Zeitung Heute : Bushaltestellen hinterhertrauern

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Vor vielen Jahren war es. Da mussten wir in einer nasskalten März-Nacht mitten auf der finsteren Landstraße östlich von Berlin einen Autoreifen wechseln, der ein kapitales Schlagloch nicht ausgehalten hatte. Das heißt, der Ehemann der Rentnerin hatte das Vergnügen. Zum Glück ging es ruck, zuck. So etwas schaffte der Pensionär damals noch spielend. Außerdem störte kein Vopo, denn die Mauer war schon gefallen. Was haben wir gelästert über den Zustand der Straßen im Osten.

Nun ja, lange her. Zum Lästern besteht kein Grund mehr. Erstens sind die Landstraßen in Ordnung, und zweitens kommt es dafür in Berlin mittlerweile auf ein Schlagloch mehr oder weniger nicht mehr an. Der Staat hat kein Geld, der Senat schon gar nicht, basta. Man merkt es an allen Ecken und Enden. Auch die BVG muss knapsen und knausern. Man sieht es zum Beispiel an diesen langen gelben Pfählen, die hier und dort auf der Straße herumstehen. An manchen hängt ein orangefarbener Papierkorb aus Plastik. Das waren einmal Bushaltestellen. Nur das dicke schwarze H wie Haltestelle erinnert noch daran. So ein gelber Mast steht da wie ein Symbol für den Rationalisierungszwang. Bei diesem Anblick muss die Rentnerin immer daran denken, wie es um die Kassen der öffentlichen Hand und der Versorgungsbetriebe bestellt ist.

An etlichen Bushaltestellen stehen auch ein oder zwei zusätzliche gelbe Pfähle, die nur als Papierkorbhalter von Nutzen sind. „Ach was“, meinte der Pensionär neulich, „die Dinger sind dazu da, dass die Haltestelle schön breit aussieht, damit auch mehrere Busse Platz haben und nicht durch parkende Autos behindert werden.“ Die Rentnerin vermutet eher, dass der Abbau ausgedienter Stangen unnötig teuer wäre.

Doch wer weiß, wozu tot gelegte Haltestellen gut sind. Vielleicht bleiben die gelben Masten für den Fall stehen, dass es sich die BVG eines Tages leisten kann, das ausgedünnte Busliniennetz wieder zu erweitern. Da wäre es doch schade, die Pfeiler für eine Stange Geld aus der Verankerung zu reißen, um sie später wieder in den Boden zu rammen. Man soll schließlich positiv denken.

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