Zeitung Heute : CD-ROM: Unter Tage

Henry Steinhau Kurt Sagatz

Die Kaffeemaschine blubbert und dampft, auf einer Holzbank liegen Schoko- und Müsliriegel. Nervennahrung gegen Ermüdungserscheinungen. Es ist kühl und ungemütlich. Eine klamme, modrige Luft liegt im Raum, fährt nach und nach durch alle Kleidungsritzen in die Glieder, macht fröstelnd und müde. Jedenfalls wenn man sich nicht bewegt. Und das kommt bei der Arbeit mit Computern und digitalen Geräten häufiger vor. Dann schlägt die dunkel-feuchte Atmosphäre "unter Tage" schon mal aufs Gemüt - vielleicht nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Maschinen. Jedenfalls zeigt der Computerbildschirm plötzlich grünliche Linien, die vorher nicht zu sehen waren.

Ort des Geschehens ist ein "Multimedia-Set". In den Gängen und Räumen eines riesigen, unterirdischen, ehemaligen Luftschutzbunkers fängt das Berliner Multimedia-Studio eku interactive Bilder und Töne für seine neueste Produktion ein, die in diesen Tagen pressfrisch erschienene CD-ROM "Berlin im Untergrund - Potsdamer Platz". Sie basiert auf dem gerade veröffentlichten Buch "Der Potsdamer Platz von unten" des Berliner Stadtentwicklers und Buchautoren Dietmar Arnold, der zugleich dem Verein "Berliner Unterwelten" vorsteht.

Ausgehend von Arnolds Texten sowie seinem umfangreichen Bild- und Foto-Material - aus Archiven geangelt und von Fotografen angefertigt - bietet die CD-ROM eine "interaktive Zeitreise" unter diesen ganz besonderen Platz in Berlins alter und neuer Mitte. Bunkergänge, Kellergewölbe und (Baustellen-)Tunnel erzählen spannende Geschichten und spiegeln zugleich Geschichte.

Insgesamt umfasst die Untergrund-CD die Zeitspanne von 1871 bis zur Gegenwart, unterteilt in vier Epochen. Angefangen in der Gründerzeit der Jahre um den Wechsel zwischen 19. und 20. Jahrhundert, als die Dauerbaustelle Berlin mit Rohrpost und ersten U-Bahn-Abschnitten ausgestattet wurde. Im zweiten Zeitabschnitt während des Dritten Reichs wird auch untertage schneller gebaut als vertretbar. Selbst Tote und Verletzte werden in Kauf genommen bei den aberwitzigen Pläne für Hitlers Germania auf der einen und den riesigen Bunkerbauten der Reichsministerien auf der anderen Seite. Auch nach Kriegsende wurde es um Berlins Untergrund keineswegs still. Vor allem die Fluchttunnel nach dem Mauerbau lenkten die Aufmerksamkeit auf den unsichtbaren Teil der Stadt.

Seit dem Fall der Mauer steht der Potsdamer Platz aus anderem Grunde wieder im Mittelpunkt des Interesses: als Europas größte Baustelle, die die Wunden zwischen Ost und West verheilen soll. Fast vierzig Jahre stand die Zeit hier still. Wie an keinem anderen Platz in der Stadt wurde der Zustand der Berliner Unterwelt so konserviert wie hier, um nun mit Kanzler-U-Bahn, neuer Nord-Südtrasse und gigantischen Tiefgaragen eine neue Epoche einzuläuten.

Um den Nutzern das richtige Gefühl für diese eigentümliche Bunker- und Kelleratmosphäre zu vermitteln, inszenierte eku interactive für die CD-ROM eine virtuelle Bunker-Begehung mit spielerischen Elementen: Erst wer im richtigen Raum des unterirdischen Labyrinths landet beziehungsweise die richtigen Türen öffnet, dem eröffnet sich die multimediale Dokumentation aus den Tiefen von Berlins wohl berühmtesten und geschichtsbeladenstem Platz. Über 600 Fotos und Abbildungen, rund 90 Minuten Sprechertext und verschiedene Möglichkeiten, sich durch die Fülle der Informationen zu klicken, wurden multimedial zu einem atmosphärisch stimmigen Gesamtwerk zusammengefasst.

Die multimediale Umsetzung dieses Stoffes ist für Multimedia-Pionier Eku Wand im doppelten Sinne nahe liegend. "Im Vergleich zu nach wie vor geöffneten Museen macht hier die virtuelle Abbildung noch mehr Sinn, denn viele Bunkeranlagen sind entweder abgerissen, verschüttet oder schwer zugänglich, und nicht für die Begehung durch ein Massenpublikum geeignet", sagt der Gründer und Geschäftsführer von eku interactive. Als sich Wand für die Produktion der Untergrund-CD entschied, hatte er ein weiteres Projekt vor Augen: Ein Computer-Adventure unter den Straßen von Berlin. In Angriff nehmen will er dies jedoch erst, wenn auch die Finanzierung steht.

