Zeitung Heute : CD-ROM: Multimedialer Dreisprung

Klaus Angermann

Wenn die Frankfurter Buchmesse ab Mittwoch zum 53. Mal Bücherfreunde aus aller Welt einlädt, werden - wie bereits in den Jahren zuvor - zwischen zigtausenden Buchseiten nahezu gleichberechtigt auch interaktive CDs platziert sein. Statistisch hat ungefähr jeder Dritte der beinahe 7000 Aussteller elektronische Produkte im Gepäck, angefangen vom einfachen Hörbuch über Videos bis hin zu hochkarätigen CD-Produktionen aus den Bereichen Wissen und Unterhaltung, kurz Edutainment und Infotainment. Elektronische Medien gehören bei der Buchmesse zum Alltag: Ganz nebenbei hat sich die Buchmesse zur größten Messe für Electronic Publishing gemausert. Nirgendwo sonst gibt es so viele Informationen zu interaktiven CD-ROMs, Online-Verwertung und Print on Demand.

Traditionsgemäß spielen wissensvermittelnde Multimedia-CDs eine große Rolle. Rund die Hälfte der ausstellenden Bildungs- und Wirtschaftsverlage setzt auf digitale Zugpferde: Online-Aktualisierungen, Infos auf CD-ROM oder interaktive Lernprogramme sind die gängigsten Anwendungen. Noch begehrter sind multimedial aufbereitete Lexika, die die Infos aus bekannten Printmedien mit Videoclips und informativen Hyperlinks ins Internet versehen. Die mittlerweile als interaktive Standardwerke etablierten Lexika "Der Brockhaus multimedial 2002" sowie die "Encarta 2002" von Microsoft erscheinen zur Buchmesse in neuer Auflage und werden ergänzt durch "Meyers Großes Taschenlexikon" in 25 Bänden plus CD-ROM.

Hoch im Kurs stehen zudem aufwändige Schulhilfen, die auf allen Informationsebenen Wissen vermitteln. Der Berliner Cornelsen Verlag, spezialisiert auf Bildungsmedien, nennt das auf der Buchmesse neudeutsch "trimediales Power Learning". Was sich eigentlich nach einer Extremsportart anhört, ist nichts anderes als die Verbindung des althergebrachten Buches mit zugehöriger CD und darauf abgestimmter Online-Präsenz. Schülern der Mittelstufe sollen mit diesem Lernhilfen-Paket Deutsch, Mathematik oder Englisch näher gebracht werden. Neben den Übungen aus dem Buch oder der CD-ROM unterstützt der Web-Auftritt mit ausgebildeten Pädagogen Rat suchende Schüler über einen Chat und hilft bei Hausaufgaben. Der interaktive Lernhilfenmarkt ist ein erfolgreiches Konzept der Multimediabranche, wie Wolf-Rüdiger Feldmann von Cornelsen bestätigt: "Im Vergleich beispielsweise zu Spielen hat Lernsoftware von Cornelsen nach wie vor Wachstumspotenzial mit einem steigenden Umsatzanteil."

Auch für die Kleinsten unter den Computer-Benutzern sind multimediale Produkte zur Wissensvermittlung kaum noch wegzudenken. Prämierte Silberscheiben wie die gelungenen Fernsehumsetzungen der ersten beiden "Sendung mit der Maus"-CDs wurden über 150 000 Mal verkauft oder gehen mittlerweile wie die beliebte "Löwenzahn"-Reihe in die fünfte Auflage. Dennoch macht sich in der Branche teils eine leichte Katerstimmung breit, denn für viele der großen Hersteller sind die Verkaufszahlen im Vergleich zu den Vorjahren gesunken. "Der Markt ist vielfältiger und damit enger geworden", erläutert Mil Thierig von der Branchengröße Tivola die Situation. Nicht nur, dass neue Verlage wie Kiddinx mit der "Benjamin Blümchen"- oder der "Bibi-Blocksberg"-Reihe sich ein Stückchen vom Multimedia-Kuchen abschneiden, auch der Preisdruck ist höher geworden - Qualität kostet eben, und der sensible, immer besser informierte Käufer ist wählerischer geworden.

