Zeitung Heute : Calcutta

Mit Korianderbrot

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

Das Calcutta in der Bleibtreustraße gehört zu den altehrwürdigen Institutionen in der Stadt. Es existiert seit 1967 und rühmt sich, das älteste indische Restaurant Deutschlands zu sein. Dort kann man sogar einheimischen Wein trinken, aus dem einzigen indischen Weinanbaugebiet, das es gibt, nördlich von Bombay gelegen. Das Lokal hat einen redseligen Chef, der seinerseits in Indien eine Vertretung für Niersteiner Weine hat, denn seine Landsleute verspüren zusehends Durst auf Wein. Die Spuren asketischer Hindus und Gin-seliger Engländer verblassen anscheinend. Der Wein heißt Soma, kostet 18 Euro die Flasche und schmeckt noch ein wenig ausbaufähig, aber nicht schlecht. Man sollte ihn vielleicht lieber in der offenen Variante trinken, die wir als Probierschluck bekamen. Da wirkt er frischer, leichter.

Der Innenraum ist hübsch: Die Wände sehr bunt, aber durchaus geschmackvoll mit indischen Idyllen bemalt, die Decke mit holzgeschnitzten Täfelchen bedeckt, gelbe Stoffservietten zu gelben Nelken und brennenden Kerzen. Sitarmusik vom Band. Zu den Stammgästen des Hauses zählen offenbar viele alte 68er, die es nach dem Studium in andere Bundesländer verschlagen hat und die sich hier bei ihren Berlin-Besuchen nostalgischen Rückblenden ins Zeitalter der Liebe hingeben.

Die Cocktails sind so bunt wie die Wände: Maharajas Traum mit Sekt und Mango, dazu rote Cocktailkirsche an meerblauem Palmenrührstock (3,50 Euro); die Maharani trinkt derweil Gin, Cognac, Orangen- und Zitronensaft durcheinander (4,50 Euro).

Hinreißend gut war das Korianderbrot: ein noch heißer Fladen aus dem Lehmofen mit vielen eingebackenen frischen Kräutern (2,50 Euro). Nach mehr als 35 Jahren verstehen sie es hier auch, den exakten Schärfegrad zu treffen, der europäische Zungen herausfordert und ihnen die Exotik eines Gerichts nahebringt, ohne sie indes zu überfordern. Die gelbe indische Linsensuppe gab sich da vorbildlich (3,50 Euro).

Drei Saucen, zwei fruchtige, eine frische mit Minze gab es zu den Blumenkohl Pakores. Das sind pikante eingebackene Blumenkohlröschen. Dazu Krautsalat, der ebenfalls mit frischem Koriander gewürzt ist, was recht originell schmeckt (4 Euro). Lamm Balti ist ein appetitlicher Topf voller feuerroter Lammbrocken, zart, leicht faserig, scharf, aber nicht zu scharf. Anders als bei den Chinesen ist der Reis hier betont locker, was wirklich mal eine nette Abwechslung ist. Es gibt eine Schüssel für beide, denn natürlich passt er auch bestens zum Gemüsecurry. Blumenkohl, Möhrenstücke, Paprika, Zucchini in einer dicken, in vielerlei Hinsicht warmscharfen Currysauce mit Käsestreifen garniert, schmeckt wirklich gut (8,50 Euro). Das Geheimnis der Restaurants, die über Jahrzehnte erfolgreich sind, wird hier offenbar: gute Zutaten, abwechslungsreich, aber nicht überkandidelt zubereitet, mittlere Portionen, angenehmes Ambiente, reelle Preise. So einfach ist das. Und – offenbar – auch so schwer.

Bei der Wahl des Nachtisches mischte sich der nette Chef dann ganz massiv ein. Ob der von uns eigentlich gewählte aus war, oder ob der Wirt wirklich fand, wir könnten uns nunmehr mit was Leichterem begnügen, keine Ahnung. Jedenfalls gab es Mangojoghurt aus einem spitzen Kelch, leicht und gut (4,50 Euro). Außerdem etwas zu hartes, weil noch zu kaltes Safraneis, das nicht über die Maßen viel Eigengeschmack, dafür aber eine schöne tiefgelbe Farbe besaß, und dazu Lychees, Mangos, Guaven und grob geraspelte Pistazien. Ringsum ein überflüssig kitschiger Rand aus mit roter Himbeersauce garnierter Sprühsahne (4,50 Euro).

Darauf einen Mangoschnaps. In seiner ans Liebliche von fern doch auch erinnernden harten Klarheit ist die indische Antwort auf den klassischen Obstler einfach ein Muss.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben