Castro tritt ab : Nachricht vom Comandante

Vergiftete Zigarren, eine mörderische Geliebte und immer die CIA auf den Fersen: Fidel Castro hat all das überlebt. Alle Welt hat ihn für unverwüstlich gehalten. Nun gibt er, ganz beiläufig, alle Posten ab. Und Kuba wird neue Wege gehen

Volker Skierka

Am Dienstagmorgen steht es im Internet, auf der Seite der kommunistischen Parteizeitung „Granma“. Fidel Castro schreibt seinem Land. Es ist ein in nüchternen kleinen Lettern gehaltener Brief, eine nüchterne kleine Überschrift, ein kleines Foto darunter, das Castro in jünger zeigt, in olivfarbener Kampfmontur, wie immer.

La Habana, 19 de Febrero de 2008 steht oben drüber. Dann: Mensaje del Comandante en Jefe. Nachricht vom Kommandanten. Queridos compatriotas, beginnt Fidel Castro, liebe Landsleute… Dann kommt es: Ich werde den Posten des Präsidenten des Staatsrats und des Obersten Kommandeurs weder anstreben noch akzeptieren – ich wiederhole: weder anstreben noch akzeptieren.

Die Nachricht kommt nicht unerwartet, und doch erscheint sie unwirklich, denn eigentlich hat alle Welt den Máximo Líder für unverwüstlich gehalten. An diesem Morgen endet, ganz beiläufig, eine Ära. Nach fast einem halben Jahrhundert tritt Fidel Castro ab. Am kommenden Sonntag wird er sich bei der konstituierenden Sitzung des neuen Parlaments nicht mehr zur Wiederwahl stellen.

Fidel Castro ist nicht tot; er ist nur alt und krank. Schon seit einer schweren Darmoperation im Juli 2006 hatte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt; die Geschäfte hatte kommissarisch sein jüngerer Bruder Raúl übernommen. Und doch ist auch dies ein Tod: der Tod des Politikers in Castro. Und der wird nun vielen fehlen, trotz allem. Denn mit dem kubanischen Comandante ist der letzte große Charakterdarsteller von der Weltbühne der Politik abgetreten.

Was von ihm bleiben wird, ist nicht nur die Legende vom Revolutionär, der seinem Volk nach jahrhundertelanger Abhängigkeit von Spanien und den USA durch den Sieg seiner Revolution am 1. Januar 1959 erstmals zu einer nationalen Identität verholfen hat, ihm Selbstbestimmung wie Selbstbewusstsein erkämpft hat. Bei allen Mängeln hat er seinem Volk und seinem Land auch ein Gesundheits- und Bildungssystem vermacht, ein soziales Gerüst, das Vorbild für andere Länder der Dritten Welt sein könnte. Jeder kann auf Kuba heute lesen und schreiben, die Lebenserwartung ist höher, die Säuglingssterblichkeit niedriger, die Bekämpfung von Epidemien erfolgreich; das hat Fidel Castro internationalen Respekt eingebracht.

Und bleiben wird auch die Legende vom David, der ein halbes Jahrhundert lang dem Goliath im Norden die Stirn geboten hat. Weder die von der CIA gesteuerte Invasion exilkubanischer Söldner im April 1961 in der Schweinebucht noch die kostspieligsten Geheimdienstoperationen ihrer Zeit konnten sein Regime beenden. Die irrwitzige, seit 1960 wirksame Wirtschaftsblockade hat Castro nur gestärkt. Mehr als 600 Attentatsversuche soll er zudem überlebt haben. Vergiftete Zigarren, eine mörderische Geliebte, immer die CIA auf den Fersen: ein Leben wie ein Thriller.

Einzig der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und damit das Ende der Moskauer Alimente haben sein Regime ins Wanken gebracht. Fast über Nacht war Kuba auf sich allein gestellt. Erstmals in seiner Geschichte war das Land wirklich unabhängig. Und hat auch das verkraftet.

