BVG-Streik : Das Berliner Paradox

An einem normalen Tag bringen die Berliner Verkehrsbetriebe 2,4 Millionen Menschen ans Ziel. Seit gestern nun tun sie das nicht mehr. Dennoch sind fast alle angekommen.

Friedhard Teuffel

Berlin-Dahlem minus ein Grad, Tegel auch minus eins, Tempelhof minus zwei, Mitte null, es herrscht Frost am Mittwochmorgen, dazu kommt Schneefall, beides Multiplikatoren des wahrscheinlich bald einsetzenden Chaos’ auf den Straßen, denn es wird wohl der Tag der Autos werden in Berlin, der Tag des bis an seine Kapazitätsgrenzen ausgelasteten Asphalts.

Dieser Asphalt hat an diesem Tag unmöglich Scheinendes auszuhalten, er muss den Ausfall der U- und Straßenbahnen, der Fähren und Busse kompensieren, es ist der erste von wohl zehn oder gar mehr Streiktagen im öffentlichen Nahverkehr, bei der BVG, bei den Berliner Verkehrsbetrieben also, ehemals Berliner Verkehrs-AG. An einem normalen Tag transportieren deren Fahrzeuge 2,4 Millionen Menschen, alle Fahrzeuge zusammengenommen fahren täglich eine Strecke, die 18 Erdumrundungen entspricht.

Seit dem Vortag warnen die Radiosender, die Zeitungen vom Mittwoch drucken Übersichtskarten mit der Linienführung der wenigen Ersatzbusse und deren Notfahrpläne, verweisen auf die S-Bahn, deren Züge ordnungsgemäß fahren, einige davon mit zusätzlichen Waggons. Und dann, draußen, am Morgen in der Stadt? Passiert zum Beispiel Folgendes:

Lichtenberg, Taxistand am S-Bahnhof Frankfurter Allee, 9 Uhr 42. Ein besetztes Taxi fährt vorbei und hält einige Meter weiter, an der Ampel der Kreuzung Frankfurter Allee / Möllendorffstraße. Eine junge Frau im schwarzen Mantel springt auf die Fahrbahn, kämpft sich durchs Schneegestöber und öffnet die Beifahrertür. Die Frau ist sorgfältig geschminkt, Schnee fällt auf ihre dunkelrot getönten Haare. „Wo bekomme ich denn hier noch ein Taxi her?“, fragt sie aufgeregt, ihre Unterlippe ist aufgesprungen. „Ich muss zu einem Bewerbungsgespräch“, sagt sie, weiter Richtung Osten. Der Fahrer zuckt mit den Schultern. Sein Fahrgast muss ans andere Ende der Stadt, keine Chance, die Frau mitzunehmen. Die Tür schlägt zu. Durch den Rückspiegel beobachtet der Fahrer noch, wie sich die Frau nervös umsieht – kein anderes Taxi weit und breit –, dann bewegt sie sich plötzlich, geht zum nächsten an der Ampel wartenden Wagen. Ihre Lippen bewegen sich. Der Mann im Auto lächelt. Dann steigt sie ein.

Ein Akt der Nächstenliebe also, Volkssolidarität, so ähnlich werden nach Lage der Dinge etliche Autofahrer gehandelt haben, denn an ihren Arbeitsplätzen und in den Schulen angekommen sind die meisten der Berliner, etliche erschienen sogar zu früh. Die Berliner Polizei konstatierte schon am Vormittag: keine größeren Behinderungen, aber mehr Autos als sonst auf den Straßen unterwegs. Und viele von denen wohl voller als sonst.

