Carpendales Abschied : Das Ende vom Lied

Zwei Minuten auf der Bühne stehen und nichts tun und den ganzen Saal in Bann halten. Das hat er von Dean Martin, das kann er immer noch. Howard Carpendale hatte einen Traum – einen Albtraum: Dass es immer so weitergeht. Aber jetzt riskiert er noch mal was, er hört auf.

Torsten Hampel

Er trägt Trauer an diesem Tag, eine Woche zuvor in der Garderobe hinter der Bühne ist das auch schon so gewesen. Er verabschiedet sich gerade von seinem Beruf. Und davon, allen dauernd beibringen zu müssen, dass er eigentlich einen anderen hat. Ich bin nicht der Schnulzenaugust, ich bin Popkünstler: nie mehr dieser Satz. Aber einmal wehrt er sich noch.

Howard Carpendale, 57 Jahre alt, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Turnschuhe, sitzt im Wintergarten eines Hotels und schaut die ganze Zeit durch die Glaswände raus, auf Chemnitz, und als er endlich über seine Liebeslieder sprechen soll, wird er zum ersten Mal an diesem Mittag bestimmt. „Das waren nur die Singles, auf einer LP ist mehr drauf“, sagt er.

Mein Gott, er war doch dauernd in Las Vegas und hat die Shows von Sammy Davis junior und Dean Martin studiert, und er hat Lieder gesungen über Gorbatschow und Kennedy und über Apartheid, und er hat neulich extra einen besonderen Mischpultmann angeheuert, einen Weltklassemann, der im Sommer mit dem Großunterhalter Robbie Williams auf Tournee gewesen ist.

Aber – und wenn er sich tausendmal anders sieht als die Menschen ihn – das muss doch nichts Schlimmes sein, ein kleines deutsches Schlagerliebeslied. Er hat die doch freiwillig gesungen. Und die kennen nun mal alle.

Howard Carpendale glaubt, hier will ihn wieder jemand nerven mit der Schlagersache, damit, dass er doch bestimmt viel lieber so etwas wie Elvis Presley geworden wäre, mit dessen Liedern hat er schließlich angefangen, und er singt sie bis heute. Dabei ist er doch längst so weit gewesen, dass er wusste, da sitzt einer mit ihm zusammen, der eine Woche zuvor in einem seiner Berliner Konzerte war und nachher zu ihm kam und sagte: „Gratuliere, und die Spritzen haben auch gewirkt, man hat an keiner Stelle gemerkt, dass Ihr Kehlkopf entzündet ist.“ Da hat Carpendale ja auch die ganzen Sachen gesungen. Nur ein Lied hat er weggelassen, aber das ist auch kein ernsthaftes Liebeslied. „Das schöne Mädschen, von Seite eins, das möscht isch haben, und weiter keins, vom Katalog aus dem Versandhaus, möscht isch das Mädschen von Seite eins.“ Das war sein erster Hit in Deutschland. Er spricht heute noch so.

Dann geh doch

Howard Carpendale wird bald kein Schlagersänger mehr sein. Er wird nicht mehr auf die Radiosender schimpfen müssen, die seine Lieder, wenn überhaupt, dann nur noch gelegentlich zwischen der Volksmusik spielen. Bei seinen Konzerten tut er das manchmal noch. Aber das ist auch schon nicht mehr für ihn, das ist für das Publikum, dem will er sagen, lasst euch nichts einreden, es ist in Ordnung, dass ihr hier seid.

Howard Carpendale hört auf. Er befindet sich auf seiner Abschiedstournee, am Abend dieses Tages zum zweiten Mal Chemnitz, Stadthalle, 1700 Leute, es gibt keine Karten mehr. Er hat noch eine Platte herausgebracht in diesem Jahr, „Der richtige Moment“ heißt sie, und noch eine Doppel-Platte mit seinen großen Hits. „Samstag nacht“, „Nachts, wenn alles schläft“, „Kein Typ für eine Nacht“. Vier neue Lieder sind auch darauf. Eines heißt „Heute nacht“. Viel Nacht, viel Verlassensein, viel Reue, aber auch ein Rausschmiss mit „…dann geh doch“ und ein gnädiges Willkommen. „Hello again“. Und jetzt also nochmal durch Deutschland, seit Oktober, dreimal war er schon in Berlin, am Freitag kommt er zum letzten Mal und tags drauf der endgültige Abschied in Köln, ein Konzert mittags, eins am Abend, insgesamt 25000 Leute. Auch alles ausverkauft, er könnte locker sein. Zufrieden mit seinem Wissen, dass er es wohl doch richtig gemacht hat.