Dennoch gibt man sich kämpferisch: "Wir werden uns letztendlich durch die Qualität unserer CDs am Markt durchsetzen", ist sich Thierig, der Verkaufshits wie die Maus-CD oder die interaktive "TKKG"-Kinderserie herausgibt, sicher. Ein Trend, den auch die Halbjahreszahlen 2001 des Verbandes der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD) bestätigen. Demnach gingen zwar die Stückzahlen bei PC-Infotainment und Edutainment zurück, dafür zeigten sich die Käufer bereit, mehr Geld für hochwertige Software auszugeben. Iris Bellinghausen von Terzio glaubt ebenfalls, dass sich langfristig nur hochwertige Erzeugnisse durchsetzen. "Der Inhalt und nicht der Preis ist entscheidend", so Bellinghausen. Und mit der interaktiven Umsetzung des ZDF-Fernsehratespiels "1, 2 oder 3" oder einer angepassten CD-Kinderversion der Pro 7-Sendung "Welt der Wunder" will Terzio zeigen, wie sich gelungene Fernsehkonzepte auch auf den Computer übertragen lassen.

Ziel der meisten multimedialen Silberscheiben ist es, eine Verbindung von Lerninhalten mit spielerischen Elementen zu schaffen. Zur Buchmesse bringt zu dieser Thematik United Soft Media (USM), ein weiterer Multimediaspezialist, mit "Sethi und das Geheimnis des Pharaos" ein CD-Spiel mit, das Kindern ab sechs Jahren spielerisch die Welt der Pyramiden und Pharaonen näher bringt.

Erfreulich ist, dass das Medium DVD, das ein Vielfaches mehr an Platz als die CD bietet, immer häufiger Verwendung findet. So spart man einerseits das leidige CD-Wechseln, andererseits lässt sich - zumindest theoretisch - entschieden mehr Inhalt unterbringen.

Traditionelle Buchverlage nutzen gleichfalls multimediale Möglichkeiten und peppen ihr Online-Angebot auf, um Bücher dem Kunden näher zu bringen. "Der Club" zum Beispiel setzt als verkaufsförderndes Element unter www.derclub.de/dse/livedemos interaktive Bücher ein, die am Monitor mit Mausbewegungen durchblättert werden können. "Anders als in einem normalen Online-Shop können Mütter schon vor der Bestellung entscheiden, ob das Buch etwas für ihre Kinder ist", erläutert Iris Ullrich von der Realspace GmbH, die diese Technik auch für BOL oder den Kinderbuch-Verlag Thienemann anpasst. Allerdings dient dies nur als Appetitanreger; "richtig" gelesen wird weiterhin auf den Buchseiten aus Papier.

Oder aber über ein grafisch hochauflösendes Display; wie jedes Jahr zeigen die elektronischen Bücher, eBooks genannt, in Frankfurt ihre neuen Fortschritte. Gemstar stellt gleich zwei neue Exemplare vor, von dem eines fast ein Kilogramm wiegt, dafür aber mit einem großen farbigen Bildschirm zukünftige digitale Aufbereitungen zum Beispiel von Zeitschriften möglich macht. Andere Ansätze verfolgt der Hersteller Franklin, der seinen "eBookMan" gleich mit Funktionen wie E-Mail-Versand und Verwaltung von Terminen ausstattet, die sonst digitalen Assistenten wie Palm oder iPaq vorbehalten sind. Auch Microsoft dringt mit dem neuen "Pocket PC2002"-System auf den eBook-Markt, das besonders hochauflösend und lesbar Texte darstellt. Der Konkurrenzkampf macht es dem Kunden nicht einfacher, sich für eine Variante zu entscheiden, zudem mehrere Textsysteme wie Microsoft Reader, Adobes eBook Reader und andere existieren.

Ob sich die Bücher-Klone letztendlich durchsetzen, hängt neben einem transparenten Angebot auch von der Titelvielfalt ab: eBook-Shops wie BOL oder dibi.de können aus der aktuellen Buch-Top-Ten bei Amazon.de gerade mal eines in digitaler Form anbieten - vorläufig sicher noch zu wenig, um als wirklich attraktive Alternative zum Buch aufzusteigen.

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