Zeitung Heute : C-Klasse-Cabrio: Ein Mercedes aus Osnabrück

Wer dieses Auto sieht, reibt sich verblüfft die Augen. Ein Mercedes-Cabrio auf der Basis des gerade erst auf den Markt gekommenen Sportcoupés der C-Klasse - ein solches Auto gibt es doch überhaupt nicht. Richtig. Als Serienauto steht diese offene Mercedes-Variante bislang wirklich nicht im Modellprogramm der Stuttgarter. Dennoch gibt es ein solches Cabrio - als Prototyp aus dem Hause Karmann in Osnabrück. Erst vor wenigen Wochen machte es Furore auf dem Genfer Frühjahrssalon - natürlich nicht auf dem Stand der Marke mit dem Stern, sondern dem sehr viel kleineren des Osnabrücker Familienunternehmens, das Anfang August seinen 100. Geburtstag feiern wird. Und dieser Prototyp, neben dem inzwischen ein zweiter entwickelt wird, ist gewissermaßen ein Prolog auf die Ereignisse der nächsten Monate.

Erwähnt man in einem Gespräch den Namen Karmann, dann fällt vielen spontan der legendäre Karmann Ghia ein. Mit diesem Auto wurde einer breiteren Öffentlichkeit jener Firmenname bekannt, hinter dem sich seit Jahrzehnten einer der vielseitigsten und auf kleinere Serien spezialisierten deutschen Fahrzeugbauer verbirgt - einer ohne eigene Fahrzeugmarke allerdings. Denn Karmann baut seine Autos - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - von Beginn an im Auftrag anderer Marken. Und so fährt mancher trotz des Signets von Ford, Volkswagen, Jaguar, Renault oder auch des Mercedes-Sterns, ohne es zu wissen, eigentlich einen Karmann.

Wie die Karmann-Geschichte begann und sich das Osnabrücker Unternehmen entwickelte, darüber werden wir schon bald in Verbindung mit einem Rundgang durch das Karmann-Museum berichten. Hier geht es darum, wie sich dieses so erfolgreiche Familienunternehmen heute präsentiert. Und diese Aktivitäten sind für viele dann doch eine Überraschung. Denn auf den Osnabrücker Fließbändern rollen in Serie die Modelle mehrerer großer Marken vom Band. So ist zum Beispiel das Golf Cariolet ein echter Karmann - das letzte Glied einer Tradition, die schon wenige Jahre nach Kriegsende begann, als Firmengründer Wilhelm Karmann einen Käfer zu einem viersitzigen Cabrio umbaute und in Wolfsburg präsentierte. Mit dem Erfolg, dass schon 1949 die Serienproduktion begann und den offenen Käfer mit 331847 Exemplaren bis 1980 zum meistgebauten Cabrio weltweit werden ließ. Daneben rollten zwischen 1955 und 1974 noch 362601 Karmann Ghia Coupés und 80 877 Cabriolets vom Band - und weitere 42 505 große Ghia Coupés auf Basis des VW 1500 und später des VW 1600. In die Fußstapfen des so erfolgreichen Käfer Cabrios trat der offene Golf, der inzwischen in vierter Generation von Karmann gefertigt wird. Doch damit nicht genug - auch Scirocco I und II, der VW Corrado und der Golf III Variant sind echte Karmänner.

Und das gilt nicht nur für Autos mit dem Wolfsburger Markenzeichen. Porsche 356B Hardtop, Porsche 911/912, der VW-Porsche 914, der BMW 2000C, der BMW 3,0 CS und die 6er-Serie aus München, das Audi Cabrio sowie das Ford Escort Cabrio und den Ford Cosworth hat Karmann zusammengefügt. Und zwischen 1995 und 1998 rollte sogar der koreanische Kia Sportage "Made by Karmann" in Osnabrück vom Band. Auf dem werden seit 1996 auch das Renault Mégane Cabriolet, das Jaguar XK8 Cabriolet und das Audi Cabriolet gebaut. Und seit 1996 fertigt man in Osnabrück auch Autos mit dem Stern - angefangen bei der Rohbaukarosserie für den Mercedes-Benz SLK bis zu den offenen Mercedes-Benz CLK und CLK Coupé. Das ist ein Meilenstein nicht nur in der Karmann-Geschichte sondern auch für Mercedes-Benz. Denn CLK und CLK Coupé sind damit die ersten Mercedes-Modelle, die komplett extern gebaut werden.

