Cannabis in Göttingen : Die Blumenkinder grüßen

Heidi Niemann
Foto: AFP

Der Göttinger Wilhelmsplatz ist einer der schönsten Plätze in der Innenstadt. Rund um das Standbild von Wilhelm IV. (1765–1837), dem einstigen Herrscher Großbritanniens und des Königreichs Hannover, gruppieren sich liebevoll bepflanzte, von akkurat geschnittenem Buchs umsäumte Blumenrabatten. In diesem Jahr ist die Anordnung allerdings kräftig durcheinandergeraten: Plötzlich sprießen zwischen Tagetes, Eisbegonien und Hornveilchen Grünpflanzen in die Höhe. Auch in anderen Beeten, Blumenkübeln und Grünanlagen tauchten die Pflanzen mit den typischen gesägten Blatträndern auf. Kurz darauf erschien ein Bekennerschreiben im Internet: Eine Aktionsgruppe namens „Einige autonome Blumenkinder“ verkündete, dass man mehrere Kilogramm Cannabissamen im Stadtgebiet verteilt habe, um gegen die „restriktive Drogenpolitik“ zu protestieren. Es sei nicht einzusehen, warum Cannabis, anders als Alkohol, nicht legal gekauft werden könne und selbst der Anbau von Hanfpflanzen mit geringem Rauschgift-Anteil (THC) verboten sei. Die „Guerilla Gardening“-Aktion stößt in Göttingen, dem Wahlkreis des Bundestagsabgeordneten Jürgen Trittin, bei der „Grünen Jugend“ auf begeisterte Zustimmung. Die Aktion sei ein „weiterer kreativer Schritt im Kampf für die umfassende Entkriminalisierung von Hanfanbau“, freut sich die Nachwuchsorganisation. Sowohl die Polizei als auch die Stadtverwaltung sind dagegen wenig begeistert. Die Aussaat von Hanf sei Privatpersonen nicht erlaubt, sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz. Lediglich der gewerbliche Anbau von Nutzhanf sei möglich, allerdings nur unter strengen Auflagen. Man habe deshalb ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz eingeleitet. Die Polizisten achten nun bei ihren Streifengängen verstärkt auf das städtische Grün und entfernen jede Hanfpflanze, derer sie ansichtig werden. Auch die Mitarbeiter des Baubetriebshofes durchforsten die Grünanlagen. Inzwischen hätten sie etwa 130 Pflanzen herausgerissen, sagt Verwaltungssprecher Detlef Johannson.

Jetzt müssen sich die Ermittler noch mit einer botanischen Frage herumschlagen: Waren es weibliche Pflanzen? Dann wäre die Aussaat eine Straftat. Die Aussaat von männlichen Pflanzen wäre dagegen nur eine Ordnungswidrigkeit, weil diese nicht den entsprechenden Anteil des Wirkstoffes THC enthalten. Nachprüfen lässt sich das kaum: Aus „verfahrensökonomischen Gründen“ wandern alle ausgerissenen Pflanzen auf den Kompost. Heidi Niemann

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