Castro hat all das ebenfalls überlebt, obwohl er alles andere ist als ein Diplomat. „Eines ist sicher“, hat der Schriftsteller Gabriel García Márquez, ein Freund von Castro, einmal angemerkt: „Wo immer er sein mag – Fidel Castro ist da, um zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass es jemanden auf dieser Welt gibt, der ein schlechterer Verlierer sein könnte als er.“

Diesem egozentrischen Handlungsprinzip zuliebe war Fidel Castro bereit, auch Ideale, Beziehungen und Freundschaften zu opfern. Als er im April 1961 den Sozialismus auf Kuba ausrief, war die Familienfinca eine der ersten, die in Gemeineigentum umgewandelt wurden. Am spektakulärsten aber war die von ihm befohlene Hinrichtung des langjährigen persönlichen Freundes Arnaldo Ochoa wegen Landesverrats und Drogenhandels im Juli 1989. Es wird allerdings vermutet, dass die Castro-Brüder vor allem einen bei Militär und Volk beliebten Rivalen aus dem Weg räumen wollten.

„Fidel Castro ist ein extremer Pragmatiker“, sagte der ins Exil nach Miami umgezogene Schriftsteller und einstige enge Gefährte, Norberto Fuentes. Für ihn ist Castro ein PR-Genie. Er habe es verstanden, früher und geschickter als alle anderen, die Medien für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Castro verkaufte seine Revolution wie man anderswo Coca Cola anpries. Das eine Interview, das Castro zu Beginn des Guerillakrieges 1957 in der Sierra Maestra dem „New York Times“-Reporter Herbert Matthews gab – zu einem Zeitpunkt, als er gerade mal eine Handvoll Krieger befehligte –, hatte eine größere Durchschlagskraft als eine ganze Armee: Es machte ihn mit einem Schlag weltweit populär und zersetzte den Rückhalt des Batista-Regimes.

Castro war ein Hexenmeister der Täuschung. Der Auftakt der Revolution, die Landung mit der überladenen Motorjacht „Granma“ am 2. Dezember 1956 an der kubanischen Ostküste, war eigentlich ein Desaster. Die Revolutionäre wurden von Batistas Soldaten bereits erwartet. Während der ersten Tage verlor Castro 59 seiner 80 Mann. Als Castro prahlte „nun werden wir siegen“, hielten ihn alle für verrückt. Dann aber, zwei Jahre später, machte sich der Diktator Batista mit der Staatskasse im Gepäck davon, und Castro zog wie Jesus mit seinen Jüngern in Havanna ein. Die Welt hatte ihren ersten Popstar.

„Hinter jedem seiner Sätze stehen Berge von Gold“, schwärmte der Philosoph Jean-Paul Sartre nach einem Besuch auf Kuba. Die Intellektuellen, vor allem in Europa, sahen anfangs in dem charismatischen Revolutionär eine verwandte Seele – bis sie merkten, dass er in Wahrheit nicht ihr Freund war. Er hat keinen Humor. Zweifel und Widerspruch kann er kaum, Ironie gar nicht ertragen. In den 60er und 70er Jahren erstickte der Apparat das Kulturleben. Wer jetzt noch Kritik wagte, fiel schnell in Ungnade, wer in die Opposition ging, riskierte Gefängnis oder das Land verlassen zu müssen. Fast zwei Millionen Menschen hat Castro seitdem ins Exil getrieben.

Castro war ein Produkt seiner Zeit, der Zeit des Kalten Krieges und des Niedergangs des Kolonialismus. Offiziellen Angaben zufolge wurde er am 13. August 1926 in Birán im wilden Osten Kubas als drittes – außereheliches – Kind des Großgrundbesitzers Ángel Castro und dessen Köchin Lina Ruz geboren. Seine Eltern konnten kaum lesen und schreiben. Zu Hause ging es, trotz des väterlichen Reichtums, den rund 1000 Landarbeiter stetig mehrten, primitiv zu. Man lebte mit den Hühnern.