Er hat jetzt seine Jacke ausgezogen und sie sich in den Schoß gelegt. Er war ein wenig erregt. „Meine Träume sind alle wahr geworden“, sagt er. Ah, die Sportwagen, das einigermaßen sorgenfreie Leben, die Frauen, die Häuser, die Fans. Nein, darum geht es nicht. Es geht um seinen Abschied. Er erklärt, was er meint. Es geht eigentlich auch nicht um Träume, sondern um einen Albtraum. Oder besser um einen Gedanken. Er hatte ihn vor zwei Jahren, morgens nach dem Aufwachen in seinem Bett in Florida. Irgendwas stimmt nicht, war der Gedanke. Er hat gegrübelt, was es denn sein könnte, und dann kam er drauf: Er wusste, wie sein Leben weitergehen würde. Er beschreibt es jetzt. „Alle zwei Jahre eine Platte, Tournee, gutes Geld. Alles ein bisschen vorhersehbar.“

Das ist nicht immer so gewesen. 1965 zum Beispiel, mit 19, da hat er sein Volkswirtschaftsstudium abgebrochen und ist weggegangen aus Südafrika, gleich ganz weit weg, nach London. Er wollte dort irgendwas werden, Kricketspieler am liebsten, zuerst hat er aber für die Zeitung seiner Heimatstadt Durban Berichte aus England geschrieben, Kricket hat dann nicht geklappt, zu schlecht dafür. Hat er stattdessen eben in einer Band gesungen. Er hat sich das überraschende Geständnis seines Freundes angehört, der mit ihm nach England gegangen war, mitten in der Nacht im gemeinsamen Pensionszimmerchen. Ich kann nicht mehr, ich bin schwul, und ich liebe dich, hat der gesagt. Carpendale hat nichts gesagt.

In London hat er das erste Mal Schwarze getroffen, die mit ihm als einem Gleichen redeten, und er hat einer schwarzen Frau, die mit ihm die Nacht verbringen wollte, unter einem Vorwand abgesagt. Er kam aus Südafrika, er war weiß, es war nicht einfach. Er war etliche Male konsterniert über sich. Aber er war auch jung.

Die Zeitungen und die Radiosender waren voll mit den Beatles und den Stones. Eineinhalb Jahre später ging er nach Deutschland, seine Band hatte ein Engagement, vier Wochen lang jede Nacht auftreten in einer Stadt namens Düsseldorf. Englische Beatbands waren gerade einigermaßen gefragt bei den Deutschen. Aber im Radio hörten die Leute dann doch lieber Vico Torriani und Peter Alexander. „Als ich hierher kam, waren die Sänger alle bemüht, sympathisch zu wirken“, sagt Carpendale. Er hat dann mitgemacht. Im Prinzip hat die ganze Vorhersehbarkeit damals angefangen. Das Risiko ist einfach weggeblieben.

Was gibt es zu lernen, wenn man Dean Martin studiert? Carpendale spricht wieder leise. „Du lernst, wie man das macht: zwei Minuten auf der Bühne zu stehen und nichts zu tun und trotzdem die Leute im Bann zu halten.“ Vorm Mikro stehen, zu schweigen, nach rechts zu laufen zum Klavier, dort einen Schluck aus dem Wasserglas zu nehmen zum Beispiel, zurück zum Mikro, „das hat aber gut geschmeckt“ zu sagen und dasselbe gleich noch einmal zu machen. Einen Mechanismus könne man dort besichtigen: über eine Bühne zu laufen und zu wissen, du bist wer, und dass sich das auf die Menschen im Saal überträgt.

Für den Fall, dass nicht alle im Publikum das gleich merken – es sind diesmal mehr Ehegatten dabei als sonst, und die glauben, ihn verachten zu müssen –, kommt er bei der Abschiedstournee immer durch den Saal auf die Bühne. Es gibt einen Gladiatorenmarsch, und Personenschützer laufen neben, vor und hinter ihm her, und eine Videokamera überträgt das Ganze nach vorn auf die Leinwand auf der Bühne. Da schaut aber meistens keiner hin, alle stehen auf, drehen sich herum und recken die Hälse. Sie stehen jetzt schon mal, also gibt es auch „Nachts, wenn alles schläft“, den Knaller, gleich als Erstes. Beim zweiten Lied, es ist die deutsche Version eines Hits des jungen Briten Ronan Keating, sitzen alle wieder. Es ist dasselbe Lied, in England ein Popsong zum Stehenbleiben, in Deutschland ein Sitzlied, ein Schlager, es ist verhext. Das letzte Risiko des Mannes, der als junger Kerl ohne Plan und mit wenig Geld von Afrika nach Europa ging, ist, dass es den Abend über so bleibt.

