Zeitung Heute : CD-Rom-Report: Reise ins Surreale

Dietrich Kluge

Es waren Bilder einer beklemmenden Traumwelt, die der russische Regisseur Andrej Tarkowskij 1980 in seinem Epos "Stalker" dem staunenden Kinobesucher zeigte. Beim Versuch in das Zentrum einer geheimnisvollen "Zone" vorzudringen, durchstreifen die Darsteller Landschaften voller irrealer Eindrücke und fantastischer Bilder. Als der Berliner Künstler Franz John 1990 mit einer Kamera ausgerüstet in das Gebiet des Mauerstreifens um das ehemalige West-Berlin eindrang, kann dies wie ein déjà-vu des Films gewirkt haben: Zwischen gerade verlassenen Grenztürmen, meterhohen Betonplatten und Baracken dokumentierte er eine im Verfall begriffene Landschaft.

Das Filmmaterial hat John nun auf einer CD-ROM multimedial aufbereitet. "Interzone" heißt dieses Werk, das eher einen künstlerischen als einen dokumentarischen Anspruch erfüllen will. Die Benutzung verzichtet daher auch auf konventionelle Steuerelemente. Lediglich eine zentrale Task-Leiste bietet grobe Navigationsmöglichkeiten. Beim virtuellen Spaziergang durch die Grenzanlagen sind Intuition und Fantasie gefragt. Zwar informiert eine eingeblendete Karte über den jeweils aktuellen Standort, ein Überblick lässt sich dennoch nicht gewinnen. Es ist eben doch, ganz im Sinne Tarkovskijs, eine Reise ins Surreale, die den User erwartet. Das computergenerierte Niemandsland, in dem sich der Betrachter bewegt, bietet immer neue Überraschungen. Neben den zahlreichen Ausschnitten aus Johns Kameraarbeit haben unter anderem Exkurse in die Welt der Fibanocci-Zahlen Platz, die den Populationszuwachs der bis dato noch unbehelligt auf dem Grenzstreifen grasenden Kaninchen abbilden.

Eine Besonderheit des Mediums: Die CD-ROM wirkt über ihren eigentlichen Inhalt hinaus: Auf seinem Weg trifft der Grenzgänger auf Verweise ins Internet und fügt so das Kunstwerk in ein Netz weiterführender Informationen ein.

Die CD-ROM kostet 89 Mark und ist für PC und Mac geeignet. Zum Abspielen der Videos wird der frei erhältliche Apple Quick-Time Player benötigt.

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