Zeitung Heute : Bye-bye Bagdad

„Sehen Sie uns nur noch als Gäste“, lautete der letzte Befehl. Die Amerikaner gehen, die Angst bleibt im Irak

Erwin Decker[Bagdad]

Die Polizisten auf dem Al-Alwiya-Revier in Bagdad erfuhren es als Erste. US-Soldaten, die im ersten Stock des Reviers ihr Büro haben, kamen um zehn Uhr zum Revierleiter. Sie hätten eine wichtige Nachricht – er solle bitte einen Dolmetscher holen. Sie wiederholten die Botschaft, die ihnen über einen verschlüsselten Funkspruch mitgeteilt worden war, zweimal: „Die Regierungsübergabe hat gerade stattgefunden. Der Irak ist jetzt souverän. Sie, die Iraker, sind ab jetzt für alles selbst verantwortlich. Betrachten Sie uns in Ihrem Haus nur noch als Gäste. Sagen Sie das bitte Ihren Beamten.“ Ein Polizist wollte auf die Straße rennen und mit der Kalaschnikow in die Luft schießen. Das wäre beste irakische Tradition gewesen, aber der Revierleiter verbot es mit Rücksicht auf die US-Soldaten.

In Bagdad standen gestern die Menschen vor den Fernsehgeräten in den Straßen und schüttelten die Köpfe. Dass ihr Land in aller Heimlichkeit die Unabhängigkeit bekommt, gefällt ihnen nicht so richtig. Sicherheitsbedenken waren der Grund für die überraschend vorgezogene Machtübergabe, die eigentlich erst am Mittwoch stattfinden sollte. Als die Iraker dann noch hörten, dass Allawi, ihr neuer Präsident, die Demokratie mit Notstandsgesetzen beginnen will, wurden sie erst recht skeptisch. Soll die Freiheit ausgerechnet mit dem Kriegsrecht beginnen ?

Vorerst besteht der Staat im Irak nur auf dem Papier, und im irakischen Finanzministerium gibt es nicht einmal davon genug. In dem zweistöckigen Gebäude arbeiten 140 Personen, 120 sind Frauen. In einem Großraumbüro mit Glaswänden stehen 16 kleine Schreibtische. An jedem sitzen vier Frauen. Die Akten werden handschriftlich bearbeitet. Mit Tipp-Ex werden sie korrigiert, mit Stecknadeln mangels Büroklammern zusammengehalten. Auf jeder Etage gibt es einen uralten, abgeschalteten Computer. Der einzige Kopierer steht im Vorzimmer des Ministers. Im ganzen Haus gibt es nur ein Telefon. Das steht auch beim Minister und funktioniert nur manchmal.

Was macht ein Finanzministerium in einem Land, in dem niemand Steuern bezahlt? Auf den Wartebänken sitzen Menschen, die Forderungen an den Staat haben. Ali Chalaf Mohammed hat unter Saddam an die Armee Uniformen geliefert. Die Rechnung wurde nie bezahlt. Er fordert die ausstehenden 20000 Dollar jetzt von der neuen Regierung.

Minister gibt es in der Übergangsregierung genug. 31 sind es, allein das Ressort Bildung besteht aus drei Ministerien: ein Bildungsministerium, ein Ministerium für Grund- und Hauptschulen und ein Ministerium für höhere Bildung. Im Ministerium für höhere Bildung gibt es außer einem Teekocher, 32 Stühlen, einem Schreibtisch und vier Aktenordnern nichts. Dafür steht vor jedem Ministerium eine kleine Armee zur Bewachung.

Das Innen- und das Verteidigungsministerium sind die ganze „Übergangswoche“ für Journalisten gesperrt. Krankenhäuser dürfen Journalisten nach dem 1. Juli nur noch mit schriftlicher Genehmigung des Gesundheitsministers besuchen. Der Innenminister muss den Besuch eines Journalisten auf einem Polizeirevier schriftlich erlauben. Bearbeitungszeit – drei Tage. Beim Finanzministerium müssen die Reporter ihre Fragen schriftlich einreichen, geantwortet wird auch schriftlich. Journalisten brauchen wieder ein spezielles Visum für den Irak. Das alles erinnert mehr an das alte Regime unter Saddam als an einen demokratischen Staat.

Es gibt im Irak jetzt 170 Parteien. Jede hat eine Miliz, aber kein Programm. In der „Iraqi-Womens-League“ (irakische Frauenliga ) gibt es keine einzige Frau. Die „Partei der Königstreuen“ hat ihr Büro im zerbombten Geheimdienstgebäude. Das alles passt mehr in einen Endzeit-Hollywoodfilm als zu einem demokratischen Staat mit 25 Millionen Einwohnern.

