Zeitung Heute : Captain America rettet die Welt

Marc Deckert

In einigen Jahren wird es sicher Filme und Romane über den 11. September 2001 geben. Unmittelbar nach den Anschlägen spielten andere, schnellere Medien eine Rolle: das Fernsehen zur Information, Popmusik als Werkzeug der Trauerarbeit und die Fotografie, die in den vielen Ausstellungen zum 11. September sowohl die Großansicht als auch die intimen menschlichen Details der Tragödie gezeigt hat. Der Comic ist im Vergleich dazu ein merkwürdiges Zwischenmedium. Er ist langsam, und kann, wie der Spielfilm, normalerweise nur mit einem Abstand von Monaten oder Jahren auf aktuelle Geschehnisse reagieren. Er erzählt Geschichten und doch haben Comics bisher nur selten reale menschliche Tragödien erzählt - sieht man von Ausnahmen wie Art Spiegelmans berühmtem Holocaust-Comic "Maus" ab.

In den USA ist nun eine Reihe von Comics über die Helden des 11. September erschienen. Einige davon nur wenige Wochen nach den Anschlägen; die kurze Reaktionszeit war erstaunlich. Marvel Comics, einer der großen US-Verlage, der die Abenteuer vieler bekannter Superhelden wie Spiderman und Captain America herausbringt, reagierte am schnellsten und veröffentlichte bereits im Oktober einen 65-seitigen Sonderband namens "Heroes". Als Ehrung der "realen Helden" von New York sei der Band gedacht, so steht es auf dem Cover. Wobei es sich bei "Heroes" streng genommen um kein Comicheft handelt. Es enthält keine unterteilten Seiten und Bilder mit Sprechblasen, sondern großformatige Tableaus, auf denen vor allem Momentaufnahmen der Katastrophe und der Trauer zu sehen sind: das Cover zeigt einen gramgebeugten Feuerwehrmann, der einen Körper aus dem Schutt trägt. Dazu gibt es Texte, in denen sich Trauer, Poesie und nationales Pathos vermischen. Ein Nachfolgeband namens "A Moment of Silence" ist gerade erschienen. Der Band kommt ganz ohne Texte aus und überträgt so die Idee der Schweigeminute in den Comic.

Spiderman als Aufbauhelfer

Die anderen Verlage haben nachgezogen. Konkurrent DC Comics (Superman, Batman) veröffentlichte im Januar zwei 100-seitige Sonderbände namens "9-11", in denen Fiktion und Realität sich häufig auf merkwürdige Art vermischen. Auf dem Cover ist Superman zu sehen, der staunend und bewundernd vor einem großen Plakat der "realen Helden" steht: Darauf sind Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten zu sehen. Dieses Spiel mit den Perspektiven, mit innen und außen, setzt sich auch in den Geschichten fort: In "Not Real", der ersten Geschichte des Comics, wendet Superman in bekannter Manier kosmische Katastrophen von der Erde ab und sinniert dabei über seine Allmacht. Doch dann wandelt sich die Perspektive, und wir sehen, dass Superman sich nur in einem Comic im Comic befindet. Die eigene Realität der Superheldenwelt, in der alles Böse noch rechtzeitig verhindert werden kann, wird in "9-11" immer wieder gebrochen und mit den wahren Ereignissen gegengeschnitten wie in einer Parallelmontage. Der Eskapismus der Comic-Welten wird zum Thema des Comics.

Mit der Frage, warum die Anschläge nicht verhindert werden konnten, beschäftigt sich auch Band 36 des "Amazing Spiderman", der gerade erschienen ist. Das Cover ist gänzlich schwarz, im Inneren wandert Spiderman als freiwilliger Helfer durch ein zerstörtes New York. "Wo warst du? Wie konntest du das geschehen lassen?", fragen ihn einige der Opfer. So müssen sich in der Fiktion Superhelden die gleichen Vorwürfe gefallen lassen wie in der Realität die Geheimdienste, die nicht funktionierten. "We could not see it coming. No one could", philosophiert Spiderman. Obwohl diese Gedankenspiele seltsam naiv, im Angesicht der Katastrophe fast verboten erscheinen, bieten viele der Comics tiefe Einblicke in den neuen amerikanischen Patriotismus.

