Zeitung Heute : Cartier- Bresson

Was braucht ein Mann, der zum Jähzorn neigt? Eine wie Martine Franck. Glück gehabt, HCB!

Susanne Kippenberger

Es kam, wie es kommen sollte, so, wie es in den Karten stand. Als junger Mann war der Künstler zur Hellseherin gegangen, der Mutter eines Freundes, und die hat alles vorausgesagt: die schwierige Ehe mit seiner ersten, orientalischen Frau, die glückliche mit seiner zweiten, einer viel Jüngeren, ihr gemeinsames Kind.

In einem Alter, in dem andere ihr Leben abschließen, fing er noch mal ein neues an. 1970 war Henri Cartier-Bresson oben im Olymp, der Pariser Grand Palais widmete ihm eine Retrospektive – und er, der vielleicht einflussreichste Reportagefotograf des Jahrhunderts, ließ alles hinter sich, seinen Beruf als Fotograf, die legendäre Agentur „Magnum“, seine javanische Ehefrau, eine Tänzerin. Zeichnen wollte er von nun an und heiraten: Martine Franck, 30 Jahre jünger als er. Die beiden adoptieren die Tochter Mélanie.

Es gibt so viele Gemeinsamkeiten. Fotografin ist auch sie, ab 1980 eine von wenigen Frauen bei „Magnum“. Sie kommt wie ihr Mann aus großbürgerlichen Verhältnissen – der Vater der gebürtigen Belgierin war Bankier und Kunstsammler, zu ihren Vorfahren zählen Schüler von Rubens. Beide Ehepartner haben Dokumentarfilme gedreht und eine Foto-Agentur mitgegründet, er „Magnum“, sie „Viva“. Eins aber hatte die junge Frau ihrem Mann voraus: Sie hat ein Theater mit aufgebaut, das Theatre du Soleil, zusammen mit ihrer Freundin Ariane Mnouchkine; die begleitete sie auf ihren Reisen nach China, Japan und Indien – dorthin, wo Cartier-Bresson einige seiner legendären Bilder schoss, die jetzt in der großen Retrospektive im Gropius-Bau (noch bis zum 15. August) zu sehen sind. Seit der Gründung des „Theatre du Soleil“ hat Martine Franck jede einzelne Produktion der Kompanie mit der Kamera festgehalten.

Auch die Liebe zur Leica, zur Schwarz-Weiß-Fotografie teilen sie. Ihr Credo: immer auf Überraschungen gefasst sein. Mit dem Unerwarteten rechnen. Sich den staunenden Blick bewahren.

Und die Unterschiede?

Er: hat dreimal versucht, das Abitur zu bestehen, ist dreimal gescheitert. Sie: studiert Kunstgeschichte, in Paris und Madrid. Er: lernt Malerei bei einem kubistischen Künstler, in den 20er Jahren. Sie: schreibt Jahrzehnte später ihre Dissertation über den Einfluss des Kubismus auf die Bildhauerei. Er: temperamentvoll, charmant, jähzornig, kann so großzügig wie beleidigend, so angenehm wie unausstehlich sein, voller Wut und Mitgefühl, ein ewiger Provokateur. Sie: ruhig, aufmerksam, ausgeglichen, eine Aufrechte. Ihn hat weniger das fertige Bild interessiert, als das schnelle Schießen, „Peng“, wie er selbst es beschrieben hat. Nicht umsonst hat er sich ein Jahr lang als Großwildjäger durch Afrika getrieben. Sie: Analysiert die Kamera selbst als Grenze, die sie fotografierend zu überwinden versucht. Es passiert, dass sie sich selbst beim Fotografieren vergisst, um andere besser wahrnehmen zu können.

Er sagt: „Ich habe keine Botschaft zu überbringen.“ Sie will politisch Einfluss nehmen. Mit ihrer Serie über die irische Insel Tory zum Beispiel. Zentralistisch gesinnte Politiker wollten die Bewohner der Insel aufs Festland verfrachten, dort waren sie einfacher zu verwalten. Die Französin aber zeigte auf ihren Fotos eine eigenwillige, höchst lebendige Gesellschaft.

Die Außenseiter, nicht die Mächtigen haben beide fasziniert. Für ihre Aufnahmen in Altersheimen wurde Franck bekannt, Cartier-Bresson mit seiner Reportage über die Krönung George VI. berühmt. Nicht der König und die Staatsgäste sind auf den Fotos zu sehen, sondern die Leute am Wegesrand, die alten Damen und Veteranen, Kinder, Neugierige und Schläfrige.

Die Frau hinter ihrem Mann will Martine Franck nicht sein, „das ist immer die Mutter“: Martine, eine schöne, kluge und sensible Frau, eine leidenschaftliche Leserin; wenn sie Klavier spielte, begleitete Henri sie mit der Flöte. Es gibt ein Foto von Martine Franck in der Ausstellung im Gropius-Bau, das Cartier-Bresson als alten, eleganten Mann zeigt, in einem Arm seine Enkeltochter, die sich an ihn schmiegt, in der anderen Hand ein Portrait seiner Mutter. Fotografiert zu werden, hat Cartier-Bresson verlegen gemacht. „Wenn man bekannt ist, ist das so, wie wenn man einen Fisch aus der Tiefe holt und ihn an ein Rednerpult stellt.“ Er wollte unerkannt bleiben, um besser beobachten zu können, hat sich selbst bei Preisverleihungen hinter der Sonnenbrille versteckt. Nur für seine Frau hielt er still. Zu seinem 90. Geburtstag schenkte sie ihm ein Buch voller Porträtaufnahmen. „Fotografie“, hat Cartier-Bresson einmal gesagt, „ist ein Mittel zum gegenseitigen Verstehen. Es ist eine Art zu leben.“

Martine Franck ist die Frau vor ihrem Mann: Diejenige, die ihn schützt vor der neugierigen Öffentlichkeit. Zusammen mit Tochter Mélanie kümmert sie sich um die Fondation Cartier-Bresson, eine Stiftung mit Museum in Paris, die das Werk von „HCB“ betreut. Paris ist ihre Heimat, hier leben sie, er 95, sie 65, ein paar Schritte vom Louvre, in der Rue de Rivoli: ganz oben, mit Blick auf die Tuilerien.

Und er? Hat sein erotischstes Foto, meint sein Biograph Pierre Assouline, von ihr gemacht: Martines Beine. Darauf sind sie noch nicht einmal nackt zu sehen.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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