Seine Augen sind hellblau

Seit Jahren erzählt Howard Carpendale die Geschichte mit dem Kugelstoßen. Er war 13 Jahre alt und hatte sich in den Kopf gesetzt, ein guter Kugelstoßer zu werden. Er übte jeden Tag im Park vorm Elternhaus in Durban, drei, vier Stunden immer nach der Schule, immer wieder die Metallkugel aus dem Sand nehmen, an den Hals setzen und sie wegdrücken. Monate später stieß er sie bei einem Jugendwettkampf so weit wie kein anderer vor ihm. Sein Landesrekord hielt elf Minuten, dann übertrumpfte ihn sein ewiger Rivale, aber das war egal, einen Moment lang ist Carpendale der Größte gewesen. Die Geschichte soll bedeuten, wenn man fleißig ist und sich schindet, dann schafft man alles. In Chemnitz erzählt er noch eine andere Geschichte.

Sie spielt in Las Vegas, auf einer der Reisen zu den anerkannten Weltstars, im Hotelfoyer bei der Ankunft. Ein Mädchen steht hinter der Rezeption, es sieht großartig aus, die Figur und so. Howard Carpendale fragt seinen Manager, der ihn begleitet. „Sag mal, warum steht so eine hier hinterm Tresen, warum ist die kein Star?“ Der Manager soll geantwortet haben: „Schau in ihre Augen.“ Diese Geschichte soll bedeuten, vor dem Fleiß kommt der Wille. Den kann man in den Augen sehen. Carpendales Augen sind hellblau.

Das ist wahrscheinlich schon der Unterschied. Deshalb ist Carpendale heute nicht tot wie Rex Gildo und auch nicht so unglücklich, wie Roy Black es gewesen ist. Weil er nie tot oder unglücklich sein wollte. Und er hat sich nie einen dieser Namen geben lassen.

Vorm Saaleinmarsch wird jedes Mal eine Frage und eine Antwort aus einer „Johannes-B.-Kerner-Show“ vom April durch die Lautsprecher gespielt. Die erste Abschiedsankündigung. „Du wirst also definitiv deine Karriere beenden?“ - „Ja, weil ich weiß, es ist der richtige Moment.“ Auch damals, in diese Sendung, ging Carpendale schon in Schwarz, die Turnschuhe, die Hose, das Jackett. Aber vielleicht war es auch Dunkelbraun, das Fernsehen täuscht ein bisschen.

Der Vorverkauf für die Konzerte jetzt lief da bereits ein halbes Jahr, und ein paar Tage vor der Sendung gab es die Zeitungsmeldung, Carpendale habe Multiple Sklerose. Ein Arzt hat das bei ihm diagnostiziert, eine Handvoll anderer danach jedoch nicht. Er ärgert sich heute noch darüber, dass er damals nicht professionell genug reagiert habe. Was ein Sänger zu tun hat, den die „Bild“-Zeitung anruft und fragt: Sie haben MS, was machen wir denn jetzt?, das hat er nicht studiert. Er hätte sagen müssen, nein, ich habe das nicht, ich bin gesund, und nicht: Ja, es gibt da eine Diagnose. Heute weiß er das. Die Karten verkauften sich plötzlich schlecht. „Keiner kommt in ein Konzert, um Mitleid mit einem zu haben“, sagt er.

Trotz des ganzen Sports, Golf, Tennis, Kraftraum, und des gesunden Essens ist er in der letzten Zeit ein bisschen rund am Bauch geworden. Ein klein wenig wie Elvis. „Elvis war das beste Beispiel dafür, wie man konzentriert Lässigkeit verkauft“, sagt Carpendale. Bei den Konzerten sitzt er ein paar Lieder lang auf dem abgewetzten weißen Leder eines Barhockers.

Heute Abend in Berlin wird er wieder eine Spritze bekommen. Zur Beruhigung, nach dem Konzert, zum Durchschlafen bis morgen Mittag in Köln. Wer weiß, welchen Gedanken er dieses Mal beim Aufstehen haben wird. Für den Mittwochmorgen, wenn er wieder in seinem Bett in seinem Haus in seiner Wohnsiedlung in Florida aufwacht, hat er sich vorgenommen, ein bisschen traurig zu sein.

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