Zeitung Heute : „Bush wird uns nicht einen“

Die Politologin Cathleen Fisher über die kommenden vier Jahre in den USA

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80 Prozent der Deutschen hätten sich einen Sieg Kerrys gewünscht. Wie erklären Sie denen Bushs unverändert hohe Popularität, Frau Fisher?

Das hat mehrere Gründe. Die Auswirkungen der Angriffe vom 11. September sind nachhaltiger, als man sich das in Deutschland vorstellen kann. Viele Amerikaner empfinden ihr Land nach wie vor als bedroht. Das verstand Bush gut zu nutzen. Seine Kampagne war eine Angstkampagne. Und die Mehrheit der Amerikaner fühlt sich sicherer, wenn Bush das Sagen hat. Das zeigen auch die Umfragen direkt nach der Wahl: Die Amerikaner vertrauen dem Präsidenten mehr als John F. Kerry, dass er das Land sicher führen wird. Außerdem darf man nicht vergessen: Unser Land ist im Krieg. Das ist für viele Deutsche schwierig zu verstehen.

Ist die Unterstützung also als Referendum zu verstehen, dass die Mehrheit der Amerikaner den Irakkrieg für richtig hält?

Nein, dafür sind die Wähler zu gespalten. Die knapp 50 Prozent, die Kerry gewählt haben, sind nach wie vor der Meinung, dass der Krieg ein Fehler war. Aber es gibt Viele, die zwar sehr skeptisch gegenüber Bushs Politik sind, in Kriegszeiten aber zu ihrem Präsidenten halten. Ein weiterer Grund für die Zustimmung zu Bush, der sich auch in Umfragen zeigt, sind die Werte, für die er steht. Viele Wähler finden, dass Bush die konservativen, moralischen Werte besser vertritt als Kerry.

Was bedeutet das Ergebnis für Ihr Land?

Die entscheidende Frage für unsere Gesellschaft ist jetzt: Wird Bush fähig sein, diesen Teil der Bevölkerung anzusprechen und das Land wieder zu vereinen?

Und?

Ich bin skeptisch, dass Bush das Land wieder zusammenbringen wird. Er ist jemand, der nicht gern Fehler eingesteht oder auf seine Gegner zugeht. Bush wird das Wahlergebnis als uneingeschränkte Bestätigung seiner Innen- und Außenpolitik sehen, und so wird er auch handeln.

Bush ist der neue alte Präsident. Wie wird sich seine zweite Amtszeit von der ersten unterscheiden?

In ihrer zweiten Amtszeit denken Präsidenten in der Regel stärker darüber nach, was ihr politisches Erbe sein soll. Im Moment ist es aber noch viel zu früh, um zu sagen, welches Erbe Bush hinterlassen will. Während seiner Wahlkampagne hat er sich kaum zu anderen Fragen als Irak, Terrorismus und gelegentlich zur geplanten Reform der sozialen Sicherungssysteme unseres Landes geäußert. Alles Weitere werden wir wohl nach und nach erfahren.

Sind europäische Hoffnungen berechtigt, dass Bush in seiner zweiten Amtszeit moderater auftreten wird als in der ersten?

Das bezweifle ich. Vor vier Jahren hatte Bush knapp gewonnen. Viele Menschen dachten: Jetzt muss er so regieren, als hätte er kein Mandat für radikale Maßnahmen, und sich auf die politische Mitte konzentrieren. Stattdessen schlug er einen extrem rechten, konservativen Kurs ein.

Was hat die Bundesregierung beim Thema Irak von Bush zu erwarten?

Er wird sehr genau gucken, was er von den Deutschen überhaupt verlangen kann. Ich denke, er wird die Bundesregierung erst wieder um Unterstützung bitten, wenn sich die Situation im Irak ausreichend stabilisiert hat.

Was bedeutet Bushs Wiederwahl für die Kompromisssuche gegenüber Iran?

Hier ist sich Bush bewusst, dass eine internationale Kooperation wichtig ist. Die Bush-Regierung hat zu erkennen gegeben, dass sie die anhaltenden diplomatischen Bemühungen der europäischen Staaten für nötig hält. Allerdings behält sie sich die Option auf Sanktionen vor, wenn die europäische Initiative scheitert.

Droht hier mittelfristig also doch ein weiterer militärischer Konflikt?

Nein, einen Krieg mit Iran will auch die Bush-Regierung nicht. Wir haben weder genug Soldaten noch genug Mittel für ein weiteres militärisches Vorgehen.

Cathleen Fisher ist Vizedirektorin des American Institute for Contemporary German Studies in Washington.

Das Gespräch führte Lars von Törne.

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