelegt hatte. Aber diese Zeit war für die USA auch enorm skandalbelastet. Im Mittelpunkt standen nicht nur Bills Frauengeschichten, die im Impeachmentverfahren wegen der Lewinsky-Affäre gipfelten. Zuvor gab es den Whitewater-Immobilienskandal, Travelgate, die verpfuschte Gesundheitsreform undundund – oft stand Hillary Clinton dabei im Zentrum. Ihr Scheitern als Präsidentschaftskandidatin lag nicht allein an amerikanischen Vorbehalten, einer Frau das höchste Amt anzuvertrauen. Ihre Geheimniskrämerei, ihre Abneigung gegen Transparenz, ihr problematischer Umgang mit der Wahrheit und ihr aggressiver Wahlkampf bis jenseits der Fairness trugen dazu bei, dass der anfängliche Außenseiter Barack Obama sie im Kampf um die Nominierung besiegte.

Deswegen ist es keineswegs sicher, dass Hillary noch Vizepräsidentin wird. So oder so bleibt sie eine herausragende politische Figur. Aber die 16 Jahre, in denen die Clintons die Demokratische Partei dominierten, sind zu Ende. Das ist ein Einschnitt wie die Befreiung der CDU von Helmut Kohl nach 16 Kanzlerjahren. Die Nummer eins ist jetzt ein anderer. Obama hat bereits die Führung der Partei übernommen.

Amerika wendet sich ab von den Bushs und Clintons und sucht einen Ausweg, entweder in Form eines soliden Traditionalismus unter John McCain, der die USA ähnlich verlässlich aus Krieg und Krise führt, wie George Bush senior das Land und die Welt durch das Ende des Kalten Krieges leitete. Oder als Neubeginn unter Obama. Die Kennedys, Bushs und Clintons werden vielleicht eines Tages wieder Präsidenten hervorbringen. Jetzt sind erstmal andere dran. Die USA sind keine demokratisch verkleidete Monarchie, in der sich wenige Dynastien abwechseln. Sondern eine Republik.

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