Fidel lernte schnell, sich durchzusetzen. Die Eltern hatten ihn auf kirchliche Schulen geschickt, wo er wegen seiner „illegitimen“ Herkunft und späten Taufe als „Jude“ gehänselt wurde. Castro reagierte rebellisch. Einmal erwiderte er die Ohrfeige eines Lehrers. Als die Eltern daraufhin erwogen, ihn von der Schule zu nehmen, drohte er, das Haus in Flammen zu setzen. „Er hat einen sehr explosiven Charakter“, sagt sein Bruder Raúl.

Fidel Castro hat den größten Teil seiner Jugend fern von zu Hause verbracht, elterliche Liebe erfuhr er selten – und vielleicht erklärt das seine emotionale Armut. Er war hochgewachsen und sah gut aus, und doch gibt es bis heute weder eine First Lady noch ein öffentliches Familienleben. Einmal, Anfang der 50er Jahre, war er für ein paar Jahre verheiratet und hat aus dieser Ehe einen Sohn. Auch hatte er einige spektakuläre Liebschaften, aus denen mindestens sieben weitere Kinder stammen, fünf davon allein von der schönen Lehrerin Dalia Soto del Valle, mit der er immerhin seit Jahrzehnten zusammenlebt. Wirklich verheiratet aber war er nur mit seiner Revolution.

Seine entscheidende Prägung erhielt Castro bei den Jesuiten. Das Jesuitenkolleg Belén in Havanna, wohin die Eltern ihn schließlich schickten, war Kaderschmiede für den konservativen politischen Nachwuchs der Oberschicht. Die spanischen Padres, von denen viele dem Faschismus anhingen, waren begeistert von seinem Rednertalent. Sie erzählten ihm von herausragenden historischen Figuren. Am spannendsten fand Castro José Martí, den kubanischen Freiheitskämpfer gegen die spanische Herrschaft im 19. Jahrhundert. Er fühlte sich berufen, Martís Erbe anzutreten und nach den Spaniern endlich auch die Amerikaner aus dem Land zu treiben.

„Wenn dieser Krieg vorbei ist, wird für mich ein noch viel längerer und größerer Krieg beginnen, der Krieg, den ich gegen sie führen werde“, schrieb Castro im Juni 1958 an seine Vertraute Celia Sánchez. Mit „sie“ meinte er die USA. Er sollte diesen Krieg bekommen. Schon im März 1959 nickte US-Präsident Eisenhower Pläne der CIA ab, die Castro-Brüder und Che Guevara „im Paket“ zu eliminieren – wegen der Ansteckungsgefahr, die von der kubanischen Revolution ausging.

Washington trieb Kuba damit der Sowjetunion in die Arme, schneller sogar, als es dieser recht war. Castro war Moskau nicht geheuer. Man hielt ihn für einen Abenteurer, stellte aber die Bedenken hintan, schließlich bekam man direkt vor der Tür des amerikanischen Erzfeindes einen Brückenkopf zur Ausbreitung der Weltrevolution frei Haus. Doch war der Preis dafür am Ende sehr hoch.

Drei Jahrzehnte lang päppelte Moskau die Karibikinsel mit Wirtschafts- und Militärhilfe sowie Krediten in Milliardenhöhe. Castros und besonders Che Guevaras kostspieliges ökonomisches Experiment – einen neuen Menschen zu formen, der selbstlos der Revolution dient und ohne Geld auskommt – trieb die Freunde im Kreml fortwährend an den Rand der Verzweiflung. Man war genervt von Castros „Partisanenmanier“.

Bedenkt man die Wucht solcher von eigener Hand gemachter gemeinsamer Geschichte, so fallen die Reaktionen auf Fidel Castros Abdankung seltsam kühl aus. Der Chef der russischen kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, würdigt Castro als „brillanten Politiker“; von Putin jedoch kein Wort. George W. Bush erfährt von Castros Machtverzicht in Afrika. Für zehn US-Präsidenten war der Máximo Líder die ideologische Herausforderung schlechthin. 49 Jahre haben die USA auf diesen Moment gewartet. Und nun kommt sein Ende so beiläufig. Bush kann nicht einmal eine Triumphrede im Fernsehen halten. Von Ruanda aus fordert er einmal mehr, Kuba solle endlich freie Wahlen abhalten.