Man könnte sagen, dass diese gezeichneten Bilder eine aufschlussreiche Ergänzung zu den fotografierten Bildern rund um den 11. September sind, die wir bereits kennen. Vielleicht sogar eine Steigerung. Denn die überdeutliche Bildsprache von Comics übertrifft in mancher Hinsicht noch die symbolhaltigsten Fotos. Selbst das bekannte, mit Zeichen und Zitaten aufgeladene Foto, auf dem Feuerwehrmänner zu sehen sind, die auf Ground Zero die amerikanische Flagge hissen, kann mit den Motiven nicht mithalten, die in Marvels "Heroes" zu sehen sind: Auf einem Bild sehen wir etwa einen verzweifelten Captain America, der, sein Gesicht in der Hand vergraben, überlebensgroß hinter der rauchenden Skyline Manhattans steht - ein in den Nationalfarben gekleidetes, monumentales Symbol der Trauer. Die Physiognomie der "realen Helden" - also der Feuerwehrleute, Polizisten, freiwilligen Helfer - verschreibt sich ganz der Mythenbildung. Viele der Figuren scheinen ebenso wenig von dieser Welt zu sein wie Superman oder der Silver Surfer. Wir sehen Bilder von Feuerwehrleuten, die, umgeben von einem Flammenmeer, keinerlei Anzeichen von Angst erkennen lassen. Kantige und markante Gesichter prägen den Comic. In den Gesichtszügen der Helden, die selbst im Angesicht des Unfassbaren noch an ihre Aufgabe denken, verbindet sich Männlichkeit mit Menschlichkeit. Es sind mächtige Beschützer, ihre Anwesenheit beruhigt, ihr Mut tröstet.

Supermans Comeback

Ebenso wie diese angeblich "realen Helden" von fiktiven Helden abstammen, werden die fiktiven Helden nun aber immer stärker von der neuen politischen Realität beeinflusst. Auf dem Cover eines neuen Bands der "Superman Adventures" befindet sich etwa der Hinweis: "Nun mehr denn je der Beschützer der Wahrheit, Gerechtigkeit und des American Way." Auf den ersten Seiten des Comics sehen wir Superman, der einen Apple-Pie verspeist: ein nationaler Held und ein nationales Symbol. Möglicherweise war Superman seit seiner Entstehung im Jahr 1938 noch nie so populär wie jetzt. Der Boom des sterbenslangweiligsten aller Superhelden hat allerdings nicht nur mit dem 11. September zu tun, er zeichnete sich schon seit längerem ab und ist das Ergebnis eines subtilen Stimmungswandels. So scheint die Superman-Fernsehserie "Smallville", die bereits vor längerer Zeit konzipiert wurde, und im Oktober letzten Jahres startete, direkt vom Weißen Haus in Auftrag gegeben worden zu sein. Der Drehbuchautor könnte George W. Bush sein: Die Abenteuer des jugendlichen Superman spielen zwischen Scheunen und Kornfeldern im ländlichen Kansas. Superman geht noch zur Highschool, liebt seine Familie, und mit seinen großen Hundebaby-Augen ist er die perfekte Verkörperung der Unschuld vom Lande, einer Unschuld, die sich aber oft gegen eine gemeine Außenwelt mit Gewalt zur Wehr setzen muss. Meistens erinnern die Szenarien der Serie an jene Körperfresser-Filme der 50er, in denen Außerirdische stets das ländliche Amerika als erstes Angriffsziel wählten.

Den neuen Superman und seine Kollegen bei der Erledigung ihrer nationalen Pflicht zu beobachten, heißt auch eine Vorstellung von Comic-Gegenkultur zu korrigieren, die früher noch gültig war. Politisch engagierte oder kritische US-Comics waren lange keine Seltenheit. In den 50er Jahren kämpfte Captain America als verlängerter Arm McCarthys gegen den "Red Skull". Dieser Kampf war Ende der 60er zu Ende. Der Zeitgeist erforderte es, dass spätestens auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung Helden auftauchten, die gegen Rassismus kämpften oder gar rebellische Anwandlungen hatten. In den 80er Jahren schlugen populäre Comics des Superheldengenres wie "The Watchmen" oder "The Dark Knight Returns" gar einen offen regierungsfeindlichen Ton an, kritisierten Reagonomics, unsoziale Politik und die Rhetorik des Kalten Krieges. An politischem Bewusstsein haben die neuen Helden sicher nichts eingebüßt. Nur stehen sie jetzt an der Seite von George W. Bush.

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