Mit Blick auf diese Modelle verwundert es nun auch nicht mehr, dass Karmann in diesem Frühjahr mit dem Cabrio des Sportcoupés der C-Klasse überraschte. Dieses Auto ist komplett bei Karmann entwickelt worden. Das gilt nicht nur für das Verdeck - eine der Spezialitäten von Karmann, auf die man sich bereits seit 1913, in diesem Jahr wurde das erste Karmann-Patent für eine Verdeckentwicklung angemeldet, konzentriert. Beim Cabrio des Sportcoupés der C-Klasse hat Karmann auch die gesamte cabriospezifische Karosserie mit ihren typischen Verstärkungen für Bodengruppe, Schweller und A-Säule entwickelt, die dafür sorgen, dass die oben offene Karosserie ausreichend stabil und vor allem verwindungssteif ist. Und auch das Design des eleganten 4,34 Meter langen viersitzigen Cabrios mit seinem bei geschlossenem Verdeck 280 Liter und bei geöffnetem Verdeck noch 190 Liter fassenden Kofferraums ist in der Designabteilung von Karmann entstanden. Dort wurde schließlich auch der Innenraum des offenen Viersitzers gestaltet.

Die Entwicklung dieses Autos beweist, dass es Karmann insbesondere im letzten Jahrzehnt gelungen ist, mit seinem Unternehmensbereich Technische Entwicklung zum Entwickler kompletter Fahrzeuge zu werden. Stolz spricht man in Osnabrück deshalb auch von Gesamtfahrzeug-Kompetenz. Denn vom ersten Entwurf entstehen im Bereich Technische Entwicklung im Design Studio, beim Concept Team, in der Konstruktion, beim Prototypenbau, im Bereich Kunststofftechnologie, im Dachcenter, im Fahrzeugversuch und bei der Motor- und Fahrwerksintegration nicht nur Fahrzeugkomponenten, sondern auch Karosserien und komplette Fahrzeuge. Damit hat sich Karmann zu einem anerkannten Entwicklungspartner für zahlreiche Unternehmen der Autoindustrie und insbesondere auch von Volkswagen und Mercedes-Benz entwickelt. Im Rahmen der immer enger gewordenen Zusammenarbeit mit den Stuttgartern sind zum Beispiel in den Neunzigern alle Prototypen des mit seinem Variodach wegweisenden Cabrio-Coupés Mercedes SLK bei Karmann gebaut worden.

Die Technische Entwicklung ist neben dem Fahrzeugbau, in dem seit 1949 mehr als drei Millionen komplette Fahrzeuge in den Karmann-Werken in Osnabrück und Rheine gebaut und ausgeliefert wurden, inzwischen das zweite Standbein des Familienunternehmens, das allein in Deutschland rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt und weltweit sogar rund 7600. Denn neben den Betrieben in Deutschland, zu denen neben den Werken in Osnabrück und Rheine auch die Julius Heywinkel GmbH als Textil- und Kunststoff-Fertiger, die ATP Automotive Testing Papenburg GmbH in Verbindung mit dem großen Mercedes-Testgelände im Emsland und die Automotive Global Service GmbH in Osnabrück als Logistik-Dienstleister gehören, hat Karmann auch Betriebe für die Textilfertigung in Portugal, für die Technische Entwicklung in den USA und für den Fahrzeug- und Betriebsmittelbau in Brasilien.

Mit Betriebsmittelbau fällt das Stichwort für die dritte Säule von Karmann. Denn Karmann ist einer der ganz großen Spezialisten für Karosseriebauwerkzeuge, vor allem aber für Presswerkzeuge. Sowohl in São Paolo als auch in Osnabrück werden diese Werkzeuge entwickelt und produziert. Und wenn man aufmerksam durch die Presswerke und Karosseriebauabteilungen vieler Autohersteller weltweit geht, dann sieht man recht oft, dass Karmann Presswerkzeuge die Karosseriebleche dort in Form bringen - und das geschieht bei vielen Marken schon seit Jahrzehnten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben