Zeitung Heute : CeBIT 2001: Mehr Internet im kleinen Finger

Markus Ehrenberg

Macht die CeBIT schlau? Oder krank? Oder beides? Wenige Tage, bevor die weltgrößte Computermesse in Hannover die neuesten Handys und Computer zeigt, kommt eine erstaunliche Nachricht aus Fernost. Die Psychologin Tatia Lee Mei-chun von der Universität in Hong Kong hat 72 Jugendliche getestet, von denen die Hälfte ein Handy benutzte. Sie prüfte anhand einfacher Tests, wie lange die Jugendlichen zur Lösung bestimmter Aufgaben brauchten. Dabei haben offenbar die Handynutzer "signifikant besser" abgeschnitten als der Rest. Handys machen demnach schlauer. Ob sie auch Augenschäden verursachen, wie hin und wieder vermeldet, ist noch nicht bewiesen. Freie Fahrt also für den großen CeBIT-Trend 2001: Mobile Zugänge über Handys und Laptops, die den Computer auf dem Schreibtisch ablösen sollen.

Das Büro der Zukunft kann überall sein, mit Multifunktionsgeräten wie dem Smartphone von Ericsson oder dem Communicator 9210 von Nokia. Für 1800 Mark ist dieses Gerät Telefon, Organizer, Office-Programm und Internet-Browser in einem: 400 Gramm High-Tech zum Aufklappen. Selbst kleine Videos laufen auf dem 9210. Telefonieren wird da zur Nebensache, erst recht bei einer weiteren Messe-Neuheit: dem "Table-PC", einer Mischung aus großem Computer und Laptop. Bislang gibt es nur Prototypen, unter anderem von Sony. Die sehr flachen Geräte können neben den herkömmlichen Aufgaben eines Desktop-Rechners auch Handgeschriebenes erkennen.

Das Spannendste an der CeBIT sind die Prototypen. IBM zeigt mit Miele eine Waschmaschine, die über das Telefon gesteuert werden kann, und digitalen Schmuck: Ohrringe als Lautsprecher, eine Halskette als Mikrofon und ein Ring als Navigationswerkzeug im Internet. Wie gesagt, das sind Prototypen. Bei der CeBIT 2001 fragt keiner, ob das alles marktreif wurde. Solche Studien zeigen aber, was in Sachen Mini-PC möglich ist. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist flexibel, kabellos, vernetzt, mobil und bekommt so viele Geräte in einem wie nur irgend möglich.

In diesem Wettbewerb weit vorne liegt der MP3-Player Kodakmc3, ein Apparat zum Abspielen von aus dem Internet heruntergeladener Musik, in dem eine Digital- und eine Videokamera eingebaut ist. Für Filme, Musik, E-Mail und Internet unterwegs bastelt Sharp an einem handgroßen MPEG-4-Movie-Player. Unter den Arm passt auch das Einsteiger-Notebook von Sony, der QR 10. Hier geht der Trend zu Subnotebooks, die weniger als zwei Kilogramm wiegen, aber trotzdem noch eine Tastatur in ausreichender Größe bieten. ICE21 präsentiert einen Rechner im Alukoffer, bei dem man eine Seite entfernt, um das Display freizulegen. Nicht nur bei diesem Produkt wundert man sich, dass noch keiner vorher darauf gekommen ist. Das Diktafon "Dragon NaturallySpeaking 5.0 Mobil schreibt die Briefe mit Hilfe einer Spracherkennungssoftware gleich selbst, wenn es mit dem Laptop zusammengestöpselt wird (Preis: 499 Mark).

Am häufigsten auf der CeBIT vertreten: die elektronischen Organizer (PDAs), die allesamt, mit angestecktem Handy, Internet-fähig geworden sind. Darunter der Klassiker Palm V oder der erfolgreichste Pocket-PC, der iPAQ H3630 von Compaq, mit Navigationssystem, das einen sicher nach Hause bringt. Vorausgesetzt, man kann mit dem Eingabe-Stift umgehen. PDAs sind tastaturlos. Dafür braucht man bald kein Portemonnaie mehr. Der Handheld PC Smart Boy von Thendic hat ein GSM-Modem und einen Kreditkartenschlitz. Und Mobilfunkgesellschaften wie debitel bringen sogenannte "Paybox"-Dienste auf den Markt. Damit wird die Cola am Automat oder die Taxifahrt über das Girokonto abgebucht, mithilfe der Handy-Verbindung, ohne Angabe der Kreditkartennummer.

Einziger Wermutstropfen beim Thema M-Commerce, dem Handel über mobile Endgeräte: die Datensicherheit. "Die Unternehmen investieren in ihre Datennetze, der Ausbau der Sicherheit steht noch hinten an", sagt Willi Berchtold vom Branchenverband BITKOM. Dennoch gingen im vergangenen Jahr europaweit 145 Millionen Mobiltelefone über den Ladentisch. In den nächsten zwei Jahren soll sich die Zahl der Mobilfunkteilnehmer verdoppeln, hofft die BITKOM. Handys für alle - es muss ja nicht gleich ein Communicator 9210 sein. "Signifikant" schlauer machen auch kleinere Nokia-Handys, auf der CeBIT in Halle 26.

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