Auf dem Hardenbergplatz vor dem Bahnhof Zoo warten sieben Touristen mittags mit Taschen und Koffern an einer der Bushaltestellen – obwohl die elektronischen Hinweistafeln melden, dass wegen des Streiks nichts rollt. Eine Frau hat jedoch gehört, dass noch der Flughafenbus TXL zum Tegeler Airport fahre. „Wenn er in 15 Minuten nicht kommt, muss ich ein Taxi nehmen“, sagt sie. Was sie nicht weiß: Der Flughafenbus startet am Hauptbahnhof und nicht in der City-West, hier am Zoo fährt nur der Ersatzbus für die Linie M 45, im 30-Minuten-Takt, nach Ruhleben. Ein paar Minuten später steigt die Dame entnervt in eines der vielen wartenden Taxis, die anderen Touristen warten vorerst weiter.

Im Bahnhof Zoo, wo seit dem Frühjahr 2006 keine Fernzüge mehr halten, ist „weniger los als sonst“, sagen zwei Sicherheitskräfte der Bahn. Tatsächlich ist es nicht einmal auf den S-Bahnsteigen besonders voll, und auf den Regionalbahnsteigen warten nur wenige Fahrgäste auf die Züge in Richtung Umland. „Die Pendler fahren jetzt eher zum Bahnhof Friedrichstraße, weil man von dort aus besser weiterkommt“, vermuten die Bahnmitarbeiter.

Auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße, den größten Einkaufsstraßen Berlins, sieht fast alles ganz normal aus. Vor dem KaDeWe am Wittenbergplatz stoppen allerdings ständig Taxis mit zumeist älteren Kunden des Warenhauses. Darüber hinaus hat das KaDeWe einen eigenen Shuttle-Bus zur Reisemesse ITB unterm Funkturm organisiert. Die angemieteten Reisebusse verkehren bis Sonnabend täglich zwischen 10 und 18 Uhr im 30-Minuten-Takt. Wer das weiß, kommt also hin.

Madagaskar allerdings bereitet der Streik große Sorgen. Denn wie soll es am Abend wieder nach Hause gehen? Zu Hause ist in diesen Tagen eine kleine Pension, „in Rühleben oder so“, sagt Hely Rakotomanantsoa, eine zierliche Frau in den frühen Vierzigern. Auf Ihrer Visitenkarte steht „Managing Director der Island Continental Group Madagaskar“. Sie sitzt mitten im Regenwald, so sieht es aus mit all den bunten Bildern aus Madagaskar hinter ihr. „Die U 2 fährt nicht, der Bus auch nicht“, so viel hat sie schon herausgefunden. Am Morgen hatten sie und ihre Kollegin noch Glück. Der Pensionsbesitzer hat sie im Auto zur Messe gefahren. Aber abends? „Da müssen wir wohl ein Taxi nehmen“, sagt sie – eine weitere Enttäuschung an diesem enttäuschenden Tag. Sie seien vor allem wegen der ersten beiden Tage nach Berlin gekommen, wenn die Fachbesucher durch die Hallen der Internationalen Tourismus-Börse laufen, um ihre Geschäfte zu machen oder wenigstens mal einen Kontakt für ein Geschäft zu knüpfen. Doch an Madagaskar gehen die meisten vorbei.

Auf der ITB teilt der Streik die Welt in mehrere Teile. Madagaskar gehört zur Dritten Welt. Die Dritte Welt muss selber sehen, wie sie klar kommt, sie liegt jedenfalls abgeschieden vom S-Bahn-Netz. Was sie braucht, nämlich die U-Bahn oder den Bus, funktioniert gerade nicht. Auch Uganda zählt dazu. Die Mitarbeiterin der Nationalparks Uganda ist empört. „Gestern haben wir noch zehn Minuten mit dem Taxi gebraucht und zehn Euro bezahlt. Heute hat der Fahrer wegen der Staus viel länger gebraucht, und es war auch viel teurer.“ Wie lange und wie viel denn? „15 Minuten, 13 Euro“, sagt die Frau in einem Tonfall, als sei sie richtig übers Ohr gehauen worden.

