Zeitung Heute : Bushs junge Union

„Give war a chance“, heißt ihr Slogan. Was fasziniert immer mehr Jugendliche am US-Präsidenten? Sogar Punks engagieren sich für ihn

Malte Lehming[Washington]

Der Mann ist wunderbar. Er hat Prinzipien. Er hängt seine Fahne nicht nach dem Wind – Bo Palacios kommt ins Schwärmen, wenn er über den amerikanischen Präsidenten redet. Dann funkeln seine dunklen Augen. George W. Bush ist sein Idol. Dabei entspricht Bo so gar nicht dem Bild, das man sich von einem strammen, jungen Konservativen macht. Der 20-Jährige stammt aus Hawaii, trägt Kette, T-Shirt und kurze Hose, ist für die Abtreibung und für strengere Waffengesetze. Doch auch er ist an diesem Abend in den „Continental Ballroom“ gekommen. Denn er will, dass Bush am 2. November die Wahlen gewinnt.

Der „Continental Ballroom“ liegt im dritten Stock eines Gebäudes der „George Washington University“ (GWU), im Herzen der amerikanischen Hauptstadt, nur wenige Straßenblöcke vom Weißen Haus entfernt. Hier haben sich die „College Republicans“ versammelt. Deren Mitgliederzahl hat sich, seit Bush regiert, verdreifacht. Jedes Jahr werden mehrere zehntausend neu angeworben. Allerdings befinden sie sich hier gewissermaßen in der Diaspora. Die Stadt Washington ist fest in der Hand der Demokraten, die Universität noch fester.

Dennoch: Der Saal quillt über. Zwei neue Mitglieder für den Vorstand sollen gewählt werden. Die 14 Kandidaten stellen sich, äußerst diszipliniert, der Reihe nach vor. Jeder hat eine Minute Redezeit. Die Stichworte wiederholen sich: Gottesfurcht, Kampf gegen Terror, die Verehrung für Ronald Reagan. Äußerlich unterscheiden sie sich nicht von ihren Kommilitonen. Die Haut pubertiert, die Stimme vor dem Mikrofon klingt etwas zittrig, ansonsten sind sie recht locker.

Bo ist Katholik. Jeden Sonntag geht er zum Gottesdienst. An der Uni studiert er im ersten Semester Internationale Beziehungen. Als er ankam, war er überrascht, wie groß der Kreis der Gleichgesinnten ist. „Jede Woche werden es mehr.“ Den Irakkrieg findet er richtig. Ein Volk sei befreit, der Kampf zu den Terroristen selbst getragen worden. „Seitdem gab es keine Anschläge mehr in Amerika.“ Und die fehlenden Massenvernichtungswaffen? Eine Geheimdienstpanne. „Sogar die Uno hat geglaubt, dass Saddam solche Waffen hatte.“

Vor und nach den Vorstandswahlen wird organisiert. Die Sprecherin der „College Republicans“ von GWU, Chrissy Trotta, führt das Kommando. Wer fährt wann in die „battleground states“, besonders nach Ohio und Pennsylvania? Wer verteilt Flugblätter? Wer stellt sich mit Schildern an belebte Straßenkreuzungen? Es geht höchst professionell zu. „An dieser Universität sind wir eine Minderheit“, sagt der 18-jährige Chris Brooks aus New Jersey. „Minderheiten kämpfen oft sehr leidenschaftlich.“

Brooks ist Baptist. Sich selbst bezeichnet er stolz als „Mann des Glaubens“. In seinem Zimmer im Studentenwohnheim hängt ein großes Reagan-Poster. Der Präsident der Vereinigten Staaten sollte sich von religiösen Grundsätzen leiten lassen, sagt er. Bei der Wahl am 2.November gehe es um Werte und Moral. „Bush kümmert sich nicht um Umfragen. Er hat Charakter.“ Und der Irakkrieg? „Der war notwendig. Das sieht man schon an dem Widerstand, der uns bis heute dort entgegenschlägt.“

Amerikas Jugend könnte diese Wahl entscheiden. Jeder fünfte Wahlberechtigte, das sind 40,6 Millionen Bürger, ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die Jugendlichen sind motiviert, informiert, engagiert. Ihr Interesse an der Wahl ist so groß wie nie seit 1972. Damals wurde das Wahlberechtigungsalter auf 18 herabgesetzt. 30 Jahre lang war die Wahlbeteiligung in dieser Schicht dramatisch zurückgegangen – mit zwei Ausnahmen: Ronald Reagan entfachte die Herzen des konservativen Nachwuchses, Bill Clinton elektrisierte die liberale junge Garde. Doch im Jahr 2000 befand sich der politische Enthusiasmus auf einem Tiefpunkt. Nur 36 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben ihre Stimme ab. Zum Vergleich: In diesem Jahr beteuern 62 Prozent, dass sie „definitiv“ wählen werden.

Doch wen? Unter Jugendlichen ist die Zahl der Unentschlossenen am größten. Außerdem schwanken die Umfragen beträchtlich. Im April lag John Kerry noch mit gewaltigem Abstand vorn. Seitdem holt Bush beständig auf. Mittlerweile hat er ein Patt erreicht. Jugendliche sind notorisch leicht zu beeinflussen. Sie reagieren am schnellsten auf Stimmungswechsel. Und nicht nur in Florida war der Wahlausgang vor vier Jahren denkbar knapp. In New Mexico entschied eine Mehrheit von 366 Stimmen, in Oregon von 6765, in Wisconsin von 5708. Allein in Wisconsin indes haben sich seit dem Jahr 2000 mehrere zehntausend Jugendliche neu als Wähler registrieren lassen.

