Zeitung Heute : Cancún

Speisen nach Nummern

Elisabeth Binder

Cancún, Ebertstr. 14, Mitte, Tel. 209 116 66, geöffnet täglich ab neun Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein bisschen zäh, von beiger Farbe, mit einem Hauch Asche: Irgendwie erinnerte mich der leicht angekohlte Fisch an die Haifischsteaks, die es früher immer in der Mensa gab. Nur konnte er aus einem verblüffend einfachen Grund kein Haifischsteak sein. „Nein, nein“, sagte die nette Kellnerin kopfschüttelnd. „Hier steht die Nummer 95, das ist Lachs.“ Die 95 hatte sie bei der Bestellung notiert und den „Salmón al Tequila“ mit Koriandersauce hatte ich auch mit einiger Vorfreude erwartet.

Okay, das Cancún ist kein Gourmetrestaurant, das hatten wir auch nicht vermutet bei dem bunten Restaurant gleich neben dem SAT1-Ballon auf dem Potsdamer Platz. Man sitzt ganz nett und gemütlich in dem dezent auf Folklore gestylten und geschickt aufgeteilten geräumigen Restaurant. An Cocktails ist kein Mangel, und bei den Margaritas sparen sie nicht am Tequila, wie man es in manchen kleinen Klitschen erlebt – ein guter Einstieg (5,50 Euro). Auch die Auswahl der offenen Weine ist für ein Lokal dieser Ausrichtung ausgesprochen erfreulich. Weder an dem weißen Chardonnay Copperidge aus Kalifornien (ein halber Liter für 7,50 Euro) noch an dem Cabernet Sauvignon Merlot aus Chile (0,2 Liter für 3 Euro) war etwas auszusetzen, beide sauber und für den Preis in Ordnung. Systemgastronomie kann eben auch gewisse Vorteile haben. Und hier scheint es sich um eine Kette im Aufbau zu handeln. Da darf man sich an den vielen Nummern eben nicht stören, von 1 wie „Sopa de Verdura“ bis 781 wie „Pisco Control 43 %“. Nur fördern die Nummern leider einen sehr beklagenswerten Trend: dass Kellner nicht den Schimmer einer Ahnung haben, was sie ihren Gästen auftischen. Eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, den Service-Leuten die wichtigsten Gerichte einmal vorzuführen oder, noch besser, sie mal probieren zu lassen.

Die Vorspeisenplatte nach Art des Hauses gibt’s leider erst ab zwei Personen, bietet aber einen ganz guten Einstieg in die systematisierte Küchenrichtung à la Mexicaine. In der Mitte ein dicker Würfel Nachos mit Tomaten und Käse gebacken. Ringsum Salat aus Mais und Bohnen, panierte Mozzarellasticks, Chicken Wings, Jalapeno Peppers, milde Chilischoten, gefüllt mit Cheddarkäse, Weizentortillas mit Hähnchenfleisch und Käse, frittierte, schneeweiße Süßkartoffelwurzeln, Guacamole, saure Sahne und scharfe Salsa Roja. Natürlich darf man sich keinen Illusionen hingeben: Diese Spezialitäten sind nicht von einer mexikanischen Mamma am Herd frisch gekocht worden, sondern doch wohl eher vom Kreativteam eines hochprofessionellen Unternehmens passgenau auf den herrschenden Zeitgeschmack hin entworfen worden. Nicht jedes Essen kann herzlich schmecken, das tat es auch nicht, aber es schmeckte, sagen wir tapfer (8 Euro). Am besten war noch das zarte Hähnchenbrustfilet in einer gelungenen Sauce mit grünen Tomaten und Kürbiskernen. Dazu gab es Reis und nochmals Salat (9,50 Euro) Die mexikanische Küche ist in der modischen TexMex-Variante besonders konsequent, manche würden sagen langweilig, was die Zutaten betrifft. Deshalb gibt es auch zum Nachtisch eine weiche Tortilla, diesmal gefüllt mit Apfel- und Mangostücken (4,50 Euro).

Die sehr nette Kellnerin blieb übrigens konsequent bei ihrer Auffassung, dass es sich bei dem geheimnisvollen Hauptgericht um Lachs gehandelt habe. Vielleicht lag’s an den guten Getränken, dass wir beim Rausgehen schon etwas angeheitert vor uns hinsummten: Doch der Lachs, der hatte Zähne, und die trug er im Gesicht…

P.S. Das hat mir natürlich keine Ruhe gelassen. Bin also noch mal hin, habe den Lachs bestellt. Wieder kam ein Stück Fisch, das im Grunde zu zerbraten war, um seine wirkliche Identität preiszugeben. Aber irgendwas juckte mich, weshalb ich den Haifisch gewissermaßen zum Probieren auch noch mal bestellte. Es kam genau der gleiche Fisch in genau der gleichen Sauce. Auf der Rechnung erschien zweimal Lachs. „Aber beim zweiten Mal wollte ich doch Haifisch…?“

„Hatten Sie auch“, sagte die Kellnerin mit fester Stimme und sicherem Blick. „Da hat sich nur die Kasse vertan.“ Ob das Berlins erstes surreales Restaurant ist?

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