Zeitung Heute : Campus fast ohne Studenten

70 000 Studenten im In- und Ausland:  Die Fernuniversität Hagen ist die größte deutsche Hochschule.

Mehr als eine Briefkastenfirma. Auf dem Campus der Fernuni arbeiten etwa 1500 Personen, darunter rund 80 Professoren, an der Organisation der Studiengänge. Studenten kommen jedoch nur zu besonderen Anlässen nach Hagen – etwa für Präsenzkurse und die Zeugnisverleihung am Ende des Studiums. Foto: dpa
Mehr als eine Briefkastenfirma. Auf dem Campus der Fernuni arbeiten etwa 1500 Personen, darunter rund 80 Professoren, an der...Foto: picture-alliance / gms

Nils Szuka lässt keinen Zweifel aufkommen: Es wird sich schon für jeden Studenten eine Lösung finden. „Ist vielleicht ein Leistungsportler hier, der sich für eine Weltmeisterschaft vorbereitet? Nein. Na ja, und wenn: Wir kriegen das hin.“ Es wäre nicht der erste Spitzensportler, der an der Fernuniversität Hagen seinen Abschluss macht. Leistungssportler, Mütter mit mehreren Kindern, Studenten mit Handicaps, Berufstätige im Ausland, Gefängnisinsassen: Sie alle finden sich unter den Studenten der einzigen staatlichen deutschen Fernuniversität. Nils Szuka ist einer der vielen Ansprechpartner, die die Studenten von Hagen aus betreuten – per Telefon, E-Mail oder Chat.

Szuka ist Fakultätsreferent für Rechtswissenschaften und unter anderem zuständig für die Koordination der Bachelor- und Masterstudiengänge in diesem Fachgebiet. Am vergangenen Sonnabend war er zu Besuch im Regionalzentrum der Fernuniversität im Berliner Spreepalais, um etwa 80 Erstsemester im Fach Rechtswissenschaft zu begrüßen – und ihnen einen Überblick zu geben über die Gesichter, die hinter den E-Mail-Adressen, Online-Seminaren und Studienbriefen stehen.

Persönliche Ansprache ist der Universität ein wichtiges Anliegen, aller Distanz zum Trotz. Aus diesem Grund unterhält die Hochschule ein Netzwerk von Regional- und Studienzentren in ganz Deutschland. Die Studenten sollen in ihrer Nähe Ansprechpartner und Mentoren finden, nicht auf sich alleine gestellt bleiben. „Wir sind Anlaufstelle für 7500 Studierende aus der Region“, sagt Heloisa von Oldershausen, Leiterin des Regionalzentrums Berlin.

Ein Konzept, das offenbar aufgeht. Mehr als 400 Erstsemester aller Fachbereiche sind zur Begrüßungsveranstaltung gekommen, um sich mit dem Prinzip Fernstudium vertraut zu machen. Mit dem ersten Semester bekommen sie Einblick in den ganz eigenen Kosmos der Fernhochschule: Studienbriefe, virtueller Studienplatz, Lernumgebung Moodle, Einsendeaufgaben, Präsenzkurse – diese Schlagworte werden in den kommenden Jahren ihren Studienalltag prägen.

„Das ist schon eine gute Portion Post“, sagt Heloisa von Oldershausen und legt einen dicken Leitzordner auf den Tisch, prallvoll mit Papier, das beschrieben ist mit Formeln und Gleichungen. „Brückenkurs Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler“ steht auf dem Deckblatt. In dem Ordner steckt der Studienbrief für eines der Einführungsmodule im Fach Wirtschaftswissenschaften. Die Studenten bekommen das Material zu festen Terminen mit der Post nach Hause geschickt – und müssen es bis zum Semesterende selbstständig durcharbeiten. Im Anschluss wird eine Klausur geschrieben.

