Zeitung Heute : Carsharing: Berlin könnte die Hauptstadt sein

Testmarkt Berlin. Die größte car2go Flotte der Welt soll ab Ende April über die Straßen der Hauptstadt rollen. Foto: Promo
Testmarkt Berlin. Die größte car2go Flotte der Welt soll ab Ende April über die Straßen der Hauptstadt rollen. Foto: Promo

Urs Kuckertz ist Autofan, ein leidenschaftlicher Autofahrer, der das seidige Geräusch eines Sechszylinders liebt, das sonore Brubbeln eines alten Ford Mustang von Weitem erkennt und für den der Geruch von Öl und Leder etwas Sinnliches hat. Aber als sein BMW nach über 20 Jahren mit kapitalem Motorschaden liegen blieb, beschloss er, keinen Neuwagen anzuschaffen. Heute nutzt er für innerstädtische Fahrten neben öffentlichen Verkehrsmitteln vor allem Carsharing.

„Ich hätte nie gedacht, dass es so befreiend ist, kein Auto zu besitzen“, sagt Kuckertz. „Aber wenn man ehrlich ist, braucht man es in der Stadt auch nicht so oft. Unser Auto hat manchmal zwei Wochen oder länger gestanden.“ Jetzt bucht er sich entweder einen Wagen von „Flinkster“ oder nimmt sich kurzerhand einen von „DriveNow“, dem Carsharing- Angebot von BMW und Mini. „Die Kombination dieser beiden Anbieter ist für unsere Bedürfnisse als Familie ideal“, sagt er. Insbesondere freut er sich darüber, dass in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung gleich zwei Stationen von „Flinkster“ sind. Hier stehen ausschließlich E-Autos. Sie zu fahren, mache richtig Spaß. Und bei 6 Euro pro Stunde plus 17 Cent pro Kilometer, sei die E-Mobilität auch noch preislich attraktiv.

„Wenn wir mit unseren zwei Kindern unterwegs sind, vergleichen wir jetzt immer, ob wir mit U- und S-Bahn billiger und schneller sind oder ob wir flexibler und günstiger fahren, wenn wir einen Wagen nehmen“, erklärt Kuckertz. Wobei er sich bei kürzeren Strecken eher für einen Mini von „DriveNow“ entscheidet als für einen E-Flinkster. Das liege an der unterschiedlichen Abrechnungs- und Buchungsart. Während „Flinkster“ je nach Fahrzeugtyp zwischen 2,30 und 8,00 pro Stunde plus Kilometerpauschale berechnet, sind es bei „DriveNow“ immer 29 Cent pro Minute bzw. 10 Cent pro Minute, wenn man den Wagen parkt und reserviert hält. Während „Flinkster“ die Autos an festen Stationen bereithält, stehen die Wagen von „DriveNow“ innerhalb des S-Bahnrings frei umher. „Wenn man ein Auto braucht, schaut man auf seinem Handy, wo der nächste freie Wagen steht, geht hin, hält sein Button an den Scanner und steigt ein. So einfach“, so Kuckertz.

Neben der Kosteneinsparung überzeugt den Fotografen der Umweltaspekt des Carsharing, speziell mit E-Autos. „Ich bin ein großer Fan von nachhaltigem Handeln“, sagt er. „Sollte ich mir je wieder ein eigenes Auto zulegen, dann wird es ganz bestimmt kein Benziner oder Diesel.“ Die Tatsache, dass bereits mehr als 260 000 Fahrer in Deutschland Carsharingangebote nutzen – Tendenz steigend – freut ihn. Vor zwei Tagen hat auch car2go, ein Tochterunternehmen der Daimler AG, verkündet, ab April mit 1000 Fahrzeugen in der Hauptstadt zu starten. „Berlin wird dann der weltweit größte Standort des Unternehmens sein“, erklärt Christoph Lang, Sprecher der Berlin Partner GmbH. „Elektrofahrzeuge – wenn auch noch in kleiner Stückzahl – werden von Anfang an dabei sein. Der Senat unterstützt solche Vorhaben, gerade auch in Hinsicht auf den Ausbau des dafür notwendigen flächendeckenden Ladenetzes und des dazugehörigen Parkraums.“

So gibt es zurzeit in Berlin 220 öffentlich zugängliche Ladepunkte für E-Autos. Bis 2015/16 sollen es insgesamt 1600 werden. „Und das herstellerneutral“, wie Lang betont. „Künftig soll das Laden weiter vereinfacht werden und diskriminierungsfrei sein. Da sind sich alle Beteiligten einig. So kann jeder Nutzer überall laden, weil die Erkennung des Nutzers und die Abrechnung über eine gemeinsame IT-Plattform erfolgen. Also nur noch Stecker rein und los geht’s. Dazu haben Stromversorger, Autohersteller und Systemlieferanten bereits ein breites Joint Venture angekündigt, das voraussichtlich in Berlin seinen Sitz haben wird.“ Und wer immer noch nicht vom Carsharing – vor allem mit E-Mobilen – überzeugt ist, kann ja mal auf die Benzinpreise sehen … Tong-Jin Smith

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