Dass er an zeitgeschichtlichen Themen besonders interessiert ist, hatte er schon mit dem mehrfach preisgekrönten interaktiven Dokumentar-Thriller "Berlin Connection" gezeigt und dabei wichtige Erfahrungen im Umgang mit foto-dokumentarischem Material gemacht. Auch bei "Berlin im Untergrund" kommen 360-Grad-Rundumbilder zum Einsatz. Gleitend ineinander übergehend erzeugen diese Ganzraum-Panoramen einen plastischen Eindruck der Bunkerräume, die man als Nutzer - immer im Mittelpunkt der Szenerie, interaktiv begeht und systematisch entdeckt.

Die spezielle Multimedia-Technologie, die das zwölfköpfige Team von eku interactive im Bunker einsetzte, heißt "Quicktime Virtual Reality", kurz QTVR. Die von der Computerfirma Apple entwickelte, für Macintosh und Windows verfügbare Software ist weltweit verbreitet und genügt mittlerweile hohen Produktionsansprüchen. So sind beispielsweise spezielle Stativ-Aufsätze erhältlich, die durch vorgefertigte Fixpunkte das schrittgenaue Drehen der digitalen Kamera um jeweils 30 Grad ermöglichen. Das erhöht die Passgenauigkeit, mit der die jeweils zwölf Bilder eines Standortes zu einer Rotunde zusammengefügt werden.

"Dieser Rundumblick ist eine völlig neue Denke für mich", erzählt der Kameramann Frieder Salm. Er arbeitet sowohl für Film- und Fernsehproduktionen als auch im Bereich der Fotografie. Er war an einigen "Unterwelt"-Projekten von Dietmar Arnold beteiligt und erwies sich dabei als ein Meister der atmosphärischen Ausleuchtung: Seine Art, mit kleinen Strahlern und großen Schatten zu arbeiten, lässt das zugleich massiv-unerschütterliche wie bedrückend-klaustrophobische von unterirdischen Räumen zum Vorschein kommen, macht es erfahrbar. Doch nicht nur der Rundumblick, auch das Denken in jeweils ein paar Meter voneinander entfernten Rotunden ist für den professionellen Bildermacher Salm eine neue Erfahrung, die ihm sichtlich Spaß macht: "Man muss immer in die jeweils anschließenden Räume denken und leuchten. Und unheimlich auf Kleinigkeiten aufpassen." Etwa, dass eine halb offen stehende Tür immer im selben Winkel aufsteht. Hierfür haben die Produktionsassistenten viele kleine Klebestreifen platziert.

Fehler passieren natürlich dennoch. Um auf diese schnell reagieren zu können, hat eku interactive für die drei langen Drehtage im Bunker ein kleines digitales Produktionsstudio aufgebaut: In einem einstigen Schlafraum des Bunkers, wo noch die originalen Dreistock-Stahlpritschen aus dem Krieg stehen, leuchtet ein bunter iMac. Über einen angeschlossenen Speicherchipleser gelangen die frischen Bilder aus der digitalen Kamera in den Rechner und können sofort beurteilt werden. "Wir haben uns vorher eine Art Rohgerüst unserer späteren Anwendung gebaut, um nicht nur die Wirkung der Bilder, sondern eben auch die Bildanschlüsse und die Wirkung der Bewegungen durch die virtuellen Räume sofort überprüfen zu können", erklärt Eku Wand, während er sich die neuesten Schüsse des Kameramanns in einer Demo-Simulation ansieht und hier und da noch Verbesserungsmöglichkeiten entdeckt. "Das Gute ist ja", so Wand, "dass unsere Produktionswerkzeuge zugleich auch die Abspielplattformen für die Nutzer sind, wir können uns also am Produktionsort in die Rezeptionssituation versetzen."

Die Unmittelbarkeit ist für den Multimedia-Regisseur Wand, dessen Honorarprofessur an der Uni Braunschweig kürzlich in eine feste Stelle umgewandelt wurde, künstlerisch wichtig. Auf der anderen Seite muss der Dreh in einer solch unwirtlichen Location so schnell wie möglich gehen. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern weil sonst die Crew - und ihre Maschinen - womöglich doch noch einen Bunkerkollaps kriegen.

In den regulären Handel kommt die CD "Berlin im Untergrund" erst im September. Doch bereits jetzt können Interessierte die Dokumentation im Tagesspiegel-Shop in der Potsdamer Straße erwerben. Der Einführungspreis liegt hier bei 19,90 DM, in den Handel kommt die CD später für 29,90 DM. Mit etwas Glück können Tagesspiegel-Leser die Tunnel-CD auch gewinnen. Beim großen Reisequiz, das seit dem 25. Juni für vier Wochen veranstaltet wird, werden insgesamt 250 Silberscheiben unter den richtigen Einsendungen ausgelost.

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