Was wird nun aus Fidel und seinem Kuba werden?

„Die Zukunft des Landes beginnt nach Castro“, heißt es in Kuba oft. Es passt zum Comandante, dass er seinen Abgang so inszeniert, dass er ihn noch selbst erleben darf – vor allem, weil er so noch bestimmen kann, wer ihm folgt. Und das ist aller Wahrscheinlichkeit nach sein Bruder Raúl. In seiner Nachricht an die Landsleute hat Castro auch geschrieben: Glücklicherweise kann unsere Revolution auf Kader der alten Garde zählen, die in den frühen Etappen der Revolution sehr jung waren. Sie haben die Autorität und die Erfahrung, die Nachfolge sicherzustellen.

Das Spannendste wird aber sein, zu sehen, wie der neue Staatsrat, der sich am kommenden Sonntag konstituiert, zusammengesetzt sein wird: vor allem, wer den Ministerrat bildet. Denn Raúl Castro, der ebenfalls schon auf die 80 zugeht, kann nur ein Übergangsführer sein. Immerhin gilt es, den kubanischen Sozialismus einerseits zu bewahren, andererseits so zu reformieren, dass er eine Zukunftschance hat.

Man wird sehen, ob der 56-jährige De-facto-Ministerpräsident Carlos Lage, der eher den Reformwilligen zugerechnet wird, wieder eine Führungsrolle spielt. Er hatte seinerzeit mit Raúl Castros Rückendeckung jene Wirtschaftsreformen eingeführt, durch die Kuba den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa überlebte. Ihm gegenüber steht der bisherige Außenminister Felipe Pérez Roque, der ein Ziehsohn Fidel Castros ist, ideologischer Stalinist und äußerst ehrgeizig.

Über 70 Prozent der kubanischen Bevölkerung sind nach dem Sieg der Revolution geboren. So sehr die Bevölkerung sich wünscht, sogenannte Errungenschaften der Revolution wie das Gesundheits- und Bildungssystem zu bewahren, so sehr hofft sie auch auf Freiheiten, die ihr bislang vorenthalten werden. Der Durchschnittsverdienst liegt bei 20 bis 30 Dollar im Monat. Es gibt Herzoperationen, aber kein Aspirin, höhere Bildung, aber kein Papier, Aluminiumtöpfe, aber keine Streichhölzer. Vor allem aber fällt Castros Demokratiebilanz negativ aus. „Wir beobachten in Kuba weiterhin Menschenrechtsverletzungen, es gibt keine wirkliche politische Beteiligung der Bevölkerung“, sagen Menschenrechtler. Kuba unter Castro kannte keine Parteien, keine freie Presse, keine Reisefreiheit.

Raúl Castro hat als Interimspräsident im vorigen Sommer die Bevölkerung aufgerufen, über „strukturelle und konzeptionelle Reformen nachzudenken“. In der Folge brachen über 3,5 Millionen Eingaben über die Regierung herein. 1,2 Millionen wurden ausgewählt, um bearbeitet zu werden. Ob das alles jedoch so weit führt, dass von einer Öffnung gesprochen werden kann, bleibt abzuwarten.

Am ehesten wird sich Kuba vermutlich ökonomisch reformieren. Immer wieder ist spekuliert worden, dass nach Castro eine Art sozialistischer Kapitalismus etabliert werden könnte, in Anlehnung an das chinesische oder vietnamesische Modell. Die Frage ist, wie sich die Nähe zu den USA auswirkt. Die Furcht vor einer Invasion exilkubanischer Horden ist groß. Man fürchtet, dass die „Wessis“ aus Miami über die „Ossis“ auf Kuba herfallen und ihnen Wohnung und Arbeit, ja das ganze Land wegnehmen. Castro hat seinen Kubanern Stolz und Selbstbewusstsein vermittelt, bei aller Not und Armut.

Mitarbeit: Christoph von Marschall

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