Die Zweite Welt, das sind die S-Bahnbenutzer, die vielleicht ohne Streik noch schneller angekommen werden, aber die es mit einem Umweg immer noch hinbekommen. In vielen Wellen schwappen sie aus dem S-Bahnhof Messe Süd aufs Gelände. Doch der größte Teil der ITB-Fachbesucher gehört zur Ersten Welt. Sie müssen sich um nichts kümmern, weil sie direkt gegenüber der Messe in einem Hotel untergebracht sind, wie die Empfangsdame von Öger Tours im roten Hosenanzug. Oder weil sie in einem der 24 Partnerhotels der ITB übernachten. Von dort fahren Shuttlebusse.

Auf der Messe hätte es auch einen Streikposten geben können, Ralf Jäger heißt er. Er arbeitet für die BVG-Stadttouristik, also den Teil der BVG, der Touristen in roten Doppeldeckern durch die Berliner Straßen chauffiert. Er ist gewerkschaftlich organisiert. Vielleicht ist er in der nächsten Woche auch dran mit Streiken. Aber jetzt noch nicht. „Es gibt doch zwei Sachen: den Streik und Berlin. Und wir wollen doch mit der BVG auch ein bisschen was für Berlin tun“, sagt er. Im vergangenen Jahr hätten sie auch für die Aussteller der ITB und die Fachbesucher eine Stadtrundfahrt angeboten, „mit Sekt und Kanapees und Giveaway und so“, erzählt Jäger. Die muss in diesem Jahr ausfallen, so wie alle Stadtrundfahrten der BVG. „Wir kommen ja nicht an das Material ran“, sagt Jäger. Denn das Material, die roten Busse, sind eingesperrt auf dem Betriebshof in der Müllerstraße.

An der anderen Ecke des BVG-Standes in Halle 14.1 kümmert sich Michael Beer um die Streikfolgen. Vor ihm steht ein Strauß Tulpen, hinter ihm hängt ein Stadtplan von Berlin. Beer ist Sachgebietsleiter Kundenbindungsstrategie, „komisches Wort, ich weiß“. Marketing ist seine Aufgabe. An diesem Tag allerdings ist er nur eine Fahrplanauskunft. Ab und zu kommt jemand vorbei und will wissen, wie er wo hinkommt. Dann fährt Beer mit seinem Finger über den Notfallfahrplan oder schaut schnell in seinem Computer nach.

Beers Bilanz fällt gut aus. „Ich hätte mit viel mehr Aggressionen und viel mehr Unmut gerechnet“, sagt er. Aber es sei alles im Rahmen. Zur Beruhigung könnte er ein Tütchen mit BVG-Gummibärchen an verärgerte Fahrgäste reichen, „aber so weit ist es heute noch nicht gekommen“. Er arbeitet mit zwei Kollegen auch an den nächsten Tagen. Auch am Wochenende, wenn die ITB jedem offen steht. Dann kommt das Volk. Der Berliner. Das Streikopfer. „Bis jetzt haben die Leute doch noch Verständnis für den Streik, das wird sich bis zum Wochenende nicht ändern“, sagt Beer. Und nimmt sich ein Tütchen BVG-Gummibärchen.

Auch am Rosenthaler Platz in Mitte: Verständnis. Schlangen vor den Ampeln, jedoch nicht länger als sonst. Die fehlenden Straßenbahnen, die sonst zuverlässig und regelmäßig die Kreuzung queren, lassen den Platz sogar leerer als sonst erscheinen. Die Gesichter hinter den Lenkrädern: gelassen.

Hier im Viertel spielt auch Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. In einer Szene, Schauplatz „eine Kneipe am Rosenthaler Platz“, lässt Döblin eine seiner Figuren sagen: „Man soll sich nicht dicke tun mit seinem Schicksal … Ich bin kein Grieche, ich bin Berliner.“

Mitarbeit: Cay Dobberke, Torsten Hampel und Steffen Kraft

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