Wenn die Stimmung im „Continental Ballroom“ an diesem Abend als Barometer gelten darf, stehen die Chancen für Bush nicht schlecht. Durch zwei Ereignisse fühlen sich die jungen Konservativen geprägt. Da ist zum einen „Nine-Eleven“ – für viele waren die Terroranschläge das politische Erweckunsgerlebnis. Nun wähnen sie sich als Nachfolger der „greatest generation“ berufen, einen historischen Kampf zu führen. Ihre Großeltern haben den Faschismus, ihre Eltern den Kommunismus besiegt. Nun fühlen sie sich herausgefordert, die Ideologie bin Ladens im Wüstensand zu zerquetschen. In diesem Ziel findet ihr Leben einen Sinn. Auf Wahlveranstaltungen hat man schon Poster mit der Aufschrift „Give war a chance: peace through superior firepower“ gesehen. Und an den Ständen werden T-Shirts verkauft, auf denen „Pray for him“ steht, und sprechende Bush-Büsten, die auf Knopfdruck sagen: „Wir werden unseren Feinden nicht erlauben, unsere Nation zur Geisel zu nehmen.“

Die andere Prägung ist die Welt der 68er. Deren Einfluss lässt sich besonders an amerikanischen Hochschulen spüren. Aus Lesebüchern wurde alles gestrichen, was nicht politisch korrekt ist. Es gab neue Fachbereiche wie Friedens- und Frauenforschung. Liberale Werte wurden vermittelt – vom Säkularismus über den Antimilitarismus bis hin zum Recht auf Abtreibung. Das Unbehagen über diese Entwicklung nährt die Motivation der jungen Konservativen. Sie wollen die Avantgarde des kulturellen Gegenschlags sein.

Einer, der die universitätsinternen Fehden stets neu entfacht, ist David Horowitz. In den 60er Jahren war er radikal links, nun ist er radikal rechts. Er beschwert sich über die „Diskriminierung konservativer Fakultäten und Studenten“. Seine Organisation nennt sich „Students for Academic Freedom“. Im Bundesstaat Georgia wurde durch deren Aktivitäten im März 2004 bereits eine Resolution verabschiedet, die den Hochschulen vorschreibt, im Unterricht jeweils beide politische Standpunkte zu Wort kommen zu lassen. Doch damit nicht genug: Auf der Webseite seiner Organisation können Studenten aus ganz Amerika liberale Professoren an den Pranger stellen. Alle „extremen Alt-68er“ will Horowitz in einer Datenbank erfassen, um die „rote Indoktrination“ an den Universitäten zu beenden.

Der konservative Gegenschlag, verstärkt durch die Erfahrung des 11. September 2001, bringt auch kulturelle Exoten hervor. Nick Rizzuto ist ein konservativer Punk. Im Januar dieses Jahres hat er die Webseite conservativepunk.com gegründet. Über Tag arbeitet der 23-Jährige bei einer Rockradiostation in New York, in seiner Freizeit schlägt er die Werbetrommel für Bush. Im Nahen Osten müssten sämtliche „islamo-faschistischen Regime“ bekämpft werden, sagt er. Das erzählt er vor allem jenen „Bush hassenden Punks, die Anti-Hakenkreuzabzeichen auf ihren Schultern tragen“. Gerade Antifaschisten müssten es begrüßen, wenn die US-Armee gegen Despoten wie Saddam Hussein, Osama bin Laden oder die Mullahs von Teheran ziehe. Er selbst hat vor kurzem oppositionelle iranische Studenten interviewt. „Sie alle unterstützen Bush.“

Inspiriert fühlte sich Rizzuto von einem der Urväter des Punk, Johnny Ramone, den Gitarristen der „Ramones“. Der starb vor wenigen Tagen im Alter von 55 Jahren. Ramone verehrte Ronald Reagan, die Republikaner und Bush. „Ich liebe Ramone“, sagt Rizzuto, „wenn einer wie er konservativ sein konnte, kann es jeder Punk.“ Die Zahl der ähnlich rechts gesinnten Punks in den USA schätzt er auf mehrere tausend. Für die ist John Kerry ein „steinkalter Elitärer“. Der werde von „liberalen Punks gewählt, die das Establishment verkörpern“. Mit anderen Worten: Wer als Punk auch ein wahrer Rebell ist, der schwimmt nicht einfach mit im Strom all der anderen, meist linkslastigen Punks.

„Wir haben viel erreicht, aber das Wichtigste kommt erst noch“, ruft Chrissy Trotta am Ende des Abends ihren „College Republicans“ zu. Langsam lichten sich die blauen Stuhlreihen. Am Ausgang liegen Listen. Darauf trägt sich ein, wer irgendwie noch helfen will – bis zum 2.November. Den Zeitgeist zumindest haben die jungrechten Aktivisten hinter sich. Die Zustimmungsquote für außerehelichen Geschlechtsverkehr, Legalität der Abtreibung und höhere Besteuerung für Besserverdienende nimmt bei Studienanfängern seit Jahren kontinuierlich ab. Hingegen steigt das Ansehen des Militärs. Im April vergangenen Jahres sagten drei Viertel aller US-Studenten, sie würden den Streitkräften vertrauen, „das Richtige zu tun“. Vor 30 Jahren kamen etwa 20 Prozent zu diesem Schluss.

Wie wichtig diese Klientel ist, weiß Bush genau. Sein Chefstratege heißt schließlich Karl Rove. Und der war selbst einmal Vorsitzender der „College Republicans“. Nun hat Rove der Partei ein Rezept empfohlen, das für fast alle Produkte gilt: Je früher wir die Menschen an uns binden, desto fester stehen sie zu uns. Ob sich das bereits in fünf Wochen auszahlt, ist offen. Langfristig indes muss sich die Partei keine Sorgen machen.

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