Die Hand, mit der Mithal al Alusi das Teeglas hält, zittert. Alusi, 54 Jahre alt, ist der Nachlassverwalter von Saddams Schreckensregime: Er ist Direktor der obersten nationalen Kommission für die Entbaathifizierung des Irak. Seine Behörde muss über 200 Tonnen Akten der Baath-Partei und des Geheimdienstes durchforsten und die Verbrechen des alten Regimes aufdecken – Alusi ist eine Art Joachim Gauck des Irak. Sobald das Gerichtswesen wieder funktioniert, wird es eine Flut von Anklagen geben. Auf Arabisch nennt sich die Behörde Ithtikar, das heißt Entwurzelung – die Wurzeln der Baath-Partei sollen ausgerissen werden.

Alusi ist deutscher Staatsbürger, aber in Deutschland wird er per Haftbefehl gesucht. Er war der Rädelsführer, als im August 2002 die irakische Botschaft in Berlin von Exilirakern besetzt wurde. 2003 wurde er dafür zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Jahr saß er in U-Haft in Berlin-Moabit. Aber weil er in Berufung ging, ist das Urteil noch nicht rechtskräftig, und er wurde unter Meldeauflagen auf freien Fuß gesetzt. „Ich konnte nicht tatenlos in Deutschland zusehen.“ Er schrieb dem Gericht, dass er zur Berufungsverhandlung zurückkommt. Der Haftbefehl wurde trotzdem erlassen.

Alusi verließ den Irak vor 27 Jahren und entkam so knapp einer Verhaftung durch Saddams Geheimdienst. Heute ist er wieder eine der gefährdetsten Personen in Bagdad. Zwei Mordanschläge sind auf ihn schon verübt worden. Wenn er morgens mit zehn Mann Bewachung aus dem Haus geht, weiß seine Frau nicht, ob er abends wieder lebend zurückkommt. Sein ungepanzerter japanischer Mittelklassewagen hat dunkle Scheiben, der Beifahrer hat die Kalaschnikow mit dem Lauf nach oben zwischen den Beinen. Ist seine alte Heimat das tägliche Risiko wert? „Ich möchte helfen, aus dem Chaos wieder ein lebenswertes Land zu machen“, sagt Alusi. „Ich weiß, der Weg dahin ist extrem schwer.“ Aber er ist Idealist und ein fast fanatischer Jäger nach Saddams Schergen. Ein politisches Amt hat er bisher aber abgelehnt. Wird er sich stellen, wenn es eine Berufungsverhandlung in Deutschland gibt – auch wenn er dann wieder ins Gefängnis muss? „Ich stehe zu dem, was ich getan habe.“ In den Geheimdienstakten fand Alusi Unterlagen, die belegen, dass er in den Monaten vor dem Krieg als Regimegegner in Hamburg ermordet werden sollte.

„Die Regierung wird scheitern, wenn die Menschen nicht spüren, dass es eine Verbesserung ihrer Lebensumstände gibt“, sagt er. „Regelmäßig Strom und Wasser und funktionierende Krankenhäuser würden jeden davon überzeugen, dass sich etwas ändert.“ Was Alusi aber am meisten aufregt, ist die Ankündigung der neuen Regierung, ranghohe Mitglieder der alten Baath-Partei einzustellen. „Wenn die brutalen und menschenverachtenden Taten des alten Regimes nicht aufgeklärt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden, gibt es in der irakischen Gesellschaft keinen Neubeginn.“

Wenige Kilometer entfernt spricht ein Religionsgelehrter zu seinen Koranschülern. Er trägt ein amüsiertes Lächeln im Gesicht. Scheich Dschawad Chalisi ist in Bagdad die graue Eminenz, der Strippenzieher. „Pakt der nationalen Verständigung und Aktion“ nennt sich die Gruppe um den Scheich – Sunniten, Schiiten, Kurden und Christen, auch Frauen sind dabei. Chalisi wird nicht mit der Übergangsregierung zusammenarbeiten. Für ihn sind dort alle nur Handlanger der USA. „Warum wurden keine Wahlen für eine echte Regierung durchgeführt?“, fragt er. „Es wäre möglich gewesen.“ Der Scheich steht zum Widerstand gegen die Amerikaner. „Ich will nicht mit den Amerikanern reden und verhandeln, denn es ist unser Land.“

Auf dem Land sind die Scheichs ohnehin immer noch die obersten Richter über alle Angelegenheiten ihrer Stämme. Sie werden nicht gewählt, das Amt geben sie an ihre Söhne weiter. Der Stamm der Litschji bei Balat an der Tigrisschleife, nördlich von Bagdad, zählt 20000 Männer. Frauen zählen nicht. Der Führer des Stammes sagt: „Mir sollen die Amerikaner erst einmal erklären, warum wir wählen sollen. Und vor allem wen. Es kann ja schlecht noch ein zweiter Scheich gewählt werden.“ Das alles sei eine typische Idee der Amerikaner, die nicht wissen, wie die Gesellschaft im Irak seit vielen hundert Jahren durch die Stämme und deren Führer zusammengehalten wird. Dennoch hat er sich auf Kompromisse mit den Amerikanern eingelassen. „Wir müssen überleben. Ich will keine unnötigen Opfer bei meinen Leuten. Der Stamm von George W. ist einfach stärker.“

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