Trotz virtuellem Studienplatz, E-Learning und Online-Seminaren mit Diskussionen per Chat: Die Studienbriefe, in denen die Dozenten die Lerninhalte zusammenfassen, sind nach wie vor die wichtigsten Elemente des Studiums an der Fernuni. Anders als an anderen Hochschulen, wo Hörsäle und Mensa die Zentren des Campuslebens bilden, liegt das Herzstück in Hagen deshalb einige Kilometer abseits des Campus in einem Industriegebiet: das Logistikzentrum. Hier werden die Pakete mit den Studienbriefen gepackt – tausende pro Tag. Pro Modul gibt es einen dicken Leitzordner voll, „in den Briefkasten passt das nicht“, sagt Heloisa von Oldershausen.

Bis zu 50 Tonnen Papier verlassen an manchen Tagen das Logistikzentrum. Die Studienbriefe werden vor allem nach Deutschland, aber auch ins Ausland verschickt. Aktuell sind rund 6000 Studenten aus dem Ausland in Hagen eingeschrieben.

„Man braucht schon unheimlich viel Selbstdisziplin, um das Material alleine durchzuarbeiten“, sagt Gundula Dupont. Die 58-Jährige hat es schon geschafft – „obwohl mich am Anfang viele gefragt haben, warum ich in meinem Alter noch ein Studium beginne.“ Mit 46 schrieb sie sich für soziale Verhaltenswissenschaft und Literaturwissenschaft ein, zehn Jahre dauerte es, bis sie ihren Abschluss in der Tasche hatte – alles berufsbegleitend. „Zwei Stunden pro Tag habe ich dem Studium gewidmet, und wenn ich geschummelt habe, musste ich am Wochenende nacharbeiten“, erzählt sie.

Wie Absolventin Gundula Dupont ist das Gros der Studierenden an der Fernuni berufstätig: Von derzeit rund 70 000 Immatrikulierten studieren 51 000 in Teilzeit; zirka 35 Prozent haben bereits ein Studium abgeschlossen. „Wer berufsbegleitend studiert, braucht die Unterstützung seiner Familie“, sagt Gundula Dupont. Und ab und zu jemanden, der dabei hilft, den inneren Schweinehund zu überlisten. So jemand möchte die 58-Jährige nun selbst sein: Sie engagiert sich im Berliner Absolventenkreis der Fernhochschule; die Ehemaligen stehen den jüngeren Semestern bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite.

Die Hochschule wiederum tut viel dafür, ihren Studenten ein Maximum an Flexibilität zu ermöglichen. Wo jemand den Stoff durchackert, ist ohnehin jedem selbst überlassen. Auch das Tempo kann sich jeder selbst einteilen: Sieben Semester gibt die Uni maximal für den Abschluss jedes Moduls Zeit – wer kurz vor einer Klausur merkt, dass er es in diesem Semester doch nicht schafft, kann sich ohne Nachteil wieder abmelden.

Die Klausuren lassen sich außerdem an vielen Orten schreiben – in Deutschland und im Ausland. Im Inland sind einige der Regional- und Studienzentren sogenannte Klausurorte. Studenten mit Behinderung oder chronischer Erkrankung können Klausuren bei Bedarf auch zu Hause schreiben – wobei die Betroffenen sich in diesen Fällen selbstständig eine verbeamtete Aufsichtsperson suchen müssen. Auch für die Prüfung im Ausland braucht man eine offizielle Aufsicht, etwa im Goethe-Institut, der deutschen Botschaft oder einer deutschen Schule. „Vielleicht lässt sich der Klausurort ja mit dem Urlaubsort in Einklang bringen“, rät Dorothea Schulze von der zentralen Studienberatung im aktuellen Hochschulmagazin.

Trotz aller Flexibilität: Die Abbruchquote an der Fernuni ist hoch. „Mehr als die Hälfte von Ihnen werde ich nie wiedersehen“, sagt Nils Szuka seinen Erstsemestern. Nur etwa ein Drittel der Eingeschriebenen schließt das Studium auch ab. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Hochschule immer stärker auf Regionalisierung und persönliche Kontakte setzt. „Kommen Sie in die Mentoriate und zu den Veranstaltungen im Regionalzentrum“, rät Szuka. „Das erhöht Ihre Chancen, das Studium abzuschließen.“

Gemeinsam fällt der Kampf gegen den inneren Schweinehund eben doch um einiges leichter.

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